Berliner Underground

Gott sei Dank beim Film - Lothar Lambert wird 70

Lothar Lambert war der „Schmuddelfilmer“, der „Fassbinder für Arme“. Er ist der ungekrönte König des Berliner Underground. Und zu seinem runden Geburtstag hat er einen neuen Film fertig.

Foto: Amin Akhtar

Er ist immer noch für einen Schocker gut. Am vergangenen Sonntag kamen ältere Herr- und vor allem Damenschaften ins Bundesplatzkino, wo sie gewöhnlich am Nachmittag alte deutsche Filme sehen. Diesmal aber stand "1 Berlin-Harlem" von 1983 auf dem Programm, ein schmutziger Trashfilm de luxe von Lothar Lambert. "Die alten Damen haben aber alle brav durchgehalten", schmunzelt der Regisseur. "Niemand ist rausgegangen." Wir müssen auch schmunzeln. Weil der Mann sich ein wenig über die Silberhaarfraktion lustig macht. Dabei gehört er doch auch schon dazu. Am heutigen Donnerstag wird er 70.

"1 Berlin-Harlem" mit Kaffee und Kuchen war nur eine von vielen Festivitäten. Zum runden Jubiläum gibt es Lambert satt in der Stadt. Im Schwulen Museum läuft bereits seit 11. Juli die Ausstellung "Nackte Scham und schöne Schande: Lothar Lamberts Underground", im Brotfabrik-Kino startet heute eine große Werkschau. Und natürlich hat der unermüdliche Filmemacher auch einen neuen Film parat, der heute startet: "Ritter der Risikorunde", ein Dokumentarfilm über Männer mit einem Bruch im Leben, die noch mal ganz von Neuem anfangen mussten. <EP> Eigentlich hasst Lothar Lambert öffentliche Auftritte. Da ist er ganz anders als all die schrillen Transen, die er in seinen Filmen gespielt hat. Schon eine einfache Premiere ist ihm ein Graus, und nun gar noch mit Gratulationen. "Das ist für mich Horror", sagt er und schüttelt sich. Aber da muss er nun durch. Der Sommer wird zum Lothar-Lambert-Festival.

Eigentlich ist er feige

Wir treffen ihn vorab, im Gottlob, einem Restaurant in seinem Schöneberger Kiez. Und er kommt, wie immer, ganz unauffällig. Das unterscheidet ihn von seinem Kollegen (und Antipoden) Rosa von Praunheim, der im wahren Leben noch ein viel schrillerer Paradies- oder auch sonstiger Vogel ist als in seinen Filmen. Lambert tobt sich in seinen Filmen aus. Er braucht aber auch immer den Schutz der Rolle. Privat trägt er keinen Fummel. Und so würde er einem, wenn man ihn nicht kennen würde, gar nicht weiter auffallen. Man kennt ihn aber trotzdem recht gut im Kiez. Auch die Kellner zeigen gleich auf den Tisch, an dem er sitzt.

"Eigentlich", das bekennt Lothar Lambert in seiner neuen Doku und das sagt er etwas abgewandelt jetzt auch zu uns, "eigentlich bin ich ganz feige." Er war nie selber so ein Risikorunden-Ritter, der sich was getraut hat. Lambert war einstmals Redakteur bei der Zeitung "Der Abend". "Das war genau meins: brav am Schreibtisch." Und das wäre wohl auch so geblieben. Wenn nach einem zugespitzten Artikel nicht der Verleger höchstselbst dafür gesorgt hätte, dass er rausgeschmissen wurde. Dafür muss man dem Verleger eigentlich noch heute dankbar sein. Denn da stand er nun, der Lambert. Und was sollte er machen? Machte er halt Film.

Pralles Leben zum Fremdschämen

Und was für welche! Seine Werke sind billig produziert, immer mit Freunden und Laiendarstellern besetzt ("wenn ich sie bezahlen würde", meint er lakonisch, "werden sie nur schlechter"), bevölkert mit den Außenseitern der Metropole, den Dirnen und Schwulen, Türken und Transen, Depressiven und Lasziven. Und mittendrin immer Lambert selbst, gern als Transe Lola, nach den ersten Silben seines Vor- und Nachnamens. Das ist Underground pur, immer fern von jeder Perfektion und nicht selten zum Fremdschämen. Aber eben auch das pralle Leben. Wer wissen will, wie es war, das alte West-Berlin, der muss alte Lambert-Filme gucken.

