Andrea Sawatzki trägt einen schwarzen Mantel, als sie das Grosz betritt. Sie lächelt, wirkt fast etwas schüchtern. „Hallo.“ Am Hals nackte Haut mit Sommersprossen, darunter erahnt man einen Pulli aus schwarzem Netz. Sie trägt Kontraste: Eine rotgoldene, matt glänzende Frauenhandtasche, aber eine mädchenhafte Glitzerlinie über den Lidern, eine große Uhr, kombiniert mit Armbändchen, von denen man annehmen könnte, einer ihre Söhne habe sie der Mutter im Sommerurlaub selbst geknüpft.

Irre, durchgeknallte Figuren

Andrea Sawatzki hat einen eigenwilligen Stil, es sieht so aus, als zöge sie einfach an, was ihr so gefällt, und dann passt eigentlich nichts zusammen und irgendwie doch alles.

Gerade ist Sawatzkis dritter Roman erschienen. „Von Erholung war nie die Rede“. Ihr erster Roman und zweiter Roman kamen im Jahr davor auf den Markt. Wie schreibt man so schnell? Andrea Sawatzki lächelt ihr Sawatzki-Lächeln und sagt: „Die Figuren ziehen mich. Ich schreibe eigentlich hinter ihnen her.“ Nach ihrem Debüt „Ein allzu braves Mädchen“, wie ihre anderen Bücher im Piper Verlag erschienen, habe sie einfach Lust gehabt, eine wirklich schwarze Familienkomödie zu schreiben.

„Von Erholung war nie die Rede“ ist die Fortsetzung der Geschichte von Gundula und Gerald Bundschuh, ein Ehepaar um die fünfzig im verschuldeten Eigenheim, das noch ein paar Träume, aber schon einiges an Frustrationen hat, mit ihren pubertierenden Kindern, ihren schrillen und spießigen Verwandten und ihren Ansprüchen aneinander.

Sawatzki scheint die Extremsituationen von Familien zu mögen. In „Tief durchatmen, die Familie kommt“ (2013) versuchten sich die Bundschuhs in Weihnachtsfeierlichkeiten, diesmal fahren sie im Regen mit zwei Hunden und einer Schwiegermutter nach Norderney in einen Urlaub, den ein Marmeladenhersteller gesponsort hat. Wenn sie vor der Kamera steht, spielt sie durchgeknallte, irre, verschrobene, manchmal fast unheimliche Figuren. Doch wenn sie sich selbst eine Figur erdenkt, dann hat die fast ein erschreckend normales Leben. Sie scheint fast eine Sehnsucht nach Spießigkeit zu haben.

Andrea Sawatzki hatte ihren Durchbruch als die schrullig-sehnsüchtige Kommissarin Charlotte Sänger. Acht Jahre lang ermittelte sie im Frankfurter Tatort. Seit sie ihn verlassen hat, hat die Schauspielerin eine fast beängstigende Kreativitätsexplosion erlebt. Sie steht weiter vor der Kamera, sie hat ein Solo-Chanson-Programm auf die Bühne gebracht, sie hat bei der RTL-Veranstaltung „Let’s Dance“ mitgewirbelt, im Gespräch schwärmt sie noch von einem Serienprojekt oder vielleicht doch einem Kinofilm, will aber nichts Näheres verraten. Eine Mischung aus Experimentierfreude und Ruhelosigkeit schwingt in all dem mit.

Zwischen Aufopfern und Ausbrechen

Die Heldin der Bundschuh-Reihe ist Gundula, eine Frau, die gefangen ist, zwischen ihrem Drang, sich komplett für die Familie zu opfern, und ihrem Wunsch, auszubrechen. „Ich kann mich sehr gut in sie hineinversetzen“, sagt Sawatzki „ich kenne dieses Gefühl, nicht zu genügen, diesen Hang zu Perfektion.“

Wirklich? Sie? Gundula ist eine Hausfrau mit Nervenzusammenbrüchen. Sie hat sich durch einen Gartenzaun verschuldet, macht Schnittchen, um Geld zu sparen, und träumt von einer Berufstätigkeit als Kosmetikvertreterin. Darin findet sich doch eine Frau wie die Schauspielerin Andrea Sawatzki, Ehefrau von Christian Berkel, ebenfalls Schauspieler, nicht wieder. Gut sie hat auch Kinder und Hunde, aber schmiert sie auch Brote? „Klar“, sagt Andrea Sawatzki.

