Kaum eine Unterscheidung war je so unsinnig wie die zwischen E- und U-Musik: „Ernst“ und „Unterhaltung“. Bei E sitzt man schweigend im Konzertsaal, bei U springt man schwitzend in der Gegend herum. Das mag nach frühen 60er-Jahren klingen, bevor die Beatles ihr Album „Sgt. Pepper“ aufnahmen und Pink Floyd „The Wall“ und zahllose weitere schwergewichtige Konzeptalben die Welt erfreuten.
Es lebt aber bis heute fort als „Pop“ versus „Klassik“. „Pop“ heißt ja erst mal nur: populär. Und „Klassik“ schmeißt alles von gregorianischen Chorälen über Barock, Spätromantik und Zwölftonmusik in einen Topf. Andererseits war Punk zum Beispiel nicht zur Unterhaltung gedacht, sondern zur Rebellion. Und wer würde behaupten, Bach, Mozart, Beethoven seien nicht populär? Die simple Wahrheit, meine Damen und Herren, verkündete schon Duke Ellington: Es gibt nur gute und schlechte Musik. Basta.
Das führen stargaze vor, ein Berliner Kollektiv um den Arrangeur André de Ridder. Sie präsentieren im Heimathafen Neukölln zwei Kooperationen: mit The Dodos, einem jungen Indie-Duo aus San Francisco, und Grant Hart, dem Schlagzeuger und Songwriter der legendären Punk-Band Hüsker Dü. Für beide haben stargaze Arrangements geschrieben. Zusammen drängen sie sich auf der Bühne: die Band und ein 12-köpfiges Ensemble mit Vibraphon, Elektroharfe. Stargaze raut die Songs der Dodos auf, lässt sie auf ausgefuchste Arrangements prallen, schräges Streicherflirren auf Klacker-Drums. Als hätte György Ligeti Musik für einen Space-Western geschrieben. Klingt so vielleicht das Kunstlied der Gegenwart: Folk-Songs, ins Weltall geschleudert? Klarinette und Querflöte jedenfalls lachen sich an und tanzen.
Eine Legende auf der Bühne
Dann aber: Legendenbesichtigung. Grant Hart schaut aus wie man sich einen Punk-Überlebenden vorstellt. Mit zu weiten, von Hosenträgern gehaltenen Jeans schlurft er auf die Bühne, die Haare fettig, eine Cowboygürtelschnalle vorm Bauch. Etwas manisch wirkt er, haut sich fast die Lesebrille von der Nase. Stargaze und er stürzen sich in einen Songzyklus, der auf Miltons Epos „Paradise Lost“ basiert und auf Varianten vom Großjunkie der Beat-Literatur, William S. Burroughs. Gute und böse Ahnungen kommen auf: Tom Waits hat sich gelungen an solche Riesen herangemacht; böse abgeschmiert ist leider der vor wenigen Monaten gestorbene Lou Reed mit seiner Adaption von Edgar A. Poes „The Raven“.
Und Hart? Manche Songs klingen wie Kinderlieder. Es geht ums Sitzen unter Apfelbäumen, „relaxt und beautiful“, wie er in einer Ansage nuschelt. Als hätte es „Sgt. Pepper“ nie gegeben, und man könnte immer weiter so kleine, klingende Wundertüten in den Wind der Musikgeschichte werfen. Das ist manchmal etwas sehr darauf angelegt, zum Klassiker zu werden, zum Schlüsselwerk. Aber dann trifft dieser zeitlose Dixie-Folk auf ganz herrlichen, vorhöllischen Lärm von Celli, Bratsche, Horn. Zum Schluss gibt es noch ein Duett, das die ganz große Pomp-Geste wagt. Da klingt Punk plötzlich wie eine Oper – voll Pathos, überlebensgroß. Was – könnte man sagen – an diesem Abend zu beweisen war.

