Mitte der 70er-Jahre stürzten sie sich in die aufgewühlte New Yorker Punkrockszene zwischen Clubs wie „CBGB’s“ oder „Max’s Kansas City“. Doch schnell schwammen sie sich frei, experimentieren mit unterschiedlichsten Spielarten des Pop und wurden zur Speerspitze einer massenkompatiblen New Wave, die von Downtown Manhattan aus die Welt eroberte. Nun steht Blondie, die Band um die lässig-coole Sängerin Debbie Harry, am Montagabend vor rund 1500 Besuchern auf der Bühne im Tempodrom, um das neue Album „Ghosts of Download“ live vorzustellen.

Und natürlich auch, um die alten Hits zu spielen. Denn genau deshalb ist das von Jung bis Alt bunt gemischte Publikum in dieses stilisierte Zirkuszelt aus Beton gekommen. Die neuen Stücke werden zwar dankbar zur Kenntnis genommen, doch hören will man den Soundtrack der eigenen Jugend, „Heart Of Glass“ oder „Atomic“, „Call Me“ oder „Rapture“. Und den gibt es dann auch, von einer Band, die merklich in die Jahre gekommen ist, aber partout nicht erwachsen werden will.

Das Soundsystem versagt zunächst

Der Abend beginnt mit einem Sound-Debakel. Nur Bass und Schlagzeug poltern dumpf aus den Lautsprechern, als die Band um 20.30 Uhr ins Rampenlicht tritt. Keine Gitarren, keine Debbie Harry sind zu hören. Das Soundsystem versagt. Merkt das denn keiner? Sie spielen einfach konsequent und unerhört weiter. Und werden gnadenlos ausgebuht. Nachdem sie das Stück tatsächlich nahezu tonlos zu Ende gebracht haben, klappt es dann doch mit der Anlage. „Nice to see you”, ruft Debbie Harry in den Saal. Und wird lautstark bejubelt. „That‘s live. I think we start again”, sagt sie, und das tun sie dann auch.

Nun macht die Band mächtig Druck, als sie den Abend noch einmal mit „One Way Or Another“ vom 78er-Album „Parallel Lines“ eröffnet. Gitarren-Urgestein Chris Stein schabt die harten Riffs aus seinem Instrument. Auch der kraftvolle Schlagzeuger Clem Burke ist noch von der Originalbesetzung dabei. Komplettiert wird Blondie durch Leigh Foxx (Bass), Tommy Kessler (Gitarre) und Matt Katz-Bohen (Keyboards). Und ganz vorn am Mikrofon steht Deborah Harry in einem quietschbunt kurzen, geschmacksverirrten Paillettenkleidchen, eine charmante ältere Dame, die in wenigen Tagen 69 Jahre alt wird und noch immer ihre Bühnenrolle als nölige Punk-Diva und entrückte Pop-Marilyn ausfüllt.

Bewegung im Berliner Tempodrom

Das wirkt anfangs etwas befremdlich, doch im Laufe des Abends dreht sich die Zeit einfach zurück und die Musiker zelebrieren den Sound der 70er- und 80er-Jahre, musikalisch etwas gestrafft und von allzu nostalgischen Keyboardklängen befreit, aber dennoch von hohem Wiedererkennungswert. Debbie Harrys Stimme ist von kühler Klarheit, die Band routiniert aufeinander eingespielt. Als „Call Me“ losblubbert, jener Disko-Pophit, den Blondie 1980 mit Giorgio Moroder für den Film „American Gigolo“ aufgenommen hat, kommt Bewegung ins Tempodrom.

Diese Band, die sich 1982 aufgelöst hat und sich 1997 wieder vereinte, ist von stilistischer Vielseitigkeit. Sie spielten Rock, Punk, New Wave, Disco, Europop, ja sogar Rap. Etwa zur Mitte des Konzerts stampft der 1980er-Hit „Rapture“ durch die Halle. Es war damals der erste Rap-Song, der es in den USA auf Platz 1 der Charts geschafft hatte und damit den Weg ebnete für die bis dahin ignorierte Rap- und Hiphop-Szene. Im Konzert geht „Rapture“ nicht ohne Augenzwinkern plötzlich über in „(You Gotta) Fight For Your Right (To Party!)“ von den Beastie Boys.

Ein Abend mit gewissen Längen

Dennoch: Obwohl es auch etliche neue Songs zu hören gibt, wirkt dieser Abend ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Neue Stücke wie „Mile High“ oder „Rose By Any Name“ passen sich nahtlos ein in das stilistische Blondie-Durcheinander. „Maria“, der bisher letzte Blondie-Hit, bleibt der leichte und kalkulierte Schlager, der er schon Ende der 90er-Jahre beim Comeback gewesen ist. Manch anderes Stück wirkt wie eine Pflichtübung, routiniert gespielt aber von wenig Emotion getragen. Das gibt diesem kurzen Abend die eine oder andere Länge.

Auf einer breiten Bildwand sieht man anfangs die Blondie-Musiker in jungen Jahren, später werden darauf die Stücke mit spartanischen grafischen Spielereien illustriert. Die Technik hat offenbar Probleme, den Sound im zur Hälfte gefüllten Tempodrom-Rund passabel einzupegeln. Aber die teils tanzenden, teils eher reglos dasitzenden Fans scheint das nicht sonderlich zu stören. Mit einem treibenden „Heart of Glass“ von 1978 geht Blondie nach gut einer Stunde Spielzeit auch schon ins Finale. Der Applaus und die Zugabeforderungen sind durchaus lautstark. Und natürlich kommt die Band für gleich vier schnelle Zugaben zurück.

Die Rockmusik ist im Rentenalter angekommen. Und mit ihr auch die Musiker, die sie angetrieben, geprägt und geformt haben. Und so verwalten Bands wie Blondie 40 Jahre später ihr musikalisches Erbe mit dem festen Willen, ihr Jugendwerk mit der Energie, die ihnen einst inne wohnte, zu reproduzieren. Das klappt nicht immer. Im Zugabenblock greifen sie noch einmal ganz tief in die Erinnerungskiste mit dem punkgetriebenen Misfits-Cover „Hollywood Babylon“ und „In The Sun“ vom 76er-Debütalbum „Blondie“. Auf Stücke wie „X-Offender“, „Denis“ oder den luftigen Reggae „The Tide Is High“ wartet man allerdings vergebens. Aber irgendwann ist eben auch mal Schluss mit Nostalgie.