Komische Oper Berlin

Singen hat für Nicole Chevalier etwas mit der Seele zu tun

Die Sängerin und Schauspielerin Nicole Chevalier über ihre Rolle in der Neuproduktion „Die schöne Helena“, die von Intendant und Chefregisseur Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlininszeniert wird.

Foto: Buddy Bartelsen / impress picture/Buddy Bartelsen

Sind es die großen, braunen Augen, die einen in den Bann ziehen, oder die gesamte persönliche Ausstrahlung oder die Gestik? Ich sitze in der Kantine der Komischen Oper Berlin und kann meinen Blick nicht von der jungen, schlanken Frau lassen. Nicole Chevalier, Schauspielerin und Sängerin, unterstreicht ihre Worte vehement mit den Händen und wirft ihr braunes, langes Haar temperamentvoll in den Nacken.

Sie scheint immer auf der Bühne zu stehen, ob privat oder im Job. Sie schafft eine wunderbare Bindung zwischen sich und ihrem Gegenüber. Und das in wenigen Minuten. Der Zuhörer vergisst den Raum und lässt sich von Chevalier in ihre persönliche Welt tragen. Sie wohnt mit ihrem Mann Thomas, ebenfalls aus dem Theaterfach, und ihrem knapp zweijährigem Sohn in Prenzlauer Berg und ist seit der Spielzeit 2012/13 festes Ensemblemitglied in der Komischen Oper Berlin.

Facettenreiche Produktionen

In der Neuproduktion „Die schöne Helena“, inszeniert von Intendant und Chefregisseur Barrie Kosky, verkörpert die charismatische Schauspielerin und Sängerin die Titelpartie. „Ich arbeite gern mit Barrie Kosky zusammen“, sagt Nicole Chevalier. Besonders schätzt sie sein schnelles Tempo und seine Art, aus den Künstlern das Maximum an Kreativität herauszuholen. Und sie ist stolz darauf, an der Komischen Oper Berlin die unglaublich facettenreichen Produktionen mittragen zu dürfen. So schlüpfte sie in den vergangenen Spielzeiten unter anderem in die Rolle von Titania in „Ein Sommernachtstraum“, Télaire in „Castor et Pollux“, Pamina in „Die Zauberflöte“, Fiordiligi in „Così fan tutte“ und Rosalinde in „Die Fledermaus“.

Jacques OffenbachKomödie „Die schöne Helena“ ist eine weitere Herausforderung für die vielseitige Künstlerin. „Dies ist eine Charakterrolle, die sehr abwechslungsreich ist. Singen, Tanzen, Sprechen, Spielen, und das in einem atemberaubenden Tempo. Das muss man erst einmal hinkriegen“, so Nicole Chevalier. Hinzu komme noch der Humor, den man auf der Bühne richtig leben müsse. „Dazu braucht man eine gute Kommunikation zwischen dem Ensemble und den Zuschauern. Ich habe bei der Darstellung dieser schönen und verrückten Helena festgestellt, dass es nicht leicht ist, eine Komödie zu spielen. Eine neue Erfahrung für mich!“

Stehende Ovationen als Violetta

Als ihr bisheriges „Meisterstück“ bezeichnet Nicole Chevalier ihre Rolle als Violetta in „La Traviata“ an der Staatsoper Hannover. Sie erhielt für die Darbietung stehende Ovationen vom Publikum und wurde für diese Interpretation 2011 für den Theaterpreis „Der Faust“ nominiert. Eine Rolle, die sowohl schauspielerisch als auch gesanglich alles abverlangt. Chevalier steht zweieinhalb Stunden allein auf der Bühne.

