Am Montag jährt sich zum 70. Mal jener Tag, an dem der deutsche Stadtkommandant Dietrich von Choltitz in Paris kapitulierte und entgegen Hitlers Befehl die von den Deutschen besetzte Stadt nicht zerstörte. Volker Schlöndorff hat den Film zu diesem Tag beziehungsweise der ihr vorausgehenden Nacht gedreht: „Diplomatie“ hatte auf der Berlinale Premiere und wird morgen noch einmal im Cinema Paris als Galavorführung (19.30 Uhr) gezeigt, bevor er am Donnerstag regulär in die Kinos kommt. Für den Oscar-Preisträger war das eine Rückkehr zu seinen Wurzeln: Mit 17 zog er nach Paris und hat dort als Regieassistent von Louis Malle und Alain Resnais die Filmkunst von der Pike auf gelernt.
Berliner Morgenpost: Nach „Das Meer am Morgen“ ist das Ihr zweiter Film in Folge in Frankreich. Kehren Sie zu Ihren Wurzeln zurück oder gilt der Prophet im eigenen Land nichts mehr?
Volker Schlöndorff: Weder noch! Das ist kein Rückzug, ich fühle mich in Deutschland vollkommen anerkannt. Aber gewisse Dinge im Leben geschehen offenbar immer in Serie. Pechsträhnen wie Glückssträhnen. Und ich habe wohl gerade eine Glückssträhne in Frankreich. „Das Meer am Morgen“ lief dort im Fernsehen und hatte über eine Million Zuschauer. Deshalb gab man mir Carte blanche für diesen Film über Paris.
Hat es Sie nicht auch überrascht, dass die französische Produktionsfirma für „Diplomatie“ einen deutschen Regisseur wollte?
Aber ich würde sagen: Das lag doch in meinem Fall auf der Hand. Das ist ja eine deutsch-französische Geschichte. Und ich bin so durch und durch von deutsch-französischer Identität. Als ich 17 war, bin ich da hingezogen und wollte Franzose sein. Da schließt sich ein Kreis.
Der Film basiert auf einem Theaterstück, das ein fiktives Treffen zwischen dem deutschen General Dietrich von Choltitz und dem schwedischen Konsul Raoul Nording behandelt. Nording überredet Choltitz, den Befehl Hitlers, Paris müsse brennen, zu ignorieren. Schmälert das nicht Choltitz’ Leistung, die Stadt heil übergeben zu haben?
Nach 70 Jahren wird man kein Dokudrama mehr über die Befreiung von Paris drehen wollen. Es interessiert uns heute mehr, wenn man aus geschichtlichen Momenten eine spannende Geschichte konstruiert, als wenn man diese nur aneinanderreiht. Es ist einfach ein spannendes Spiel zwischen zwei Charakteren, da werden alle Argumente durchgespielt, die für und gegen Choltitz sprechen und wie er zu seiner Entscheidung kommt. Choltitz war ja nur ganze drei Wochen in der Stadt. Diese drei Wochen in eine Nacht zu bündeln, ist dramaturgisch großartig.
Wieso haben Sie die Rolle des Generals nicht mit einem deutschen Schauspieler besetzt?
Das war natürlich der erste Gedanke. Den hatten sich schon die Produzenten gemacht, die auf eine Koproduktion hofften. Ich wollte Brandauer, Tukur, Burghart Klaußner ansprechen, ich glaube, in dieser Reihenfolge. Ich hatte das Stück bis dahin nie auf der Bühne gesehen. Freunde sagten mir, wie toll Niels Arestrup in Paris sei. Ich wollte dann einfach mal mit ihm sprechen, um einen Eindruck zu bekommen. Und war dann so angetan von Niels. Er hatte eine ganz radikale Position zu Choltitz. Der hätte dem alles zugetraut. Kein Deutscher würde die Figur so vorbehaltlos spielen. Da war mir schnell klar, du musst niemanden mehr suchen. Du hast deine Idealbesetzung schon gefunden.
Wie würden Sie Choltitz einschätzen? War er ein treuer Nazi, war die Übergabe ein Akt des Widerstands?
Es gibt einige Dissertationen über Choltitz. Und viele Spekulationen. Ich glaube, es hing von sehr viel mehr Leuten ab als nur von ihm. Ich bin nicht dabei gewesen. Aber im Lateinischen gibt es den Ausdruck cunctator, Zauderer. Ich glaube, das trifft wohl am besten auf ihn zu. Er hat einfach so lange gezaudert, bis es zu spät war, den Befehl auszuführen. Aber das ist eine Unterstellung. Sein Sohn und seine zwei Töchter, die heute noch leben, haben ihn auf einer eigenen Website zum großen Helden stilisiert. Ich glaube, das ist er nicht gewesen.
In „Diplomatie“ geht es einmal mehr in Ihrem Oeuvre um deutsche Schuld und deutsche Verantwortung...