Darin gab es aber immer auch Sex, Sex, Sex. "Schmuddelfilmer" haben sie ihn genannt, "Unterleibsregisseur", "Meister des schlechten Geschmacks". Aber eben auch "Berlins Antwort auf Andy Warhol" und "the poor man's Fassbinder": Fassbinder für Arme. Lambert ist von allem ein bisschen. Aber vor allem unverwüstlich er selbst.

Wie der Schweinkram in die Welt kam

Wobei, hier zögert er wieder im Gespräch, auch das mit dem Sex sei ja eigentlich ein Missverständnis. Den Schweinkram hätte ja vor allem sein Partner Wolfram Zobus in die ersten Filme gebracht. Der sei dann aber zum ZDF gegangen, und Lambert musste fortan alleine drehen. Wie zur Entschuldigung erwähnt er, dass sein erster Solofilm "Faux pas de deux" dann ganz züchtig war. Mag ja sein. Aber er muss schon zugeben, dass es danach immer freizügiger wurde. Titel wie "Fucking City", "Der sexte Sinn", "Liebe, Tod und Teufel" oder "In Hassliebe Lola" sprechen für sich. Mit "Die Alptraumfrau" hat er es sogar bis ins hehre MoMA nach New York gebracht.

Warum denkt man bei Lola immer an die fesche Marlene Dietrich auf dem Fass, die rennende Potente oder den eingewickelten Deutschen Filmpreis? Die tuntige Lambert-Lola steht für eine andere Seite des Films, die gern übersehen wird. den Trash und Underground.

Und doch: So sehr die siebziger bis neunziger Jahre seine Ära waren und er zum getreuen Chronisten seiner Stadt Berlin geworden ist (in die er als Dreijähriger kam und die er nicht mal für andere Festivals verlässt): Heute ist sein Bekanntheitsgrad deutlich zurückgefahren. Das liegt zum am Mauerfall und der größer gewordenen Stadt, zum anderen natürlich auch an den privaten Fernsehanstalten, die seit Mitte der Neunziger ebenfalls, aber auf ganz andere Weise, den Trash und den Unterleib bedient haben. Lambert findet, das habe aber vor allem mit der technischen Entwicklung zu tun: "So lange es teuer war mit dem 16mm-Film, was das noch etwas Elitäres. Heute kann ja jeder mit der Videokamera oder dem handy drehen. Dafür fallen höchstens noch Anschaffungskosten an."

Alle Leidenschaften aufgegeben

Eigentlich hat er ja immer von einem "Tatort" geträumt. Die kleinen, schmutzigen Filme müssten, dachte er früher, doch irgendwann als Talentproben erkannt werden und ihm die Türen öffnen, wie das anderswo, in Amerika ja auch funktioniere. Bei ihm hat es gerade mal für eine Staffel "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" gereicht. Ausgerechnet. Seither hat er zwar echten Respekt vor der Serien-Fließbandarbeit. Aber die Soap mit den schönen jungen Menschen, dass passte so gar nicht zu dem schrägen Lambert. Er hat deshalb so viel Gage gefordert, bis die einen anderen besetzt haben. Heute denkt er nicht mehr an den Tatort. "Nee, der Zug ist abefahren." Mit seinem Blutdruck sei er heute nicht mehr in der Lage.

Und sonst? Wird er denn beharrlich weiter drehen? Ein nächstes Projekt ist schon im Entstehen. Mit typischem Lambert-Titel: "Verdammt noch mal Berlin – Fucking City revisited". Da besucht er noch mal all die Plätze und Ecken, an denen er früher gedreht hat. Die aber längst verbaut, verschwunden, vergessen sind. Das klingt ein wenig nach Wehmut und Abschied. Aber da verweist Lambert auf seinen Stock, an dem er humpelt. Wegen seiner Bandscheibe. "Ich habe ja alle meine Leidenschaften klaglos aufgegeben", sagt er. "Erst das Tanzen. Dann den Sex. Dank meiner Beta-Blocker ging nicht nur mein Blutdruck runter, sondern auch die Libido auf Null. Aber ich vermisse nix. Wenn jetzt das Filmen nicht mehr klappen sollte, schaff' ich das auch."

Indes: Schon vor fünf Jahren, zum 65., hat der Ur-Berliner ohne Icke oder Dette angekündigt, er würde in Rente gehen. Und drehte munter weiter. Ein hübscher Dokumentarfilm von ihm brachte es schon vor elf Jahren wunderbar auf den Punkt: "Ich bin, Gott sei Dank, beim Film!" Das gilt, Gott sei Dank, noch immer.

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