Was von ihnen in der Populärkultur überdauert hat, ist der Eindruck einer robusten Putzigkeit. Nehmen wir nur eines der bekanntesten Beispiele, die Zeichentrickserie „Wickie und die starken Männer“, basierend auf Runer Jonssons schwedischer Kinderbuchreihe „Vicke Viking“, von japanischen Anime-Illustratoren Mitte der Siebzigerjahre für die weltweiten Fernsehschirme zum Leben erweckt.
Da ist der niedliche Wikingerjunge Wickie, der einen Hörnerhelm trägt, mit seinen Eltern im hübschen Wikingerdorf Flake lebt und hin und wieder mal aufbricht, um auf Raubzug zu gehen. Umgeben ist er dabei von zwar bärbeißigen, aber doch intellektuell harmlosen Stammesgenossen, denen er mit seinen cleveren Ideen immer wieder aus der Patsche hilft. Da kann schon mal ein Dörfchen in Flammen aufgehen, am Ende gibt es reiche Beute und alle sitzen wieder gemütlich in Flake beisammen.
Klischees und Identitäten
Der Ausflug ins Kinderfernsehen ist interessant, weil er davon erzählt, wie nationale Identitäten konstruiert werden. Nicht nur die Schweden, die skandinavischen Völker insgesamt berufen sich historisch auf die Wikinger – und damit auf das widersprüchliche, hochkomplizierte Erbe der kriegerischen Völker aus dem Frühmittelalter, die man unter diesem Namen zusammenfasst. Da liegt es natürlich nahe, die Wikinger als zwar hin und wieder vielleicht etwas rauflustige Zeitgenossen zu sehen, ihnen aber dann doch genug Gutmütigkeit zuzugestehen, um den Gesamteindruck sympathisch zu gestalten. Wie bei jedem Klischee ist dieses Bild nicht ganz falsch, aber eben auch eindimensional, und jede große Ausstellung über die Wikinger ist in Gefahr, darauf hereinzufallen.
Matthias Wemhoff und Marion Betram vom Museum für Vor- und Frühgeschichte, die in Zusammenarbeit mit dem Dänischen Nationalmuseum, dem Wikingerschiffsmuseum Roskilde und dem British Museum die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau kuratiert haben, müssen sich dieser Gefahr bewusst gewesen sein. Den Besucher der Schau empfängt schon beim Eintritt ein Paukenschlag, der bis zum Ende des Besuchs nachhallt. Das dürfte selbst die dänischen Kollegen beeindruckt haben. Denn die „Roskilde 6“, das bisher größte bekannte Wikingerschiff, konnte mit seinen 37 Metern Länge, vor allem aber mit seinem 120 Quadratmeter großen Segel noch nie vollständig aufgebaut werden – in Dänemark reichte die Deckenhöhe dafür nicht aus.
Es hat 1997 als Sensationsfund für internationales Aufsehen gesorgt. Das Museum in der etwa 30 Kilometer von Kopenhagen entfernt gelegenen Stadt Roskilde sollte um eine eigene Werftinsel erweitert werden und stieß bei den Grabungsarbeiten auf die Relikte von gleich sieben Wikingerschiffen. Sie mussten vor Hunderten von Jahren an dieser Stelle gesunken sein, vielleicht in einem Sturm. Das Prunkstück darunter war eben jene „Roskilde 6“. Analysen machten klar, dass die Eichen, aus denen die Planken gehauen waren, um das Jahr 1025 im Fjord von Oslo gefällt worden waren. Die Fundstücke wurden dann in einem drei Jahre währenden Verfahren präpariert, um stabil genug für das Museum zu sein. Von der „Roskilde 6“ sind noch 25 Prozent des Originals erhalten, im wesentlichen der Boden und die achtern gelegenen Partien. Der Rest wird mithilfe einer Stahlkonstruktion in seinen Dimensionen erfahrbar gemacht.
Rot-weiße Segel verbreiteten Angst und Schrecken
Die Wikinger waren Seeleute, ihr Reich ist ohne ihre Schiffe nicht zu denken. „Auf einer Seite waren in Gold gegossene Löwen zu sehen“, berichtet eine zeitgenössische Chronik, „auf der anderen Vögel auf den Mastspitzen, die durch ihre Bewegungen anzeigten, wie die Winde bliesen. Auch übertraf das Königsschiff die anderen durch seine Schönheit so sehr, wie der König in der Ehre seiner Würde den Soldaten vorangeht.“ Die „Roskilde 6“ wird denn auch einem reichen Herrscher zugeschrieben, einem Fürsten, vielleicht sogar Knut dem Großen (1016–1035), dem König von Dänemark und England.
