Ausstellung

Staeck zeigt seine Plakate in Berlin auf 300 Litfaßsäulen

Unter dem Motto „Die Kunst findet nicht im Saale statt“ zeigt die Berliner Nationalgalerie eine Ausstellung mit Plakaten von Klaus Staeck. Auf 300 Litfaßsäulen sind Arbeiten des Künstlers zu sehen.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

„Das Schlimmste ist“, findet Klaus Staeck ganz Klaus-Staeck-gemäß, „wenn die Demokratie an Langweile stirbt.“ Dann müsse man ein wenig Leben in die Bude bringen. Das hat er schon viele Jahre getan, mit seinen Aktionen, Plakat- und Postkarten-Projekten.

Eine seiner Postkarten hat irgendwie wohl jeder noch zu Hause in einem Karton oder einer unsortierten Schublade, nur: Man wird sie nicht mehr versenden im Zeitalter der E-Mails. Jetzt steht Staeck also braun gebrannt neben dem ebenso braun gebrannten Museumsmann Udo Kittelmann, und beide werfen sich verbal die Bälle zu.

Staeck kommt in der Neuen Nationalgalerie zu musealen Ehren, da er aber von den institutionellen „fest gefügten vier Wänden“ nicht viel hält, findet „die Kunst nicht im Saale statt“. Er ist mit seiner Kunst auf der Straße gelandet, dort, wo sie hingehört, findet er.

Da draußen ist schließlich Öffentlichkeit. Praktisch sieht das so aus, dass nun für drei Wochen eine Auswahl von zehn Motiven seiner politischen Plakate auf über 300 Litfaßsäulen in der City verteilt sind. „Ich bin ein Papiermensch aus dem Papierzeitalter“, ruft er wie zur Verteidigung der guten, alten Litfaßsäule. Die erste übrigens wurde 1855 in Berlin aufgestellt.

Staeck kramt eine Restaurantrechnung aus seiner Tasche. 18,50 Euro wurden bei Sarah Wiener vertilgt. Darauf notiert ist, dass er, Staeck, mit Kittelmann einen Vertrag hat. Das Schöne ist – bei Staeck sitzt jede Pointe, bühnenreif ist das –, seine Plakate funktionieren ähnlich. So schlicht seine Mittel sind, so wirkungsmächtig sind sie auch. Unter dem Slogan „Die Reichen müssen noch reicher werden“ sollte sich nicht bloß die CDU an die Nase fassen, sondern auch die Genossen.

Beklemmende Realität

Einige Plakate, darunter „Stell Dir vor, du musst flüchten und siehst überall: Ausländer raus!“ sind von derart beklemmender Realität, dass man kaum glauben mag, dass sie bereits in den 80er-Jahren entstanden. Subtil ist nicht alles, was Staeck macht, aber warum auch?Der Schlag mit der Satirekeule sitzt. Und natürlich sind die Feindbilder von einst, zu Staecks Hochzeit in den 70er-Jahren, heute keine mehr.

Aber der Impuls, sich in die Politik einzumischen, einfach einmal genau hinzugucken, scheint bei ihm so ungetrübt wie damals. Selbstzweifel freilich eingeschlossen, das sagt er auch. Und als Akademie-Präsident kann man ja auch nicht immer so, wie man will. Über Amazon kann er sich dann schon gewaltig aufregen. Sein jüngstes Plakat, eine zerfetzte Pappe, heißt „Nie mehr Amazon“. „Ein neuer Kapitalismus“, sagt er. Na ja, er will jetzt aber auch „keine Predigt“ halten.

360 bis 380 Plakate hat er in seinem Leben schon entworfen, so manche Prozesse überstanden. Zwei Pharmakonzerne aus dem Ruhrgebiet gingen bis vor das Bundesverfassungsgericht und den Bundesgerichtshof, neun Jahre liefen die Verfahren. Sein Jurastudium hat ihm dabei geholfen, so manche Klage abzuwehren.

Allein auf dem Kudamm acht Säulen

Am Besten bestückt ist Charlottenburg mit seinen Plakaten, allein auf dem Kudamm sind acht Säulen installiert, mit jeweils einem Plakat. Vor der Nationalgalerie und dem Hamburger Bahnhof stehen reine Kunst-Säulen, sie sind flächendeckend mit zehn Motiven beklebt. Nun darf man kritteln, warum denn eigentlich nur der Innenstadtbereich bespielt wird und nicht die Peripherie auch an den Politik-Tropf gehängt wird. Nun denn, sagt Staeck, „im August sind viele Touristen in der Stadt, die nicht vorzugsweise in Marzahn bummeln“. Der Mann hat recht.

Staecks Ikone kennt wohl fast jeder: Das Plakat zeigt die bekannte Kohlezeichnung, die Dürer damals von seiner greisen Mutter anfertigte. Versehen mit dem heiklen Zusatz „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“ Das war 1971, zur großen Dürer-Jubiläumsschau in Nürnberg, die Plakate hingen dort überall. Zudem gab es eine Tagung der Makler in der Stadt. Staecks Kommentar zur Wohnungspolitik – ein Skandal. Der Kulturverantwortliche aus Nürnberg, erzählt Staeck, sei ihm heute wohl noch ein bisschen böse.

Standorte: www.draussenwerber.de. Informationen in der Nationalgalerie und dem Hamburger Bahnhof. Bis 31.8.