Erziehungshilfe

Überforderte Eltern - Berlin zahlt mehr als 400 Millionen Euro

Berlin gibt immer mehr Geld für Familienberatung, Jugend-Wohngemeinschaften, Heime und andere Hilfen zur Erziehung aus. Die Kosten sprengen den Haushalt. Die Praxis in den Bezirken ist unterschiedlich.

Es war Thilo Sarrazin, der 2003 auf die Bremse trat. Familienberatung, Jugend-Wohngemeinschaften, Kinderheime und andere Hilfen zur Erziehung hatte der damalige Finanzsenator als unerklärlich hohe Ausgabenposten im damals noch defizitären Landesetat ausgemacht. Kinder, Jugendliche und Familien mit Problemen nahmen in Berlin sehr viel mehr staatliche Unterstützung in Anspruch als in anderen Städten. Die Ausgaben für diese Erziehungshilfen waren bis auf 451 Millionen Euro pro Jahr geklettert, viel mehr als eingeplant war. Senat und Bezirke drückten die Ausgaben nach unten, begleitet von heftiger Kritik. 2006 war man bei 318 Millionen Euro für den im Fachjargon „HzE“ genannten Haushaltsposten angekommen. Doch seitdem steigen die Kosten wieder.

2013 zahlte das Land dafür 441 Millionen Euro, deutlich mehr als im Etat eingeplant war. Gleiches droht in diesem Jahr, denn Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) hat für 2014 insgesamt 426 Millionen vorgesehen. Dabei ist nicht absehbar, dass die Kosten wirklich sinken werden. Denn es werden wieder mehr Kinder, Jugendliche und Familien betreut. Ende 2013 liefen 21.388 Hilfe-Maßnahmen, mehr als zum vergleichbaren Stichtag des Jahres 2002.

„Das muss nicht heißen, dass sich die Situation der Kinder und Jugendlichen verschlechtert hat, sondern man guckt eher besser hin“, sagte Joachim Decker, Referent für Hilfen zur Erziehung beim Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Mitglied des Landesjugendhilfeausschusses. Dennoch werfen die Zahlen, die die Senatsverwaltung für Jugend dem Abgeordnetenhaus vorgelegt hat, viele Fragen auf. Vor allem, weil sich die Lage in den einzelnen Bezirken unterschiedlich darstellt.

Erhebliche Ausgaben

Die gesamte Hilfe-Landschaft ist so vielfältig wie die Einzelfälle, über die die Sozialarbeiter in den Jugendämtern zu entscheiden haben. Ein Bezirk wie Friedrichshain-Kreuzberg arbeitete 2012 mit 282 Organisationen und Einzelpersonen zusammen. Insgesamt bieten in Berlin 900 Träger Leistungen der Jugendhilfe an.

Die Ausgaben sind erheblich. Laut der Senatsverwaltung für Jugend kostet eine Familienhilfe mit fünf Stunden pro Woche über ein Jahr 12.000 Euro, eine Heimunterbringung bis zu 42.000 Euro und eine therapeutische Wohngemeinschaft knapp 22.000 Euro. Dennoch ist Berlin noch immer deutlich billiger als andere Städte im Bundesgebiet, wie die Liga der Wohlfahrtsverbände betont.

Große Unterschiede zwischen den Bezirken

Dass die Kosten in einigen Bezirken deutlich höher liegen als 2002, lässt sich zum Teil mit der steigenden Zahl junger Einwohner unter 21 Jahren erklären, die einen gesetzlichen Anspruch auf individuelle Unterstützung haben. So lebten in Lichtenberg im vergangenen Jahr fast 3000 mehr Kinder und Jugendliche als 2010, ein Plus von 6,8 Prozent. In Pankow waren es sogar fast neun Prozent oder mehr als 5000 zusätzliche potenzielle Kandidaten für die staatlich finanzierten Hilfen. Während jedoch Pankow weniger Geld für die Hilfen zur Erziehung ausgab als 2010, stiegen die Kosten in Lichtenberg um rund ein Drittel.

Aussagekräftig ist ein Vergleich der Hilfedichte pro Bezirk. Sie misst, wie viele Hilfen die jeweiligen Jugendämter pro 1000 Kindern und Jugendlichen bewilligt und bezahlt haben. Im Berliner Durchschnitt sind das fast 35, ein Wert, der in etwa im Rahmen deutscher Großstädte liegt. Sozial besser gestellte Bezirke wie Steglitz-Zehlendorf oder Charlottenburg-Wilmersdorf liegen mit 23 beziehungsweise 25 Hilfsmaßnahmen deutlich darunter. Die meisten anderen Bezirke melden Werte von 36 bis 38. Mitte jedoch mit den als Brennpunkten geltenden Stadtteilen Wedding und Moabit kommt nur auf 32, Neukölln auf 40.

Besonders eklatant ist der Umgang der Jugendämter mit der Inobhutnahme von Kindern, dem schärfsten Schwert der Jugendämter bei familiären Problemen. Die Ausgaben dafür sind etwa in Spandau von 2012 bis 2013 um 6,7 Prozent zurückgegangen. Im benachbarten Charlottenburg-Wilmersdorf verdoppelten sich die Kosten im selben Zeitraum. Eine Erklärung für diese auseinanderdriftende Tendenz haben die Experten nicht. Umstritten ist, ob zunächst ambulant geholfen werden soll oder ob nicht gleich ein stärkerer Eingriff wie das Heim sinnvoller ist.