Morgenpost vor Ort

„Freiheit ist nicht selbstverständlich“

Experten diskutieren beim 10. Leserforum „Morgenpost vor Ort“ am Potsdamer Platz über Berlin 25 Jahre nach dem Fall der Mauer – und die Herausforderungen für die Zukunft.

Klaus Wowereit ist dann nicht mehr hingefahren. Jenen denkwürdigen Abend des 9. November 1989 erlebte der heutige Regierende Bürgermeister vor dem Fernseher. „Am nächsten Tag ging es dann richtig los“, erzählt Wowereit auf dem 10. Leserforum „Morgenpost vor Ort“ in der Berliner Freiheit am Potsdamer Platz. Der Grenzübergang am Kirchhainer Damm wurde geöffnet, die ersten Trabis fuhren durch Lichtenrade. „Das ist für mich heute noch sehr bewegend“, erinnert sich der damalige Stadtrat aus Tempelhof an die historischen Tage.

Wie Wowereit, so ging es auch den anderen Teilnehmern auf dem Podium des Leserforums. Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat und Professor am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität ging früh ins Bett und verschlief das Ereignis. Auch Christine Richter, Mitglied der Chefredaktion der Berliner Morgenpost, fuhr nach einem Essen mit einer Freundin nach Hause und verpasste den historischen Moment.

Bei Christian Mackrodt war es noch wilder. Der damals 14 Jahre alte Schüler lebte mit seinen Eltern in Köpenick. Er verschlief nicht nur den Abend, er verschlief auch am nächsten Morgen, kam zu spät zur Schule und wunderte sich, dass der Sportlehrer ihn dafür nicht zusammenstauchte: Mackrodt war der einzige Schüler, der überhaupt in der Schule erschienen war. Er hat inzwischen mit „Ostkreuz“ ein Buch über seine Jugend zur Wendezeit unter unsicheren Verhältnissen geschrieben.

25 Jahre später sind sich die Teilnehmer einig, dass viel erreicht wurde. Wie selbstverständlich die Einheit schon ist, verdeutlichte Moderator Hajo Schumacher mit einem Blick in die Zeitung. Welche Geschichten wären heute ohne den Fall der Mauer denkbar? Eine Kanzlerin Angela Merkel gäbe es mit Sicherheit nicht, der Pannen-Flughafen BER wäre nie geplant worden und das Phänomen Helene Fischer hätte es wohl auch nicht gegeben, sagt Schumacher mit Blick auf den russischen Familienhintergrund der Sängerin.

Legendenbildung der DDR

Dass der Tag des Mauerfalls sich derart in das kollektive Bewusstsein der Deutschen eingebrannt hat, ist auch wissenschaftlich zu belegen. „Die alte westdeutsche DDR-Forschung hat zielgenau daneben geforscht“, sagt Schroeder. Die westdeutschen Wissenschaftler hätten die DDR-Angaben zur wirtschaftlichen Situation im Osten kritiklos übernommen. So sei die westdeutsche Forschungslandschaft davon ausgegangen, dass die DDR die zehntstärkste Industriemacht auf der Welt sei, das Ausmaß der Stasi-Spitzelei sei dagegen weitgehend ignoriert worden. „Die alte Forschung hat zur Legendenbildung der DDR beigetragen“, sagt Schroeder. Der Tag des Mauerfalls kam also für alle vollkommen überraschend. Dass die DDR tatsächlich wirtschaftlich und sozial am Ende war, wurde erst in den folgenden Monaten klar.

Da war die jüngere Generation längst in die innere Immigration abgewandert. Autor Mackrodt sieht sich dabei als Teil einer Glücksgeneration – denn er war zu jung, um entscheidende Weichenstellungen für den beruflichen Werdegang noch zu Mauerzeiten vornehmen zu müssen. „Ich musste nicht mehr entscheiden, wie sehr ich mich mit der DDR ins Bett lege“, sagt er. Für viele Ältere kam der Mauerfall aber zu spät. Entweder hatten sie sich für den Gang in die Opposition entschieden und sich dadurch um die Möglichkeit gebracht, das Abitur zu machen und zu studieren, oder sie hatten sich in das System verstrickt – vielleicht mehr als sie ursprünglich geplant hatten. „Natürlich“, assistiert Wowereit. „Es gab ja nicht nur Gewinner der Einheit, es sind auch viele auf der Strecke geblieben.“ Ihre Firmen verschwanden, ganze Berufe gab es plötzlich nicht mehr. Und die, die zu alt für einen Neuanfang waren, haben den Einigungsprozess als Niederlage erfahren.

Unterschiedliche Mentalitäten

Aber wie viele Narben bestehen insgesamt noch, ein Vierteljahrhundert später, fragt Schumacher in die Runde? Laut Historiker Schroeder bestehen noch deutliche Unterschiede. 40 Prozent der Deutschen sind der Auffassung, dass das Trennende zwischen Ost und West überwiegt (50 Prozent in Ost-Deutschland, 30 Prozent in West-Deutschland), hat das Meinungsforschungsinstitut Allensbach herausgefunden. 70 Prozent (Ost) bis 90 Prozent (West) wollen noch unterschiedliche Mentalitäten zwischen den Landesteilen bemerken. Das seien gravierendere Ergebnisse als zwischen Nord- und Süddeutschen. Dennoch: „Das ist schon eine Leistung, was in 25 Jahren entstanden ist“, sagt Schroeder.

