Graphic Novel

Punk und Polizei - wie in Neukölln Comics für Fortgeschrittene entstehen

In Neukölln teilen sich zwei Comiczeichner ein Atelier. Sie produzieren eigenwillige Geschichten, arbeiten auch mit Berlins Vergangenheit. Nun sind zwei ihrer Comics als Buch erschienen. Ein Besuch.

Ein paar Kekse, ein paar Toffees. Bier aus Bayern, Bier aus Belgien. Eine Vernissage ist eine Angelegenheit für viele Sinne, nicht nur die Augen. Als Mikael Ross und Mikkel Sommer vor einigen Tagen ihre Ausstellung im Freien Museum Berlin eröffneten – inklusive Live-Malerei –, konnten sich die Besucher nicht nur bis in den späten Abend stärken. Sie sahen auch Originalseiten, Skizzen und freie Arbeiten der beiden U-30 Künstler. Leichter Stoff sind die Comics nicht. Sie heißen „Lauter Leben“ und „Burn Out“ und spielen in Brüssel, Berlin und in Nevada. Keine fröhliche Sommerlektüre, sondern eindringliche Geschichten. Rau, bitter und böse genug für ein Großstadtpublikum.

Mikkel Sommer und sein französischer Autor Antoine Ozanam erzählen in „Burn Out“ einen Cop-Thriller, der in den 80er-Jahren in Amerika spielt. Die Geschichte handelt von dem Polizisten Ethan Karoshi, der ein geregeltes Leben hat: einen Sohn, eine Frau, einen Job, ein Hobby (Angeln) und eine Geliebte. „Er denkt, dass alles in Ordnung ist. Plötzlich bricht das Unheil über ihn herein. Es geschehen mehrere Morde. Wir wissen, er war es nicht, und doch zieht sich die Schlinge um seinen Hals zu. Mehr will ich nicht verraten“, sagt der Däne Sommer auf Englisch und schaut zu seinem Kollegen Ross.

Der 29-Jährige nimmt den Faden auf und erzählt von „Lauter Leben!“. Die Graphic Novel hat er mit dem belgischen Autoren Nicolas Wouters geschrieben. Es geht um die Freundschaft zweier Jungs, ums Altern ohne Erwachsen zu werden, um Spießer und Hausbesetzer und ein brutal-geniales Punkkonzert, das so in Berlin unzählige Male im SO36 in Kreuzberg stattgefunden haben dürfte, von Ross aber in den Bunker an der Reinhardtstraße in Mitte verlegt wurde. „Unser Buch“, sagt Ross, „handelt vor allem von der Faszination für Personen, die kompromisslos in ihren Entscheidungen sind.“

Das Comic als Buch

Auch Verleger Johann Ulrich ist kompromisslos. Er hat die beiden Comic-Bücher jetzt im avant-verlag herausgebracht. 2001 hat er den Verlag in Berlin gegründet. Der 49-Jährige verlegt nur, was ihm gefällt. Über Ross und Sommer sagt er: „Beide Zeichner sind jung und unglaublich talentiert, beide wohnen in Berlin. Das sind drei gute Gründe.“ Mikkel Sommer und Mikael Ross wurden zuerst in Frankreich publiziert. Der avant-verlag hat die Lizenz für Deutschland erworben. Die Auflagen der deutschen Ausgaben liegen bei 1600 bis 1800 Stück.

Ulrich hat erst vor einem Jahr seinen Hauptberuf als Buchhändler aufgegeben. Warum so spät? Aus finanziellen Gründen. Auch viele Zeichner und Autoren können von ihren Comics kaum leben. „Sicher nicht von der Publikation in einem relativ ‚kleinen’ Comic-Land wie Deutschland“, sagt Verlagschef Ulrich. „Aber wenn ein Buch sich durchsetzt und in mehrere Länder verkauft wird, akkumulieren sich die Einkünfte. Doch das ist die Ausnahme.“

Ross und Sommer teilen sich mittlerweile auch ein Atelier – und das kam so: „Der Comic-Zeichner Mawil hat mir von diesem tollen, jungen, dänischen Zeichner erzählt, wie gut der sei, unverschämt gut“, erzählt Ross. „Wir haben überlegt, Mikkel zu kidnappen und seine Hände zusammenzukleben oder abzuhacken, damit er keine Konkurrenz mehr für uns ist.“ Er schrieb ihm dann aber lieber eine Email. „Ich hatte weite Teile von ,Lauter Leben’ alleine in meiner WG gezeichnet. Das tut einem einfach nicht gut. Man verliert den Kontakt zur Welt. Also habe ich Mikkel gefragt, ob er Lust hätte, ein Atelier mit mir zu teilen.“ Mikkel Sommer hatte Lust.

