Film

Für Vladimir Burlakov ist Wedding die bessere Mitte

Der russischstämmige Schauspieler Vladimir Burlakov hat sich bei Dreharbeiten in Berlin verliebt und zog über Nacht dorthin. Er dachte, das Gefühl nutze sich irgendwann ab - tut es aber nicht.

Foto: David Heerde

Es war Liebe auf den ersten Blick. Vladimir Burlakov war zu Dreharbeiten in Berlin. Dominik Graf inszenierte hier seine preisgekrönte Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“, der damals 23-Jährige spielte darin einen der russischen Gangster. Für Wochen wohnte er in der Stadt. Und war sofort entflammt. Immer wieder kam er dann zu Besuch. Sein Entschluss, ganz herzuziehen, fiel dann aber – in Casablanca. Er hatte in Marokko den TV-Film „Mörderische Entscheidung“ über den Fall Kunduz gedreht. Alle Kollegen flogen mit dem Flieger nach Berlin, er aber musste über Paris nach München. Und saß stundenlang fest, weil die Air France nicht kam. Andere würden an dieser Stelle mit der Fluglinie brechen, Burlakov brach mit seiner Stadt. „Ich sagte mir: Warum fliegst du allein nach München, wo du gar nicht hinwillst, und alle anderen fliegen nach Berlin?“

Als er doch noch in München gelandet ist, hat er eine Nacht darüber geschlafen. Dann aber sofort seine Wohnung gekündigt, ohne zu wissen, wohin in Berlin. Es war Oktober 2012. Die Hauptstadt zeigte sich von ihrer grauesten Seite. Und doch war Burlakov sofort hingerissen. Die Wohnungssuche war nicht so einfach. Als junger freiberuflicher Schauspieler ohne festes Einkommen kann man Vermieter nicht so leicht überzeugen. Fünf Wochen lang schlief Burlakov auf der Couch von Freunden, denen er für ihre Gastfreundschaft heute noch Respekt zollt. Am Ende hat er bei einer Bewerbung einfach seine Vita beigelegt, die sein Schauspielagent von ihm angelegt hat. Darin steht, dass er auch mal mit Axel Prahl gedreht hat. Von dem war der Vermieter ein Fan. So kam Burlakov zu seiner Bleibe.

Treffpunkt auf den Flaktürmen

Wir treffen uns an den alten Flaktürmen im Volkspark Humboldthain. Klingt ja eher nach einem martialischen Treff. Aber von den Türmen aus hat man wirklich einen spektakulären Ausblick. Mal nicht auf das hippe Mitte, sondern auf die andere Seite, hin zum Wedding. Die Türme, der Hain waren mit die ersten ersten Dinge, die sich Burlakov hier entdeckt hat. Auf einer ersten Tour mit seinem Rennrad, mit dem er auch heute erscheint. „Mein Fahrrad ist wie ein Hund, das habe ich immer dabei“, sagt er. Wie zum Beweis schließt er es auch nicht irgendwo an, sondern nimmt es mit auf dem Weg zu den Türmen und wirft es sich bei Stufen locker über die Schulter.

Das alles, müssen wir jetzt mal festhalten, ist äußerst untypisch. München war einmal Filmhauptstadt, aber das ist lange her. Ein Schauspiel-Eleve, der heute was werden will im deutschen Film, zieht erst mal nach Berlin. Weil hier am meisten gedreht wird, weil hier die wichtigsten Produktionsfirmen sitzen, weil man hier am besten connected ist. Burlakov aber hat zunächst in München an der hehren Falckenbergschule Schauspiel studiert, ist dann gleich zum Debüt 2010 von Kultregisseur Dominik Graf angeheuert worden – und kam erst dann nach Berlin, als es auch von München aus schon sehr rund lief.