Auch Wowereit stellt vor allem das bereits Erreichte in den Vordergrund. „Es ist ja nicht schlimm, dass Menschen unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben“, sagt der scheidende Regierende Bürgermeister. „Es ist die Frage, wie sehr man sich anderen Erfahrungen öffnet.“ Gerade in Berlin gebe es das klassische Ost-West-Denken kaum noch. „Berlin ist der einzige Ort in Deutschland, an dem von Anfang an Ost und West zusammenkam.“ Das sieht auch Christine Richter so. Die Unterschiede zwischen Dresden, der Stadt, aus der ihre Familie stammt, und München seien noch weit größer als innerhalb Berlins.

Tabubruch rot-roter Senat

Die Faktoren für das Zusammenwachsen in der Stadt waren nach Ansicht der Diskutanten vielfältig. Die Übernahme eines Großteils der Ost-Beamten leistete dazu ebenso einen Beitrag wie die zügige Angleichung der Gehälter. Und auch die erste rot-rote Koalition in der Stadt, die Wowereit für viele überraschend vor 13 Jahren einging. „Ein Tabubruch“, wie sich Richter erinnert. „Aber im Nachhinein die richtige Entscheidung. Wir wurden unter Rot-Rot manchmal besser regiert als unter der aktuellen Großen Koalition.“ Wowereit erinnert sich etwas anders. „Es war mehr als ein Tabubruch. Es wurden Kübel voller Gülle über mir ausgeschüttet.“ Dabei hatte die damalige PDS (heute: Linkspartei) im Ostteil der Stadt 67 Prozent der Wählerstimmen erhalten. „Das konnte man doch nicht einfach wegwischen.“

Aber es gab auch die andere Seite. „Sieh’ mal“, habe ein ehemaliger politischer Häftling zu Klaus Schroeder gesagt, „jetzt fahren die schon wieder im Dienstwagen davon.“ Bestimmte Politik-Kader, die schon zu DDR-Zeiten oben schwammen, hatten es durch die Regierungsbeteiligung der PDS/Linkspartei geschafft, wieder zur politischen Elite zu gehören. Das traf auf Unverständnis. In dieser Zeit habe sich zwischen Zustimmung zur Einheit und Festhalten am Alten auch ein dritter Zustand herausgebildet, den Mackrodt „Gegenstolz“ nennt und Schroeder „Abgrenzungsidentität“. Nachdem sich viele Ost-Berliner in den 90er-Jahren von der Stadt nicht voll akzeptiert fühlten, entwickelten sie ein eigenes Selbstbewusstsein, das aber nichts mit DDR-Symphathie zu tun gehabt habe.

Kollektives Gedächtnis pflegen

Aber auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer ist die deutsch-deutsche Geschichte nicht frei von Widersprüchen. Wie es denn zusammenpasse, auf der einen Seite das Zusammenwachsen zu loben, gleichzeitig aber die Erinnerung an die Teilung lebendig halten zu wollen, fragt Morgenpost-Leser Detlef Lindemann. Für Christian Mackrodt ist das keine Frage. Das Zusammenwachsen sei klar wichtiger. „Aber wir müssen das kollektive Gedächtnis weiter pflegen“, widersprach Wowereit vorsichtig. „Keiner darf die Illusion haben, dass die Freiheit selbstverständlich ist.“ Unterstützt wurde Wowereit darin von Historiker Schroeder. Die Erinnerung an das geteilte Land solle gegen neue totalitäre Verführungen immunisieren. „Ich hoffe, dass die Demokratie in Deutschland stark genug ist standzuhalten, sollte es einmal sozial oder wirtschaftlich richtig zur Sache gehen“, sagte der Wissenschaftler und erhielt dafür anhaltenden Applaus aus dem Saal.

Für die Zukunft sei wichtig, waren sich die Gäste einig, dass Berlin seine Vielfalt und Offenheit behält. „Ich rede gern mit Leuten aus dem Ost-Teil und gehe gern in Charlottenburg in Kneipen, in denen es so aussieht wie im alten West-Berlin“, sagt Morgenpost-Leser Uwe Freund. „Ich nehme auch gern den Mauerstreifen mit und freue mich, weil es vor dem Mauerfall nicht möglich war“, fasst Lindemann sein Gefühl zusammen. Hajo Schumacher zitiert ein elfjähriges Mädchen, das sich zum zehnjährigen Mauerfall geäußert hat und den Zustand der Einheit auch aus heutiger Sicht brillant zusammenfasste: Das Problem seien nicht die Wessis und auch nicht die Ossis. „Das Problem sind die Idioten.“