Film

Wenn zwei Kinder allein durch Berlin irren

Ein aufrüttelndes Filmdrama über vernachlässigte Kinder, die tage- und nächtelang durch die Stadt irren: „Jack“ von Edward Berger zeichnet ein bedrückendes Bild.

Foto: ©Jens Harant

Das Gesicht wirkt so müde. So traurig. So ausgebrannt. Nichts Kindliches ist in diesen Zügen. Jack ist erst zehn Jahre alt – aber alles Spielerische hat er längst verloren. Nur einen ganz flüchtigen Glücksmoment gönnt das Filmdrama „Jack“ seinem Titelhelden. Gleich zu Beginn, wenn er friedlich in der Morgensonne neben seinem vier Jahre jüngeren Bruder Manuel im Bett schläft. Aber dann klingelt der Wecker, der Junge hetzt in die Küche, macht das Essen für sich und den Bruder, zieht sich nebenbei an und rennt dann, das Nutella-Brot noch im Mund, los zur Schule.

Es gibt auch eine Mutter. Sie ist erst Mitte 20, hat ihre Kinder offensichtlich sehr früh bekommen. Und kümmert sich noch offensichtlicher zu wenig um sie. Sie zieht nach einem Tag im Tiergarten lieber noch um die Häuser und schickt ihre Jungs ganz allein Richtung Siemensdamm. Sie kommt erst mitten in der Nacht heim und immer wieder mit fremden Männern. Je länger der Film läuft, desto mehr graut einem vor dieser Rabenmutter, die das nicht mal böse meint, die einfach viel zu jung ist. Und keine Ahnung hat, was das heißt: Verantwortung.

Eine allgemeingültige Geschichte

Ihr Älterer weiß es umso mehr. Er ist es, der seinen Bruder am See vor dem Ertrinken bewahrt und ihm beibringt, wie man die Schuhe bindet. Aber als es dann doch in der Hektik zu einem Unfall kommt, landet Jack im Heim. Und Manuel, weil die Mama jemand Neuen kennenlernt, bei einer Freundin. Bis Jack ausbüxt, seinen Bruder abholt und sich mit ihm, in bedingungsloser Liebe, auf die Suche nach der verschwundenen Mama macht. Eine tagelange Odyssee durch die Stadt. Allein in Berlin.

Regisseur Edward Berger hat es sich verbeten, wiedererkennbare Touristen- oder Hipster-Hotspots in Szene zu setzen. „Jack“ ist in der Peripherie angesiedelt und könnte überall spielen. Eine allgemeingültige Geschichte, die eine Großstadt von ihrer kühlsten, abweisenden Seite zeigt. Denn das Erschreckende ist: Niemand scheint sich daran zu stören, dass die beiden Kinder allein unterwegs sind. Sie ernähren sich von Zucker- und Milchtüten aus Cafés und übernachten in Autowracks und Tiefgaragen, sie ziehen durch Kneipen, Lagerhallen und immer wieder endlose Straßen. Niemand fragt nach, was sie hier suchen, oder bietet gar seine Hilfe an.

Das Ende einer Kindheit

„Jack“, der auf der vergangenen Berlinale im Wettbewerb gelaufen ist und jetzt ins Kino kommt, ist kein Problemfilm. Er wartet nicht mit Plattenbau- oder Hartz-IV-Tristesse, Problemkiezen oder gar häuslicher Gewalt auf. All diese Aufregerthemen, die so viele Betroffenheitsstudien durchexaminieren. Er zeigt uns vielmehr einen fast normalen Allerweltshaushalt, bei dem man nur nicht weiß, wie tief die Abgründe hinter der Fassade sind. Die junge Mutter, Sanne, von Luise Heyer sehr überzeugend gespielt, ist keine Messie-Mama und wird im Film auch nicht denunziert. Sie liebt ihre Jungs wohl wirklich, ist aber sozial inkompetent.

Regisseur Berger, bekannt durch Filme wie „Frau2 sucht Happy-End“ und dem Grimme-Preisträger „Ein guter Sommer“, ist das Kunststück gelungen, keinen didaktischen Film mit moralisch erhobenem Zeigefinger zu machen. Er und seine Frau Nele Müller-Stöfen, die mit ihm das Drehbuch geschrieben hat und auch als Heimleiterin zu sehen ist, wollen uns nichts sagen, sie zeigen einfach nur. Zeigen ein Stück deutsche Wirklichkeit. Zeigen, wie das ist, wenn das, was wir Familie nennen, nicht mehr funktioniert. Das Ende einer Kindheit, die Nöte eines überforderten Jungen, der am Ende eine drastische, existenzielle Entscheidung treffen muss.

Aus der Hocke gedreht

Das wird radikal aus dessen Sicht gezeigt. Es gibt keine einzige Szene ohne Jack. Die Szenen sind nicht geschnitten, sondern in langen Plansequenzen gedreht, damit die Filmemacher möglichst wenig nachträglich manipulieren konnten. Und: Der Film ist buchstäblich auf Augenhöhe. Der Kameramann hat ihn elf Wochen lang aus der Hocke gedreht. Die Sensation ist dabei der junge Berliner Ivo Pietzcker, der Darsteller des Jack, der noch nie zuvor vor der Kamera gestanden hat und doch so souverän und überzeugend agiert, dass selbst der Regisseur schwärmt, der ganze Film finde in dessen Gesicht statt.

Aus der Perspektive unschuldiger Kinder kann man jedes Reizthema erzählen. Das wird auch zur Genüge getan. Und geht oft genug daneben. Ganz schlimm sind dabei Kinderdarsteller, die sich verbiegen und falsch angeleitet werden. Umso großartiger, wenn am Ende ein so packender, so stimmiger, so wahrer Film wie „Jack“ heraus kommt.