Atelier als Lebensform

Seine Frau hat er vor fünf Jahren auf einem Konzert in Berlin kennengelernt, ihretwegen zog er an die Spree. „Wir haben eine fast zweijährige Tochter“, erzählt der 27 Jahre alte Kopenhagener. „Nachdem sie geboren wurde, musste ich mein Familienleben vom Arbeitsleben trennen, weil ich es zu schwierig fand, zwei Personen gleichzeitig zu sein, Zeichner und Vater. Ich arbeite zwar weiterhin zuhause – aber nur nachts, wenn meine Familie schläft.“ Weiterer Vorteil eines Studios: Seine Frau erwarte nicht mehr von ihm, dass er putze und aufräume, nur weil er den ganzen Tag zuhause sei.

Wir haben das Duo in der Ateliergemeinschaft „Puntasecca“ an der Hobrechtstraße in Neukölln getroffen. Mikael Ross schwärmt: „Die Miete ist billig, davon kann man anderswo nur träumen. Ich war vor ein paar Wochen wieder in München zu Besuch. Da funktioniert sowas einfach nicht. Da sind die Mieten zu hoch. Und es interessiert sich niemand für Subkultur oder für alternative Kultur. Da bist du alleine. Hier hast du immer zehn Spinner, die das gleiche machen.“

120 Euro zahlen sie im Monat für ihren Arbeitsplatz. Im Atelier kommen sie nicht auf zehn Spinner, sondern acht Kollegen, die sich mehrere Schreibtische teilen. Ross und Sommer arbeiten in zwei verschiedenen Räumen. „Es kommt aber immer der eine rein und stört den anderen beim Arbeiten“, sagt Mikael. Ihm ist das ein Ansporn. „Man sieht, was der andere macht, wie produktiv er gerade ist. Das motiviert.“ „Und Büroflirts und Komplimente, wie gut das Haar sitzt, stärken das Selbstvertrauen“, witzelt Mikkel.

Gegenseitige Komplimente

Stichwort Produktivität. Fragt man Mikael Ross nach Mikkel Sommers Arbeitsweise, zeigt er sich immer noch massiv beeindruckt von den exakten Vorarbeiten. „Mikkel hat für den Polizisten in ‚Burn Out’ 70, 80 Charakterstudien angefertigt: wie die Person steht, wie sie aussieht – ein bisschen wie Humphrey Bogart, aber nicht zu viel. Das ist eine riesige Menge. Ich mache das nie. Ich habe immer so drei Zeichnungen und fange an, die Figur entwickelt sich im Buch.“ An den Skizzen in der Ausstellung ist das deutlich zu sehen; die Schau dauert noch bis 28.September.

Umgekehrt liebt Sommer „die Details, mit denen Mikael die Kleidung seiner Figuren ausstattet“. Doch das größte Lob verteilt er für das Punkkonzert im Bunker. „Es ist sehr schwierig, Konzerte zu zeichnen, Musik wie Jazz oder Soul oder Punk darzustellen. Da habe ich schon viele Leute scheitern sehen. Aber in ‚Lauter Leben’ siehst du das Rohe. Mikael fängt die Energie dieser Musikrichtung ein, den Lebensstil Punk.“

Mikkel Sommer hat als 19-Jähriger Ausbildungen zum Animationszeichner und Designer wegen „kreativer Autoritätsprobleme“ abgebrochen, sich zum Freiberufler erklärt und von Jahr zu Jahr mehr Aufträge für Illustrationen und Bücher erhalten. „Es ist mir im Moment sogar ein bisschen zu viel Arbeit, ich komme nicht mehr zum Malen“, sagt er und blickt nachdenklich auf seinen Rechner, seinen Tisch und die Comicstapel daneben. Er schnüffelt. „Riecht es hier nach Schimmel? Oder ist es einfach nur kalt?“, fragt er nervös.