All der repräsentative Glanz und die Handelskraft verheißende Größe sollten jedoch nicht dafür blind machen, was das Auftauchen der gestreiften Segel und der glänzenden Löwenköpfe an den Küsten Nordeuropas verursachte: Panik. Im Frühjahr 793 etwa überfielen Wikinger das Kloster Lindisfarne an der englischen Ostküste. „Am achten Tag“, berichtet die „Angelsächsische Chronik“ „zerstörte das Wüten der Heiden Gottes Kirche mit Raub und Totschlag“, und ein Berater Karls des Großen klagte: „Sie haben im Tempel Gottes auf den Leibern der Heiligen herumgetrampelt, so als wären sie Mist auf der Straße.“
Martialisch, brutal und blutrünstig: Wieder und wieder findet sich in den damaligen Schilderungen die Klage darüber, wie skrupellos die Plünderer zu Werke gingen. Dass man es ihnen dabei oft mit gleicher Münze heimzahlte, belegt das Massengrab von Weymouth an der englischen Südküste, das man 2009 zufällig fand. Die überfallene Bevölkerung hatte mit den Usurpatoren kurzen Prozess gemacht und ihre Leichen einfach in eine Grube geworfen. Die Schädel stapelte man separat auf, als wolle man ein Mahnmal errichten.
Die Ausstellung kostet das geradezu genüsslich aus, indem es Nachbildungen der Gebeine aufhäuft und mit einem finsteren Animationsfilm kombiniert, in dem nächtliche Brände züngeln und die Schwerter aufeinander schlagen. All die Lanzenspitzen, all die Äxte, all die Langbögen, Schildbuckel, Helme und sonstigen Rüstungsteile, die hier sonder Zahl aufgeboten werden, stärken den Eindruck eines Zeitalters von entfesselter Gewalt. Bundespräsident Joachim Gauck sieht darin gar einen Anlass, in seinem Geleitwort „das Expansionsstreben auf Kosten anderer“ zu rügen, ganz so, als würde Wladimir Putin auch den Katalog zu einer Wikinger-Ausstellung in Berlin lesen.
Die schriftliche Schilderung der Gräueltaten legt aber auch Zeugnis darüber ab, dass es das christianisierte Europa hier mit dem Fremd- und Andersartigen zu tun hatte. Bevor der legendäre Harald Blauzahn Mitte des 10. Jahrhunderts zum Christentum übertrat, erzählten sich die Wikinger vom Reich der Riesen und kannten viele Götter, darunter Odin mit seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir. „Der Jenseitsglaube der Christen war den Wikingern fremd“, hat der Historiker Siebo Heinken geschrieben: „Ihnen ging es nicht um die unsterbliche Seele, sondern einzig um gute Nachrede.“ Kein Wunder, dass schon dies auf einen frommen Christen angsteinflößend wirkte. So erzählt die Ausstellung auch ein Stück der Geschichte Europas in einer faszinierenden Phase seines Wandels zum christlichen Abendland.
Die Mühsal des Anziehens
Und mehr als das. Um die Alltagskultur der Wikinger vorzuführen, haben sich die Ausstellungsmacher einiges einfallen lassen. Ein an die Wand projizierter Schauspieler zeigt die Mühe, die es kostete, die damaligen Kleider anzulegen. Wer möchte, kann seinen Namen an einem kleinen Computerterminal in die damals gebräuchliche Runenschrift übersetzen lassen. Spielsteine aus Silber und Walross-Elfenbein, aufwendig verzierte Silberbecher, dünn ausgeschlagene Münzen, für Trinkgelage vorgesehene Holzeimer und reich verzierte Gürtelanhänger fügen sich wie Mosaiksteine zum Bild einer Zivilisation, die das Leben auch genießen konnte.
Und die Handel trieb bis in den Orient und Siedlungen gründete auf der ganzen Welt. Die über ein fast modern zu nennendes Rollenmodell der Geschlechter verfügte: Während der langen Abwesenheitszeiten der Männer waren die Frauen für die Verwaltung der Höfe und für das Wirtschaften zuständig, was ihnen gesellschaftlich eine nahezu gleichberechtigte Stellung sicherte. Auch diese Facetten des Wikingerlebens werden gern vergessen. Sie in Erinnerung zu rufen, ist das Verdienst dieser Ausstellung. Und was den Hörnerhelm betrifft, den wir von Wickie und den starken Männern kennen: Für den gibt es gar keine archäologischen Belege. Der ist vermutlich eine Erfindung Richard Wagners, der für seine Opern auf der Suche nach imposanten Kopfbedeckungen war.