Wie verkraftet man so eine One-woman-Show? „Meine Angst war, dass ich während dieses Marathonauftritts das Interesse der Zuschauer verlieren könnte. Gott sei Dank war das nicht der Fall. Ich spiele die Violetta immer noch bis zu fünf Mal im Jahr in Hannover. Dieses Stück ist von der Schwierigkeit her hoch drei und bittersüß. Es ist eine gute Übung für mich und hat mir gezeigt, dass ich ziemlich kreativ bin. Bei den Proben mit Regisseur Benedikt von Peter habe ich viel gelernt, und ich genieße die Erkenntnis, so lange bei mir bleiben zu können.“

Bereits die weltberühmte Maria Callas glänzte in dieser Rolle. „Ich liebe Maria Callas. Sie war sehr musikalisch, sang mit dem Herzen und unglaubliche Gefühle gingen durch ihre Stimme. Ich greife gern auf ihr Repertoire zurück“, so Chevalier.

Violetta geht an der Liebe zugrunde. Gefährdet man sich durch das Darstellen dieses Schicksals auch ein wenig selbst? „Ja“, Nicole Chevalier muss bei der Antwort nicht lange nachdenken. „Singen hat etwas mit der Seele zu tun. Man gibt Teile von sich selbst. Man verliert sich selbst. Wenn ich eine Rolle ausfüllen will, muss ich alle Gefühle und Erfahrungen einbringen. Als Künstlerin öffne ich mich und stehe quasi nackt auf der Bühne. Da bin ich verletzlich, es kommen private Erlebnisse und Emotionen hoch. Manchmal weiß ich dann nicht mehr, ob ich Nicole oder Violetta bin.“

Sie gesteht, dass sie nach der Vorstellung dann oft „leer“ ist, nicht sprechen kann und will. „This is for you“, sagt Violetta am Anfang und am Ende der Vorstellung. Nicole Chevalier setzt diesen Satz in die Tat um und überzeugt die Zuschauer jedes Mal aufs Neue. Für ihre sängerische Leistung und ihr außerordentliches schauspielerisches Talent wurde sie bereits 2009 für die Partie der Lucia di Lammermoor am Staatstheater Kassel in der Zeitschrift „Opernwelt“ als beste Sängerin nominiert.

Urenkelin von Maurice Chevalier

Die Sopranistin hat gelernt, dass auch Operette und Komödie alles andere als leicht sind. „,Die schöne Helena’ ist eine Opéra-bouffe, eine komische Oper, da müssen Gesang, Tanz und Schauspiel perfekt getimt sein, damit es wirklich komisch ist. Das ist mindestens genauso schwierig und anstrengend wie das Dramatische.“ Eine große Aufgabe für sie und das gesamte Ensemble der Komischen Oper Berlin.

Die temperamentvolle Künstlerin ist die Urenkelin des Schauspielers und Chansonsängern Maurice Chevalier (1888–1972). Berühmt wurde der Dandy durch den Hollywood-Film „Gigi“, der 1959 mit neun Oscars ausgezeichnet wurde. Vielleicht hat die Sopranistin ihr Talent von ihm geerbt. Sie ist jedenfalls davon überzeugt, dass sie den richtigen Weg eingeschlagen hat. „Dieser Beruf ist schwer. Wenn man anfängt, hört man Nein öfter als Ja. Man opfert sehr viel. Trotzdem ist er meine große Liebe und Leidenschaft. Meine Bühne ist ein wenig wie mein Wohnzimmer. Ich liebe es, das Publikum zu unterhalten, etwas zu erzählen und den Abend zu gestalten.

Nicole Chevalier, die in den USA geboren wurde und auch dort studierte, hat noch Träume. „Ich würde gern einmal auf einer ganz großen Opernbühne stehen, nur um zu sehen, wie sich das anfühlt. Oder einmal ein großes Opern-Festival leiten – vielleicht in New York.“ Wer weiß, vielleicht sagt das Schicksal eines Tages auch zu ihr: „This is for you!“

Die schöne Helena

Opéra-bouffe von Jaques Offenbach

in der Komischen Oper Berlin

bis 23. Januar 2015

Karten unter Telefon 030 47 99 74 00

www.komische-oper-berlin.de