Von Kindesbein an

In Kopenhagen ist Mikkel Sommer alleine bei seiner Mutter aufgewachsen. „Ich brauchte immer viel Zeit für mich“, erinnert er sich. Schon als Kind habe er alles gezeichnet, was er sah. Einfach alles. „Ich habe mir im Supermarkt die Bestückung der Regale eingeprägt und zuhause versucht, sie originalgetreu nachzuzeichnen. Und ich habe vom Fernsehen abgezeichnet, ich mochte Sendungen wie Ninja-Turtles und den Kanal Cartoon-Network.“

Ross hat sich das Zeichnen bei seinem großen Bruder abgeguckt. „In meinen frühesten Erinnerungen sehe ich ihn, wie er am Tisch sitzt und zeichnet, und ich mich dazu setze und versuche, alles nachzuzeichnen. Grausam. Immer gab es Tränen. Ich war so schlecht. Aber ich habe immer weiter gezeichnet.“ Zukunft sah er darin keine. Deswegen hatte er an der Bayerischen Staatsoper eine Ausbildung zum Theater- und Kostümschneider absolviert und als Schneider gearbeitet, bis er 2007 zum Modedesign-Studium nach Berlin wechselte. Dann hatte er sein Schlüsselerlebnis: „Über ein Austauschprogramm kam ich nach Brüssel an die École Supérieure des Arts Saint-Luc. Die Hochschule bietet Bande Designée als Fach an und hat Professoren für Bild- und Seitenaufbau.“ Dort habe er verstanden: „Hey, ich kann das beruflich machen. Wenn ich mich einigermaßen gut anstelle, wird da was bei rauskommen.“

Die Ausbildung am Comic-Fachbereich in Brüssel wird geschätzt, auch an der École européenne supérieure de l’image im französischen Angoulême gibt es einen renommierten Comic-Studiengang. Frankreich und Belgien sind Europas Hochburgen der Comicproduktion und Rezeption. Deutschland ist noch nicht so weit. „Aber an einigen Kunsthochschulen unterrichten schon Comiczeichner und -zeichnerinnen“, erklärt Stefan Neuhaus. Der 67 Jahre alte Kunstpädagoge aus Berlin ist Mitbegründer des deutschen Comicvereins und Mitverfasser des Comicmanifests von 2013, das vom Internationalen Literaturfestival unterstützt wird.

Entwicklungsland Deutschland

Der Verein will Comic in Deutschland mehr Anerkennung und Geltung verschaffen. „Comic als künstlerische Ausdrucksform ist in Deutschland im Vergleich zu Film, Bildende und anderen Künsten nicht so akzeptiert“, erklärt Neuhaus. Es gebe wenig Förderung von Projekten, wenig Stipendien, wenig Preise. „Es sind unter 20. Für Literatur gibt es im Jahr etwa 1000 Fördermöglichkeiten und Preise“, vergleicht Neuhaus. Der Verein soll bereits bestehende Aktivitäten bündeln und ein Comicinstitut gründen, dort eine Bibliothek und ein Archiv einrichten sowie Werkstätten. „Außerdem wollen wir Förderung anstoßen.“

Ross zeichnet das Berlin der 80er-, 90er-Jahre. „Wenn man wie ich hier ankommt in den 2000er-Jahren, dann sagen einem die Leute, man habe ja alles verpasst. Irgendwann fragt man sich, okay, was habe ich denn verpasst, was war denn so toll? Deshalb spielt es in dieser Zeit – und in der Punkszene, weil die in Berlin konzentriert war.“ Für die Konzertszene wählte Ross „einen dunklen, unnahbaren Ort, der sehr kalt und kühl rüberkommt“ aus. Also den Bunker an der Reinhardtstraße.

Für Mikkel Sommer zeichnet sich Berlin durch Toleranz aus „und seine ganze Second-Hand-Kultur und Anti-Konsum-Haltung“. So gebe es viele Flohmärkte, Möbel stünden auf der Straße herum zum Mitnehmen; außerdem sei es für ihn als Vegetarier leicht, sich zu ernähren. Und Leute, die seltsam angezogen seien, würden nicht schräg angeschaut. „In Dänemark ist das anders. Alles ist ein bisschen sehr konservativ, ein bisschen zu privilegiert. Das Gesundheitssystem funktioniert super – genau wie die ganze Gesellschaft. Für mich ist es zu glatt.“ Sommer lacht und sagt noch: „Ich eigne mich nicht als Werbeikone für Kopenhagen.“ Ach ja? Ehrlich macht sympathisch.

„Lauter Leben“, Text: Nicolas Wouters, Zeichnung: Mikael Ross, 104 Seiten, avant-verlag, 19,95 Euro; „Burn Out“, Text: Antoine Ozanam, Zeichnung: Mikkel Sommer, 96 Seiten, avant-verlag, 19,95 Euro