John Waters

Sein scharfer Stakkatowitz ist seine größte Waffe

Wer ihn kennt, weiß: John Waters ist politisch ziemlich unkorrekt. Seine Fans lieben ihn gerade deshalb. Jetzt gastiert er mit seiner ersten Solo-Show in der Volksbühne.

Foto: dpa Picture-Alliance / Paul Zinken / picture alliance / dpa

Am Anfang gleich eine Drohung: „Ich hatte mir überlegt, wie ich in den Abend einsteige. Vielleicht ein Lied von Helene Fischer? Oder ein Til Schweiger-Film?“

Ganz so schlimm kommt es dann zum Glück nicht, aber starke Geschmacksnerven braucht man schon, um den Auftritt von Kultregisseur John Waters in der Volksbühne auszuhalten. Gefühlte 90 Prozent seines Soloprogramms „This Filthy World“ (Diese dreckige Welt) sind nicht druckbar, von der Beschreibung abstruser Sexpraktiken bis zu seinem Spiel mit dem, was als politisch korrekt gilt.

Die Anwesenden, die ganz offensichtlich die Trash-Filme des 67-jährigen wie „Pink Flamingos“ von 1972 gesehen haben, in dem eine 150-Kilo-Transe vor laufender Kamera einen frischen Hundeköttel verspeist, rechnen eh mit Grenzüberschreitungen als Normalzustand. Und ihre Erwartungen werden mehr als erfüllt.

Keine blöden Grimassen, kein Rumgehampel

Waters steht in einem Sakko auf der Bühne, das wie ein rosa Duschbadvorleger mit Noppeln aussieht, aber ein sündteures Stück der Luxusmarke Comme des Garcons ist. Er liebt solche Verwirrungen. Dazu braucht er in seiner Show nicht mehr als ein Mikro. Keine blöden Grimassen, kein Rumgehampel, keine Requisiten. Sein scharfer Stakkatowitz ist seine Waffe. Und den setzt er ein, um seine subversive Sicht der Dinge darzulegen.

Seinen Berliner Auftritt würzt er immer wieder mit Lokalkolorit. Er kennt die Stadt noch vor dem Mauerfall und schwärmt von der Disco Dschungel, „wo das Licht morgens um vier so grell war, dass sich alte Leute erst gar nicht reingetraut haben“.

Damals habe es hier ausgesehen wie in Baltimore, Waters noch immer schäbig wirkender Heimatstadt an der Ostküste. „Mittlerweile ist Berlin eher wie Brooklyn“, die Trendhochburg New Yorks, glaubt er.

Klatsche gegen zugezogene Hipster

Und stochert gleich in der Wunde: Schön finde er ja, dass im Moment in Berlin so gegen die zugezogenen amerikanischen Hipster gewettert werde. „So können auch mal reiche, weiße Mittelstandskinder erleben, was Rassismus ist.“ Und im Publikum sind nicht wenige, die genau dem entsprechen, worüber er sich gerade lustig macht. Aber er schafft es, dass jeder über sich selbst lacht. Auch weil Waters sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

Mit diebischem Vergnügen plaudert er aus dem Nähkästchen und seine Fans hängen ihm an den Lippen mit dem legendären Bleistiftbärtchen wie einem unterhaltsam exzentrischen Onkel. Bisweilen ist eine Portion Trivialwissen nötig, um jede seiner anspielungsreichen Anekdoten zu verstehen.

Obskure Massenmörder der Sechziger Jahre, zeitgenössische Kunst oder Popstar Justin Bieber – John Waters’ Obsessionen sind mannigfaltig und er versteht es, jedem offensichtlichen Phänomen durch seinen schrägen Blick einen neuen Dreh zu geben.

Nach 70 Minuten ist schon wieder Schluss, ein straffes Programm mit einer Gagdichte, von der das Gros deutscher Comediens Lichtjahre entfernt ist. Seine Fans sind begeistert und fordern mit stehenden Ovationen mehr. Waters beantwortet spontane Fragen aus dem Publikum. Und beweist, dass er auch in der Improvisation Meister des treffsicheren verbalen Schnellschusses ist.