Moskau – München – Berlin

Und: Er zog nicht etwa in den hippen Prenzlauer Berg oder nach Friedrichshain, wo so viele seiner Kollegen wohnen, auch nicht mitten nach Mitte. Er wohnt genau auf der Grenze zum Wedding. Und steht auch dazu. Ist Wedding das neue Mitte? „Klares Nein“, konstatiert er. „Das behaupten zwar viele: Der Wedding kommt, der Wedding brummt. Es gibt schon coole Bars, aber Brummen ist was anderes.“ Genau deshalb liebt er diesen Kiez aber. Weil er nicht so gentrifiziert, so angesagt ist, sondern noch ganz natürlich tickt.

Es war sein zweiter Neustart. Burlakov ist 1987 in Moskau geboren und dann mit seiner Mama, Großmama und Zwillingsschwester nach München gezogen. Neun war er damals und sprach kein einziges Wort Deutsch. Schon damals will er er keinen Kulturschock, kein Trauma erlebt haben. Was die Mama wollte, wurde halt gemacht. Nur sein schwerer Akzent verriet seine Herkunft. Die wurde ihm dann an der Falckenbergschule ausgetrieben. „Unser Sprecherzieher hat uns in unserer ersten Stunde Gedichte aufsagen lassen und auf Band aufgenommen. Nach dem Diplom hat er uns das vorgespielt. Als ich das hörte, war ich fassungslos.“

Vier Jahre lang den Akzent abrainiert

Er hat dann erst mal trotzdem Russen gespielt. Für Dominik Graf. Für den Fernsehfilm „Schurkenstück“. Und den Kinofilm „Ausgerechnet Sibirien“ mit Joachim Król (und dem Mann, dem er seine Wohnung verdankt). Burlakov hatte anfangs Angst, in eine Russen-Schublade gesteckt zu werden. Und dafür einige Angebote abgelehnt. „Ich habe mir“, sagt er selbstbewusst, „nicht vier Jahre lang den Akzent abtrainiert, um das dann wieder künstlich herstellen zu müssen.“

Dann aber kam „Marco W – 247 Tage im türkischen Gefängnis“, der Film über den 17-Jährigen, der in der Türkei inhaftiert wurde, weil er angeblich eine Minderjährige verführt haben soll. Burlakov war damals schon 24, spielte den Teenager aber so einfühlsam und überzeugend, dass die Kritik sich überschlug und er den Nachwuchspreis des Bayrischen Fernsehpreises erhielt. Seither spielt er in Kinofilmen wie „Scherbenpark“ oder zuletzt „Nachthelle“ und TV-Highlights wie „Der Wagner-Clan“ oder „Die Hebamme“.

In Berlin ist man besser vernetzt

Welche Erwartungen hatte der Newcomer an Berlin, als er hierherzog? Da ist er ganz bescheiden: keine. „Ich hatte von Anfang an das Gefühl, Berlin ist mein Zuhause“, sagt er. „Wenn man sich schon zuhause fühlt, hat man keine Erwartungen mehr.“ Wenn er durch die Stadt radelt und immer neue Ecken entdeckt, ist er absolut glücklich. „Ich dachte, das Gefühl hört irgendwann auf, tut es aber nicht.“ Es atme sich hier einfach leichter und freier. Dass man auch besser vernetzt ist, das macht er – das spricht irgendwie für ihn – weniger an sich selbst aus als an einer Freundin, der Sängerin Alina Wichmann. Ein „Ausnahmetalent“, schwärmt er. Für sie sei es extrem vorangegangen, seit sie hierhergezogen ist.

Da sollte der junge Mann mal nicht so unbescheiden sein. Demnächst wird er in Nico Hofmanns „Deutschland!“-Serie mitwirken. Und dann hat er just am Vortag unseres Treffens, das muss man ihm ein bisschen aus der Nase kitzeln, noch eine Zusage für einen Kinofilm erhalten. Ab September wird gedreht, und es wird seine bislang größte Herausforderung. Mehr will er aber nicht verraten. Vielleicht hat die Nähe in Berlin zu den Hofmanns und anderen Produzenten aber doch ein wenig dazu mitgeholfen.