Aber diesmal ist das Wohltuende, dass wir ausnahmsweise mal gut wegkommen. Paris wurde eben nicht zerstört, obwohl alles schon vorbereitet war und 21 Brücken mit Sprengsätzen versehen worden waren. Ich hätte den Film auch gemacht, wenn er in Karthago vor 2000 Jahren gespielt hätte. Weil das Buch so spannend war. Dass es bei dem Poker aber auch noch um Paris geht, die Stadt der Liebe, die jeder kennt, in die jeder will, hat das Ganze noch zugespitzt. Das trifft mich natürlich auch persönlich.
Sie sind als 17-Jähriger nach Paris gezogen. Wie wurden Sie damals behandelt? Gab es noch Ressentiments gegen Deutsche?
Nein, gar nicht. Das hat mich selbst erstaunt. Ich hatte das sogar erwartet, vor allem zu Anfang, als ich noch gar kein Französisch konnte. Ich bin nur einmal von einer Putzfrau im Studentenwohnheim als „Boche“ beschimpft worden. sonst nie. Nur zehn Jahre nach dem Krieg gab es da schon eine große Bereitschaft zur Versöhnung. Und, wie soll ich sagen, auch eine gewisse Faszination, sich mit mir zu befassen. Viele Regisseure haben mich sehr schnell als Assistenten genommen, gerade weil ich Deutscher war und dadurch anders als die anderen. Das war vielleicht sogar ein wenig chic. Der Deutsche ist für die Franzosen noch immer das unbekannte Wesen, das changiert zwischen dem bösen Nazi-Sadisten und den Dichtern und Denkern. Sich aus diesen Extremen ein richtiges Bild zu machen, haben sie immer noch nicht geschafft. Ich weiß nicht, ob wir das schon geschafft haben.
Was bedeutet Paris für Sie persönlich?
Paris ist einfach die Ursuppe, aus der ich gekommen bin. Das Wort Suppe ist da gar nicht so schlecht. Frankreich hatte in den 50er-Jahren noch etwas sehr Elendes, in Deutschland waren die Städte schon wieder aufgebaut mit Wüstenrot-Häuschen, in Paris lag noch das Plumpsklo am Ende vom Flur. „Die Stadt der Lichter“ – die hab ich jahrelang nicht kennen gelernt. Die ersten Jahre waren wirklich so jämmerlich, wie das in „La bohème“ gezeigt wird. Es war viel Elend, aber auch eine fiebrige Intellektualität, ein Interesse für alles Neue, der Zwang, sich auszudrücken und sich auf Diskussion einzulassen. Alle wollten, dass du erklärst, wer du bist. Dabei musste man erst mal herausfinden, wer man war.
Paris ist für viele Menschen ein Sehnsuchtsort. Ist das für Sie auch so – oder hat sich damals so viel für Sie erfüllt, dass man das gar nicht mehr sagen kann?
Ich fahre immer wieder gern hin. Aber leider ist Paris heute eine Kulisse. Dieses Intellektuellenleben der Nachkriegszeit, der Existenzialismus, die Nouvelle Vague – das ist heute alles nicht mehr. Wie alle schönen Städte ist das nur noch Kulisse, durch die Millionen von Touristen geschleust werden. Alle Einwohner sind an den Rand und in die Vororte gedrängt. Von meinem ganzen Team bei „Diplomatie“ wohnte nicht ein einziger in der Mitte von Paris. Außer mir. Aus „Blechtrommel“-Zeiten hat sich da noch eine kleine Zweizimmerwohnung in der Stadtmitte gehalten. Und ich musste immer raus chauffiert werden, weil ja auch das Studio außerhalb liegt.
Wie zugkräftig ist der Name Schlöndorff heute noch in Frankreich?
„Diplomatie“ ist in Frankreich schon im Frühjahr herausgekommen. Der hat immerhin eine halbe Million Zuschauer gemacht. Mich hat selbst überrascht, dass ich auf meine alten Tage noch mal so einen Publikumserfolg lande. Ich bin also noch ganz gut bekannt. Das ist natürlich auch eine Generationenfrage. Die Jungen dort kennen mich nicht mehr. Die kennen aber auch diese Geschichte von Paris nicht mehr. Vielleicht versteht sich das aber von selbst, dass jedes Land sich für das Schicksal seiner Hauptstadt interessiert. Da hat wohl ein neues Publikum mich entdeckt und umgekehrt.
Zum 70. Jahrestag des Abzuges der Deutschen stellen Sie „Diplomatie“ noch einmal in Berlin vor. Müssten Sie den Film nicht eigentlich in Paris zeigen?
Tue ich auch. Aber schon vorher. Im Pariser Rathaus gibt es einen Befreiungs-Ball mit vielen Gästen und großem Truppenaufmarsch, da wird auch „Diplomatie“ im Hofe des Polizeipräsidiums gezeigt. Das lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Am Montag werde ich dann aber in Berlin sein.




