Easydoesit

Wie Berliner Regisseure Nummer-1-Videos in Serie fabrizieren

Das Kreuzberger Musikclip-Label Easydoesit dreht die Filme für Popstars wie Marteria, Miss Platnum, Robin Schulz oder Seeed. Berlin ist in ihren Clips eine beliebte Kulisse. Was zählt, ist „Realness“.

Foto: KRAUTHOEFER

Rot knallt in Blau. Lila Wolken ziehen auf, und die Nacht beginnt. Cut. Szenegänger fegen in einem Späti eine Ladung Chipstüten in den Einkaufswagen. Schnitt. Hoch oben auf dem Schöneberger Gasometer stehen Rapper Marteria, Yasha und Miss Platnum, tanzen und singen. Die Bilder sind so groß wie die Party, die sie versprechen: „Wir bleiben wach, bis die Wolken wieder lila sind.“

Szenen aus einem Musikvideo des Kreuzberger Labels Easydoesit. Die Zahl der Youtube-Aufrufe liegt bei rund 24 Millionen – und sie gibt eine Vorstellung davon, wie angesagt das Start-up gerade ist, hinter dem vier junge Berliner als Gesellschafter stehen.

Aktuell in den Musikvideocharts vertreten ist Easydoesit mit dem Clip zum Nummer-Eins-Hit „Prayer in C“, für den DJ Robin Schulz einen Folk-Pop-Song von Lilly Wood & The Prick remixte. Das Video, in dem Skater und andere abgefahrene Typen mit weiß geschminkten Gesichtern durch die hippen Ecken rund ums Schlesische Tor ziehen, ist ein Geschenk für Tourismus-Vermarkter. Cooler und bunter kann man den Kiez kaum in Szene setzen.

Das Musikvideo zu „Prayer in C“ von Robin Schulz

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„Die Lyrics wirken ja eigentlich traurig, aber die Musik verlangt eher nach warmen Bildern“, sagt Sebastian von Gumpert, 27, der sich nur Sebi nennt. Neben ihm sitzen am Tisch eines sparsam möblierten Lofts an der Waldemarstraße seine Mitgesellschafter: Maxim Rosenbauer, Regisseur von Prayer in C, und Gregor Möllers. Der vierte, Dimitri Hempel, ist gerade unterwegs bei einem Dreh in Kitzbühel.

Wenn sie Videos produzieren, lassen sich die vier von der Musik ebenso mitnehmen wie von den Texten. Aber: „Wir stimmen uns immer eng mit den Künstlern ab. Was sie in den Songs sehen, ist entscheidend“, sagt der gelernte Kulturwissenschaftler Sebi, der sich eine Basecap ins widerspenstige Haar gedrückt hat.

Videos für Xavier Naidoo, Seeed, McFitty und Die Atzen

Bei den Musikern und ihren Labels sind die Easydoesit-Macher gerade gut im Geschäft, entsprechend selbstbewusst geben sie sich im Gespräch. Sie drehten schon für Xavier Naidoo, Seeed, McFitty, Die Atzen oder Kool Savas. Tim Bendzko haben sie für eine Doku nach Südafrika begleitet, für den Club Watergate eine Dokumentation produziert. Schon abgedreht, aber noch nicht erschienen ist das neue Robin-SchulzVideo. Auch international werden ihre Clips geklickt. Das Video zu „Changes“ von Faul und Wad Ad drehten die Regisseure Chehad Abdallah und Felix Urbauer für Easydoesit in Südafrika, es ist eine eigene Version des Kriegs der Knöpfe. Darin verpacken Kinder, die als Indianer verkleidet sind, mit Unmengen an Toilettenpapier Häuser in Christo-Manier. Ganz schön schräg der Film, schon knapp 29 Millionen Mal aufgerufen und das in 72 Ländern.

Die Easydoesit-Ästhetik ist von der Skaterszene beeinflusst. Nicht selten filmen die jungen Regisseure und Kameraleute auf dem Skateboard, was für urbanes Tempo sorgt. „Wir haben alle denselben Background: „Skater, HipHop, Street, Party, Berlin“, sagt Maxim Rosenbauer, der früher selbst als Profi auf vier Rollen stand.

Schon mit 18 war der heute 29-Jährige mit der Kamera unterwegs, doch hat er sich bewusst gegen ein Studium an einer Filmhochschule entschieden: Filmer, die frisch von der Uni kämen, hätten häufig nicht den nötigen Swag, die Coolness, sagt er. Das muss nicht immer gelten, wie Mitgesellschafter Dimitri Hempel beweist, der in Botzen Dokumentarfilm studiert hat. So oder so vertrauen die Vier auf ihre Energie und Leidenschaft und arbeiten seit der Easydoesit-Gründung 2012 auch mit vielen anderen Profis zusammen.

Große Gefühle auf kleinen Handy-Displays

Unterschiedlich groß sind die Budgets für Musikvideos, doch Geld steht für die Filmer nicht an vorderster Stelle. Es geht ihnen um große Gefühle, die auch auf kleinen Handy-Displays rüberkommen sollen, um „visuelle Feuerwerke“. All das will man ihnen gerne abnehmen, wenn sie da am Tisch von ihren Projekten erzählen und wild mit den Händen gestikulieren.

Ein Begriff, der dabei immer wiederkehrt, ist „Realness“. Und ja, echt sehen ihre Videos aus, und wirklich sexy – und das hat nicht nur mit der Technik des Skate-Filmens zu tun. Statisten rekrutieren sie gerne aus dem Freundeskreis, und wenn ein Video danach schreit, organisieren sie schnell mal eine After-Hour-Party.

„Familie“ ist auch so ein Wort, das die vier GmbH-Gesellschafter in Interviews gerne benutzen. Nicht nur, weil sie sich schon seit zehn Jahren kennen, ständig zusammen sind, bis in die Nacht gemeinsam an Projekten feilen und sogar gemeinsam in Urlaub fahren, wie sie erzählen. Zur Familie rechnen sie auch die freien Regisseure, Kameraleute und Techniker dazu, mit denen sie kooperieren und die sich zum Teil im Dachgeschoss eingemietet haben. Berlin und Kreuzberg taugen den Jungs nicht nur als Kulisse für ihre Clips, sondern sind Ausdruck eines Lebensgefühls und -stils: „So funktionieren würde das in keiner anderen Stadt. Und wir haben natürlich Glück, dass Berlin gerade so angesagt ist“, meint Gregor Möllers.

Vielleicht auch mal Spielfilme

Auch viele Berliner, die sich nicht regelmäßig bei Youtube einloggen, kennen den Namen von Easydoesit. Denn überall in Kreuzberg, ob in Bars oder auf Laternenpfählen, sind die Aufkleber des Startups zu finden, nur das Logo ist aufgedruckt, jede Erklärung fehlt.

Auch auf der Facebook-Seite gibt es keine Selbstauskünfte. Ist das nur ein Marketing-Gag und Teil der Selbstinszenierung? „Manche denken, wir machen Partys“, sagt Sebastian von Gumpert und grinst dabei ein bisschen. Ganz ernsthaft ergänzt er dann: „Wir verstehen uns nicht als klassische Videoproduktionsfirma und sind noch nicht am Endziel angekommen. Deshalb möchten wir uns nicht zu eng definieren.“ Maxim Rosenbauer springt ihm bei: „Vielleicht drehen wir ja in zwei Jahren Spielfilme.“

Der Clip zu „Lila Wolken“ von Marteria

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