Auszeichnung

„For the disconnected Child“ erhält Friedrich-Luft-Preis

„For the disconnected Child“ ist der Gewinner des Friedrich-Luft-Preises der Berliner Morgenpost. Die Schaubühne hat einen guten Lauf. Es ist bereits der zweite Preis in zwei Jahren.

Foto: Amin Akhtar

Die Schaubühne hat einen Lauf: Am Freitagabend wurde die Inszenierung „For the disconnected Child“ mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet. Die Bühne am Lehniner Platz gewann damit innerhalb von zwei Jahren zum zweiten Mal den Theaterpreis der Berliner Morgenpost. Rund 400 Zuschauer verfolgten in der Schaubühne die Inszenierung von Falk Richter, eine Koproduktion mit der Staatsoper. Neben Mitgliedern der Staatskapelle sind auch Opernsänger, Tänzer, Schauspieler und der isländische Musiker Helgi Hrafn Jónsson dabei. Sein Song „The world is so loud sometimes“ (Die Welt ist manchmal so laut) am Ende der gut zweistündigen Aufführung klingt lange nach.

Falk Richter konnte bei der anschließenden Preisverleihung nicht dabei sein, weil er derzeit an einer neuen Produktion in Melbourne arbeitet. Stellvertretend für den Regisseur und Autor nahm die Schauspielerin Ursina Lardi, die in der Inszenierung Tatjana spielt, die mit 7500 Euro dotierte Auszeichnung aus den Händen von Morgenpost-Kulturchef Matthias Wulff entgegen.

Während der Laudatio von Lucy Fricke – die Autorin ist neben Martina Gedeck, Luzia Braun, Claudia Wiedemer, Ernst Elitz und Matthias Wulff Mitglied der Jury – stand die angeleuchtete Trophäe auf einer Stele neben dem Rednerpult. Sie ist so gestaltet, dass die Buchstaben FL (für Friedrich Luft) durchschimmern. Die Morgenpost verleiht den Friedrich-Luft-Preis seit 1992 im Angedenken an ihren 1990 gestorbenen Theaterkritiker Friedrich Luft. Ausgezeichnet wird die „beste Berliner und Potsdamer Inszenierung“.

Die Laudatio

Lesen Sie hier die Laudatio von Jurymitglied Lucy Fricke:

Drei Tänzer, vier Sänger, fünf Schauspieler, sieben Komponisten und ein Orchester. Alles auf einer Bühne, alles in einem Stück. Ein Wagnis ist das, eine Überforderung. In den ersten Minuten wissen wir nicht, wo wir hinschauen sollen, was wir sehen, was wir hören wollen. Wir wollen alles und können uns nicht entscheiden. Überall lauert eine Möglichkeit. Um es mit Falk Richter zu sagen:

Die Welt war so laut manchmal. So viel Angst, so viel Wut. Plötzlich zerfällt die Sprache. Die Zeit zerfließt. Alles löst sich auf.

Wie hier das Thema das Konzept bestimmt, die Inszenierung davon angetrieben wird, wie Überforderung und Vereinzelung vom Bühnenbild bis in die letzte Bewegung der Tänzer hinein sichtbar werden, ist einzigartig.

Wir erleben Einsamkeit, Traurigkeit und eine Verzweiflung, die zu Wut wird, zu Hysterie und zu Erschöpfung. Monologe, die sich immer weiter hochschrauben. Das Aufbäumen, das Anschreien, gegen die anderen, gegen sich selbst und die eigene Angst.

Wir wussten vorher nicht, wie aufregend und dabei tröstlich das klingen kann. Uns fehlten die richtigen Komponisten und Musiker.

Wir wussten auch nicht, wie überragend die Unfähigkeit zur Nähe aussehen kann. Uns fehlten die richtigen Tänzer.

Wir hatten fast verlernt, über uns zu lachen. Uns fehlte die richtige Sängerin. Eine, die unseren Pathos in die höchste Ironie singt.

Und zwischendrin diese Sätze, die wir nicht vergessen wollen, die wir zitieren möchten, wenn uns die Worte ausgehen:

Ich bin hier und mein Leben ist woanders. Wir kennen uns im Grunde auch gar nicht, mein Leben und ich.

Ich will nur mit mir allein sein. Ich will niemanden beeindrucken. Ich will niemanden mehr beweisen, dass ich das hier alles noch kann.

Da sitzen wir dann auf unserem Platz, nicken und wissen.

Wie viel Einsamkeit kann ein Mensch ertragen? Warum sind unsere Bedürfnisse nicht mitteilbar, erst recht nicht teilbar, man selbst am Ende nicht vermittelbar?

Wir kennen diese Fragen, die wir uns selbst nicht stellen wollen. Aber einer muss es machen. Und keiner macht es so treffend, so gekonnt und so bestechend unverhohlen wie Falk Richter.

Seine Antworten sind düster.

Wir sind unsere Oberflächen. Wir sind unsere Profile und unsere Nutzer. Immer präsent, immer allein.

Die Leitung ist gestört. Wir hören nur Rauschen, wir sehen nur Rauschen auf den Leinwänden. Wir sehen geschlossen Räume, in denen Menschen nach ihrer Mutter rufen. Jeder auf dieser Bühne ist einsam. Die Liebe kennt er nur noch als Forderung, als Anforderung an sich und den anderen. Als hätte man vergessen, dass Liebe etwas ist, das man gibt und nicht verlangt.

Falk Richter hat ein gnadenloses Bild unserer Gesellschaft und ein hochmodernes Sittengemälde geschaffen.

Ein Stück über die Unfähigkeit zur Nähe, in einer Inszenierung die Grenzen sprengt.

Wie bitter einsam die Zeilen auch sein mögen, die Umsetzung beweist im selben Moment das Gegenteil. In dieser Gegensätzlichkeit liegt das eigentlich Faszinierende. Denn hier sind plötzlich Verbindungen möglich, kann Nähe entstehen, eine Nähe, die nicht abstrakt ist, die das Gegenteil von abstrakt ist: Sinnlich und lebendig. Hier kommunizieren die Künste, überlagern und inspirieren sich, stoßen sich an und nicht ab, bis alles verschmilzt.

Ja, es gibt zu viel Auswahl. Ja, man kann sich nicht entscheiden. Und es ist ein großes Glück, dass man das an diesem Abend auch gar nicht muss. Man muss nicht einmal etwas tun. Nur die Sinne offen halten und so viel an sich heranlassen und in sich hineinlassen, wie es nur geht.

„For the disconnected Child“ ist Konzert, Tanz, Video, ist alles, was Theater heute sein kann.

Wir danken Falk Richter und dem außergewöhnlichen Ensemble für diese schönste Überforderung, die wir im letzten Jahr auf den Berliner und Potsdamer Bühnen erleben durften. Wir gratulieren zum Friedrich-Luft-Preis 2013!

Ursina Lardi gehört zu den prägenden Gesichtern der Schaubühne. Sie spielt Tatjana in „For the disconnected Child“. Eine Begegnung