Gundula allerdings hat eine Herausforderung, die Sawatzki nicht hat. Gundula hat eine Tochter, die bockige Ricarda, die wie Töchter in diesem Alter nun mal, ihrer Mutter gerne erklärt, wie „scheiße“ sie aussähe. „Ricarda ist so wie ich mit 14“, sagt Sawatzki. „Ich war sogar noch extremer, ich hatte grüne Haare, dann wieder knallorangene, ich trug zerrissene Strumpfhosen. Ich wollte unbedingt auffallen, aber damit wollte ich vor allem von meinem Innersten ablenken.“

Sie lächelt. „Das klingt vielleicht blöd, aber so war es.“ Sie selbst, sagt sie, hätte gerne eine Tochter. Warum? Und dann scheint Sawatzki ganz ungefragt zu erklären, woher diese Sehnsucht nach einem Leben, wie die Bundschuhs es führen, herkommt. „Ich hätte vieles anders gemacht als meine Mutter“, sagt sie. „Ich hätte gern gewusst, ob ich das kann.“

Wenn sie ihren Söhnen heute von der eigenen Kindheit erzählt, dann können die es fast nicht glauben. Als Kind wuchs sie mit tausenden Regeln auf. „Bei uns hieß es, iss deinen Teller leer, um acht bist du im Bett, misch dich nicht ein.“ Ihr Vater, ein Journalist, war Jahrgang 1906 – Sawatzki ist 1963 geboren worden. „Ich war ein absoluter Unfall.“

Der Vater starb mitten in Sawatzkis Pubertät, nach langer Alzheimer-Erkrankung. „Wir hatten kein sehr inniges Verhältnis. Ich habe ihn kaum gekannt“, sagt Sawatzki. Erst letztes Jahr hat ihr jemand Artikel von ihm zu lesen gegeben. „Das hat mich sehr berührt, es hat ihn mir näher gebracht.“

Vielleicht stammt aus dieser Zeit ihre herbe Zartheit. Mit 14, hat sie begonnen, ihr Talent zu entdecken. „Ich habe gemerkt, die Menschen glauben mir die Rollen, die ich im Schultheater spiele. Ich hatte diese Sehnsucht, mein Leben gegen das der Figuren einzutauschen.“ Sie hält einen Moment inne, dann fügt sie hinzu: „Was aber nicht funktioniert hat.“

„Ich wollte etwas Neues ausprobieren“

Was hat nicht funktioniert? Sawatzki wird ungewöhnlich ernst. „Ein glücklicher Menschen zu sein. Einer, der seine Probleme in den Griff kriegt, oder wenn er es nicht schafft, der den Mut dazu hat, sich selbst zu töten.“ Wir schweigen. „Ich habe mich in meine Rollen vergraben“, sagt Sawatzki dann. Ganz hell und ganz dunkel, Sawatzki kann beides sein.

Ihre ersten Bücher waren Bestseller, das Schicksal wird das neue wohl teilen. „Ich glaube, dass viele Frauen sich in Gundula wiederfinden“, sagt Sawatzki, „sie denken: Ich muss jederzeit alles für die Familie tun. Im Grunde haben sie aber ganz andere Sehnsüchte. Sie möchten sich selbst noch etwas beweisen, gerade in diesem Alter, in dem man merkt, die Kinder brauchen einen nicht mehr so“. Das ist ihrer eigenen Biografie ähnlich.

„Ich merke das auch an mir, das Schreiben habe ich angefangen, weil ich etwas Neues ausprobieren wollte.“ Und sich selbst eine Rolle schreiben: Wenn Gundulas Geschichte im Herbst für das ZDF verfilmt wird, dann spielt Sawatzki die eigene Heldin.