Es ist nicht ganz neu, West-Berlin als Insel zu bezeichnen, gern sagt man ja auch: Insel im Roten Meer. Das hat mit der Geschichte der durch Krieg und Nachkrieg gleichsam künstlich gegründeten Halbstadt zu tun und damit, dass sie sich jahrzehntelang tatsächlich von einem fremden politischen Element umgeben sah, dem sozialistischen deutschen Teilstaat namens DDR.

Vor fünf Jahren erst hat der Berliner Autor Wilfried Rott eine ebenso ausführliche wie schön geschriebene Geschichte West-Berlins mit dem Titel „Die Insel“ vorgelegt, in dem er das ganze metaphorische Potential des Begriffs ausschöpfte.

„Die Insel“ heißt auch der zweiteilige Film von Claus Richter und Stefan Aust, den das ZDF am heutigen und am Dienstag kommender Woche zeigt. Das Bild als solches ist also nicht neu; neu ist vielleicht etwas anderes. Und das sieht man auch an diesem Film.

David Bowie als Anstoß

Es handelt sich dabei um eine gewisse Nostalgie im Hinblick auf das alte West-Berlin, die schon etwas länger durch den deutschen Kulturbetrieb spukt. Anstoß und Beispiel zugleich dafür war 2008 das Buch „Helden. David Bowie und Berlin“ des Journalisten Tobias Rüther. Es erinnerte an die Schöneberger Zeit des Weltstars Mitte der siebziger Jahre, in der er sich, von Drogen zerrüttet, völlig neu zusammensetzte. Das Buch machte eine kulturelle Glanzzeit der Frontstadt wieder gegenwärtig, die damals fast vergessen schien. Und als hätte ihm jemand einen Tipp gegeben, schrieb David Bowie dann im vergangen Jahr noch selbst mit „Where are we now“ eine Hymne auf eine Zeit, die uns heute schon ganz mit historischem Edelrost überzogen scheint.

Nun also Claus Richter und Stefan Aust. Letzterer dürfte als langjähriger „Spiegel“-Chef hinreichend bekannt sein, ersterer ist Redaktionsleiter des ZDF-Politmagazins „Frontal 21“. Sie versuchen sich an einem schwer zu absolvierenden Kunststück. Ihr Zweiteiler soll nämlich alles sein: politische Chronik und Analyse, kultur-, wirtschafts- und sozialhistorische Einordnung. So wie diese bizarre Halbstadt West-Berlin ja auch alles war: „Ein bisschen Disneyland, ein bisschen Horrorkabinett, ein bisschen Museum, ein bisschen Gartenlaube, ein bisschen Truppenübungsplatz“, wie der Off-Kommentar zusammenfasst.

Und sie sind auch alle dabei. Willy Brandts außenpolitischer Berater Egon Bahr, der das politische Grundgefühl im West-Berlin in der Zeit des Kalten Kriegs, die Konfrontation von Amerikanern und Sowjets, so beschreibt: „Wenn die Elefanten anfangen zu tanzen, dann treten die Mäuse am besten ruhig zur Seite.“ Oder der in der zweiten Folge ruhig erläutert, wie die Idee des „Wandels durch Annäherung“ zustande kam, die zum Leitmotiv der Neuen Ostpolitik Willy Brandts werden sollte. Dann ist da Berlins Ex-Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen, der die Mitschuld am Mauerbau auch in der Passivität der Amerikaner begründet sieht: „Kennedy hat ein Signal gegeben – das lassen wir zu.“ Oder Otto Schily, der die Empfindungen an jenem 13. August 1961 ganz simpel so zusammenfasst: „Wir waren voller Wut“.

Weniger Bekanntes zutage gefördert

Die Bilder rund um den Mauerbau – die Wache schiebenden Vopos, das Zumauern der Fenster an der Bernauer Straße, der über den Stacheldraht springende Soldat – sind natürlich tief in das historische Gedächtnis eingeprägt. Und doch fördert die Dokumentation auch weniger Bekanntes zutage: Ein beschwingtes Lied etwa, das die DDR-Führung wenige Stunden nach der Abriegelung der Grenzen im Rundfunk spielen ließ. „Unser schönes Berlin wird sauber sein“, heißt es in dem von Eberhard Fensch geschriebenen Lied, „denn wir haben den Kalten Kriegern am Rhein / ihre Menschenfalle verriegelt / und mit rotem Wachs versiegelt.“

Dem Mauerbau folgten 28 lange Monate, in denen Ost- und West-Berliner ohne jeden politischen Kontakt blieben. Erst das Passierscheinabkommen vom 17. Dezember 1963 linderte die städtische Teilung – ein wenig jedenfalls. Grob Absurdes hatte jahrzehntelang Bestand. Weil die DDR die Reichsbahn verwaltete, gehörten zum Beispiel auch die Bahnhöfe im Westen der Stadt zum Territorium des sozialistischen Teilstaats. Eberhard Diepgen schüttelt heute noch ungläubig mit dem Kopf, wenn er davon berichtet, dass Erich Honecker formal einverstanden sein musste, wenn am Bahnhof Zoo ein neuer Fahrstuhl gebaut werden sollte.

1963 war auch das Jahr, in dem John F. Kennedy seine berühmt gewordenen Worte „Ich bin ein Berliner“ vor dem Schöneberger Rathaus sprach. Dem speziellen Verhältnis der Berliner zu Amerika, das durch 1968 zahlreiche Risse erhielt, widmet sich der Film ausgiebig – der ehemalige Botschafter Richard Burt kommt zu Wort, und gleich mehrfach wird hervorgehoben, dass die 6000 in Berlin stationierten US-Soldaten gegen die sowjetische Bedrohung nichts hätten ausrichten können und allenfalls als „Stolperdraht“ eine Funktion gehabt hätten.

Ausflüge in Kultur- und Alltagsgeschichte

Die politische Wegmarken schreitet die Dokumentation mit Vollständigkeit ab – narrativ aufgelockert immer wieder von Ausflügen in die Kultur- und Alltagsgeschichte. Da sind naturgemäß Lieder von den Rolling Stones zu hören, von „Paint it black“ bis „Jumping Jack Flash“ ist vieles dabei, und kreischende Teenies schütteln die Haare. Im Schriftsteller Peter Schneider haben die Autoren einen guten Erzähler gefunden, der abseits des politischen Establishments nicht nur vom ersten Mauertoten Peter Fechter, sondern auch von der Studentenrevolte 1968 erzählen kann.

Bernhard Brink und Gunter Gabriel, Rolf Eden, Ute Lemper und Rosa von Praunheim, Uschi Obermeier und Romy Haag: Sie alle berichten bald schwärmerisch, bald verwundert über das Nachtleben in der halben Stadt, die es nicht mehr gibt. Schon mit der Aufhebung der Sperrstunde 1949 hatte sie auf bundesrepublikanischem Territorium ein Alleinstellungsmerkmal erhalten, dem sich bald weniger erfreuliche hinzugesellten: eine beispiellos florierende Prostitution etwa oder eine Drogenszene, die mit Christiane F.’s berühmt gewordenen Buch über die „Kinder vom Bahnhof Zoo“ ihr eigenes Mahnmal erhielt. Es sind Abgründe und komische Höhepunkte, die dieser Film beleuchtet, aber vor allem enthält er Tragik und vieles, worüber man sich noch heute ärgern kann. Das macht ihn sehenswert.

ZDF, Dienstag, 21. Oktober und 28. Oktober, 20.15 Uhr