KW ist keine Metropole, spätestens zwischen den Stationen Eichwalde und Wildau verlässt den Innenstadtberliner das Gefühl, in der Hauptstadt zu sein. In KW, wie die Einwohner ihr Königs Wusterhausen nennen, angekommen, steht man dann vor einem hübschen Rotklinker-Bahnhof auf Kopfsteinpflasterstraßen, vor allem aber: auf dem Dorf.
Wer nun glaubt, Königs Wusterhausen sei aufgrund seiner Lage auch zu einem kulturellen Randdasein verdammt, irrt. Vor allem an diesem Wochenende. Denn am Sonnabend finden die von einem Verein organisierten Kulturtage ihren Höhepunkt. Zum sechsten Mal bereits treten beim Bergfunk Open Air auf dem Funkerberg Rock- und Popbands auf die Bühne – organisiert von Stubenrausch e.V.
Alban Gallus ist einer von denen, die den Stubenrausch 2007 gründeten. „Aus einer Laune heraus“, wie der 34-Jährige sagt. „Wir hatten Lust auf Musik, auf Kultur in dem Ort, in dem wir aufgewachsen sind.“ Mit dem Festival auf dem Funkerberg fing es an wie mit allen anderen auch: klein. „2007 kamen ein paar Bands, mit denen wir befreundet waren“, sagt Gallus. Sie spielten für das, was von den fünf Euro Eintritt übrig blieb. Seitdem hat sich einiges verändert.
Aus Gallus und seinen ursprünglich sechs Mitstreitern wurde ein Team von mehr als 30 Menschen. Statt einer Konzertveranstaltung für Freunde ist das Bergfunk Open Air ein Festival, das von Hunderten besucht wird. „Das fing mit der Übernahme der Kulta an“, sagt Gallus. Die Kulta, die Kulturtage, das ist die Woche, die dem Konzert vorangeht. Poetry-Slam auf dem Funkerberg, ein Filmabend im Kino Kapitol, ein Swingkonzert – das waren ihre Höhepunkte 2014. Ursprünglich ging es bei den Kulturtagen um eine Theaterwoche in KW. Doch seitdem der Stubenrausch die Veranstaltung übernommen hat, ist das Programm gewachsen. „Darum geht es doch bei der ganzen Sache“, sagt Carolin Fuhrig. „Darum, immer etwas Neues auf die Beine zu stellen und zu sehen, wie es funktioniert“. Fuhrig gehört seit drei Jahren zum Team der Organisatoren hinter dem Fest. Lange genug, um auch gesehen zu haben, wie Dinge nicht funktionieren.
Zwischendurch pleite
2012, dieses Jahr ist bei den Vereinsmitgliedern ein wunder Punkt. „Das haben wir damals wohl falsch eingeschätzt“, meint Fuhrig. Alban Gallus sagt es noch direkter: „Wir haben uns übernommen.“ 2011 lief der Bergfunk gut, die Gäste kamen zahlreich und gingen zufrieden. Im nächsten Jahr dachte man sich in Königs Wusterhausen, es sei Zeit für den nächsten Schritt. Ohrbooten, Alphaville und Blumentopf. Das waren die Stars beim vierten Bergfunk. Große Namen, vor allem aber Gruppen mit dementsprechenden Gagen. „Am Ende saßen wir auf 30.000 Euro Schulden“, sagt Gallus. Das lag auch daran, dass die Gäste ausblieben. „Viele glaubten uns gar nicht, dass diese Bands hier auftreten. Sie dachten, es handele sich um Coverbands.“
Dass das Fest weiterexistierte, hat es den Königs Wusterhausenern selbst zu verdanken. Innerhalb weniger Monate schaffte es der Stubenrausch, mit Spendenkampagnen und Benefizkonzerten sein Minus auszugleichen. „Das ist das größte Lob, das wir erhalten konnten. Es gibt jetzt eine Menge Menschen, denen wir es schulden, weiterzumachen“, sagt Gallus.
Letztendlich war die Pleite von 2012 wichtig für den Verein, so sehen das viele in KW. Immerhin musste man einen Schritt zurücktreten, Distanz wahren und zurückkehren zu dem, was dem Festival von Anfang an seinen Charme verlieh. Dass Königs Wusterhausen eine Kleinstadt ist, hat seine Vorteile. „Hier geht es die ganze Zeit über familiär zu“, sagt Carolin Fuhrig. „Jeder kennt jeden, man weiß, mit wem man arbeitet.“
Gerade deswegen sei es wichtig, den Bergfunk nicht als riesiges Spektakel, sondern eben als lokale Veranstaltung zu betrachten. Beim eventeigenen Band Contest sucht man nach Musikern aus der Umgebung, den finanziellen Aufwand tragen unter anderem die Stadt und die örtliche Sparkasse. Es ist ein Festival zum Selbermachen, bei dem man in den Tagen vor dem Konzert auf der Bühne schläft, um die Technik zu bewachen. Eine Gruppe junger Männer und Frauen, die der Kultur wegen im Freien übernachten – das ist der Geist des Bergfunks. Der Einzige von ihnen, der dabei wirklich Wache hält, ist wohl Pepe, der Hund von Carolin Fuhrigs Freund Ole.
Alle arbeiten ehrenamtlich. Die meisten studieren, einige arbeiten. Trotzdem finden sie die Zeit, Wochen, Monate zum Teil, in die Vorbereitungen des Bergfunks zu investieren. Und die Veranstaltung will weiter wachsen. „Ein Festival für Berlin und Brandenburg“, das soll der Bergfunk irgendwann werden. Doch wer, auch als nicht KWler, auf dem Funkerberg herzlich willkommen geheißen wird, an die Gruppe denkt, die auf der Bühne schläft, den Mann, der am Sonnabend einen Shuttlebus vom Bahnhof zum Festgelände fährt, und den Stolz auf die eigene Leistung, den man jedem hier anhört, möchte eigentlich sagen: Hoffentlich nicht! Denn wer nach Königs Wusterhausen kommt, findet sich im Dorf wieder. Auf die bestmögliche Art und Weise.

