Andrea Sawatzki ist eine sehr nachdenkliche Frau. Bevor sie antwortet, macht sie eine kleine Pause – zögert, spricht ruhig und besonnen. „Ich wollte eigentlich schon immer schreiben, aber hatte früher Angst vor der Einsamkeit“, sagt die rothaarige Schauspielerin, die seit diesem Jahr auch Schriftstellerin ist. Ihr Vater – ein Journalist – habe ihr Interesse fürs Schreiben geweckt. „Ich merke aber, dass man als Autor nicht einsam sein muss, sondern durchaus den Kontakt zur Außenwelt haben kann.“
Und so schreibt sie, und schreibt und schreibt – und plant mittlerweile bereits ihren dritten Roman. Nach dem Buch „Ein allzu braves Mädchen“, das im Frühjahr dieses Jahres veröffentlicht wurde und sich über Wochen in den Bestsellerlisten hielt, kommt nun ihre Komödie „Tief durchatmen, die Familie kommt“ auf den Markt.
Das Buch der Autorin, die besonders durch die Rolle der Charlotte Sänger im „Tatort“ aus Frankfurt am Main bekannt geworden ist, soll unterhalten, aber auch zum Nachdenken anregen. Andrea Sawatzki lässt in ihrem Roman die Protagonistin Gundula Bundschuh aus der Ich-Perspektive von ihrem chaotischen Weihnachtsfest erzählen – und was alles schiefgehen kann, wenn sich an den Feiertagen eine Großfamilie unter einem Dach versammelt.
In Sawatzkis Büchern geht es um Familie und die menschliche Psyche
„Gundula ist der Prototyp einer Frau, von denen es viele gibt“, erklärt die Autorin. „Auch ich bin ein bisschen wie sie – besonders wenn es um den Perfektionismus geht, wie ein Fest ablaufen soll.“ Zu Beginn der Geschichte ist die Hausfrau nicht in der Lage, irgendwem einen Wunsch auszuschlagen, möchte es allen recht machen und alle ihre vermeintlich lieben Familienmitglieder um sich scharen. „Ich glaube, viele wollen in solch einem großen Rahmen Weihnachten feiern, weil es einfach eine Tradition ist und oftmals eine Sehnsucht nach einer glücklichen Familie da ist, der man genügen will.“
Während der Weihnachtstage merkt die Protagonistin im Verlauf der Geschichte, dass nicht nur sie, sondern auch die Beziehung zu ihrem Ehemann Gerald seit Jahren unter dieser Form des Familienlebens leidet. Sawatzki erzählt dies in einem launigen Ton, der Stil ist anders als in ihrem Debütroman – ein Drama, in dem die seelischen Verwundungen einer Frau und ein Mordfall aufgearbeitet werden.
„Meine Bücher sind zwar komplett verschieden, jedoch geht es in beiden Werken um Familie, die menschliche Psyche und Problematiken, die daraus entstehen“, sagt Andrea Sawatzki, die sehr an Psychologie interessiert ist und es liebt, sich mit Charakteren – in ihren Büchern oder Rollen – auseinanderzusetzen. „Ich habe eine große Neugier für Menschen und das Leben.“
Dies teile sie auch mit ihrem Mann, dem Schauspieler Christian Berkel, mit dem Andrea Sawatzki seit 1997 liiert ist und zwei Kinder hat. In ihrem Alltag würden sie viel reden, sich mit dem Partner auseinandersetzen – eben ganz anders als ihre Protagonistin und deren Partner. „Wichtig war mir, die Beziehung zwischen Gundula und Gerald zu analysieren. Es gibt viele Paare, die nebeneinanderher leben, aber keine Sprache mehr für ihre Liebe finden. Dieser Konflikt hat mich sehr beschäftigt.“
Die Autorin kann sich mit den Figuren identifizieren
So hat der Roman, der lustig daherkommt, auch einen ernsthaften Kern – der aber wenig mit Sawatzkis eigenem Leben zu tun hat. „Das chaotische Weihnachtsfest, von dem die Geschichte handelt, ist kein Abbild von meiner Familie. Ich bin es bereits als Kind gewohnt gewesen, im kleinen Kreis zu feiern“, erklärt sie. Auch heute würde sie nur mit ihrem Mann Christian, den beiden Söhnen und einigen Freunden feiern. Nur eines sei wirklich autobiografisch, verrät die Berlinerin. „Unsere Hunde sind genau so, wie die Hunde der Familie in der Geschichte beschrieben sind.“ Womöglich hat sie deshalb in der Danksagung am Ende des Buches auch Dogge Gustav, Boxer Calypso und Mops Coco einen Platz eingeräumt.
Am Montag liest Sawatzki im Berliner Ensemble aus ihrem Buch – und gibt dabei bereits einen Vorgeschmack auf die Hörbuchfassung von „Tief durchatmen, die Familie kommt“, die sie selbst, wie auch schon bei ihrem ersten Roman, eingesprochen hat. Auch über eine Verfilmung beider Bücher denkt die Schauspielerin nach – mit einer Voraussetzung: Sie selbst will die Gundula spielen.


