Berliner Spaziergang

Mit Rosa von Praunheim entzückt und provokant durch Berlin

Als Filmemacher wurde Rosa von Praunheim in den frühen Neunzigern bekannt, als er Prominente als schwul outete – um etwas gegen Aids zu tun, wie er sagt. Ein Spaziergang durch sein Wilmersdorf.

Foto: JÖRG KRAUTHÖFER

Stoisch steht Rosa von Praunheim vor dem Haus in der Konstanzer Straße, in dem er seit 33 Jahren lebt. Er trägt dunkle Hose, blaues Shirt, blaue Jacke, blaue Mütze und einen bunten Schirm in der Hand. Es wirkt ein bisschen so, als wäre Cindy aus Marzahn nach Wilmersdorf gezogen.

Als er seinen Studenten einmal Nachhilfe in Lebenserfahrung geben wollte, schickte er sie in den ersten Stock hier. In Tinas SM-Studio. Da sollten sich die jungen Leute aus den verwöhnten bürgerlichen Familien mal erklären lassen, wie die Damen mit ihren Folterinstrumenten hantieren. „Das Filmemachen ist ein harter Job. Man wird viel leiden, und dann muss man lernen, lustvoll zu leiden“, erklärt Rosa von Praunheim sein Vorgehen. Die Filmstudenten hätten das Etablissement bleich verlassen.

Jetzt wird im ersten Stock gerade renoviert. Das SM-Studio ist nach gegenüber gezogen. Mal sehen, wer nun einzieht. Vorher war auch mal ein illegaler Spielklub drin. Mercedes-Schlitten hielten vor der Tür, Millionen-Umsätze sollen gemacht worden sein. Aber die anderen Mieter merkten erst, als ein Toter rausgetragen wurde, was da vorging.

Bevor wir uns trafen, hatte ich das Gefühl, das könnte heute ein bisschen langweilig werden. Denn gefühlt hat schon jeder Journalist einmal mit Rosa von Praunheim geredet. Sein Leben hat er perfekt dokumentiert, in Filmen, in Büchern, in Interviews, da kann es doch nichts Neues mehr geben. Am kommenden Wochenende ist Christopher Street Day. Aber ist Schwulsein wirklich noch ein Thema? Und Praunheim, die Nervensäge, bei dem Homosexualität und Aids in den Achtziger Jahren Mission, Manie und Macke war, noch zeitgemäß?

Ein Blick ins Schlafzimmer

Seit zehn Minuten kommen wir nicht los. Er erzählt, dass in dem Haus gegenüber der Schauspieler Wolfgang Völz wohnt. Der kann in Praunheims Schlafzimmer gucken. Ach, und dann hat er noch eine Geschichte. Einen seiner früheren Filme („Unsere Leichen leben noch“) hatte er hier in seiner Wohnung gedreht. Eine ältere Dame, eine ehemalige Opernsängerin, hat ihn gesehen und ein Zimmer erkannt, in dem sie einst lebte. Sie erzählte, dass sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf ihren Mann wartete. Sie schlief im Flur, damit sie die Klingel nicht überhörte, wenn ihr Mann heimkehrte. Er kam nie zurück. Sie zog später weg.

Jetzt müssen wir aber wirklich aufbrechen. Obwohl das Laufen nicht so sein Ding ist. Er fährt lieber Fahrrad. Arthrose. Er hat sich an den Kiez gewöhnt. Sehr ruhig, sehr bürgerlich. Wir biegen in die Zähringer Straße. Dort erinnert eine Tafel an Anita Berber, Nackt- und Skandaltänzerin in den Zwanziger Jahren. „Sie hatte aufgehört, Kokain zu nehmen. Durch den Entzug war sie so entkräftet, dass sie gestorben ist. Mit 28 Jahren“, erzählt Praunheim.

Der Regisseur hat ihr 1988 ein eigenwilliges filmisches Denkmal gesetzt, in „Anita – Tänze des Lasters“. Lotti Huber, die von Praunheim Spätentdeckte und Geförderte, spielte wunderbar durchgeknallt die Hauptrolle.

Ein fantastischer Geschichtenfinder

Im „Gusto“, einem italienischen Restaurant, hat er sich bis vor kurzem, zum Skat getroffen. Jetzt sei die Gesellschaft, alle haben mit Film zu tun, nach Westend gezogen. Die Gewinne kommen einem guten Zweck zugute, einem Preis, der junge Filmemacher bei ihren ersten Projekten unterstützt. Ein paar tausend Euro kriegen sie jedes Jahr zusammen. Praunheim sagt, er sei im Spiel so unmäßig wie im Leben. Er kann sehr hoch gewinnen, aber auch sehr hoch verlieren an einem Abend.

Wir biegen um die Ecke. Dort im Zeitungsladen hatte er früher oft einen „ganz entzückenden älteren Herren“ getroffen. Das Wort „entzückend“ lässt er ziemlich oft als Beschreibung fallen. Nur Tina, die Besitzerin des SM-Studios, bezeichnet er als „reizend“. Jedenfalls war dieser ältere Herr der ehemalige Berliner Bürgermeister Klaus Schütz. Kurz vor seinem Tod im November vergangenen Jahres hat Rosa von Praunheim noch einen Film über ihn gedreht. Praunheim liebt die Begegnungen mit Menschen, hinter jeder Unterhaltung könnte sich ja eine Idee für einen neuen Film verbergen. Er ist ein fantastischer Geschichtenfinder.

„Bist Du schwul?“

Wir duzen uns. Ich habe mich dem ergeben. Praunheim duzt ohne Hemmungen, als ob es keine andere Form der Anrede gäbe. „Bist du schwul?“, fragt er mich. Ich erkläre ihm, dass ich es nicht bin und dass er das auch schon bei der Terminabsprache am Telefon gefragt habe. „Na, hätte ja sein können, dass du es dir vom Telefon bis jetzt überlegt hast.“

Vor uns öffnet sich das Grün des Preußenparks. Thailänder und Vietnamesen sitzen auf dem Rasen, essen, reden, lachen. Praunheim hat zu seinem 70. Geburtstag im vergangenen Jahr 70 Filme gedreht. Er hat sie sich selbst geschenkt, und damit sein Konto auf mittlerweile 141 Filme heraufgeschraubt. Kleine Perlen sind darunter wie die Dokumentation über den Park. Es ist die Beobachtung eines seltsamen Mikrokosmos mitten in Berlin, in dem Ukrainerinnen auf einer Parkbank plaudern, Halbnackte sich auf der Wiese in der Sonne rekeln und ein 97-jähriger ehemaliger Polizist sich täglich an die Fitnessgeräte des Parks stellt.

Und dann gibt es noch die Asiaten: Vor mehr als zehn Jahren haben sie diesen Ort in Berlin für sich entdeckt, selbst in der asiatischen Presse sei er schon bekannt. Sie geben dem Park eine eigene Atmosphäre. Allerdings kommt es immer wieder zu Schwierigkeiten mit dem Gesundheitsamt. Praunheim hielt Razzien mit der Kamera fest. Die Polizei konfiszierte das Essen, das hier auch verkauft wird. „Es ist doch idiotisch, sie zu drangsalieren“, sagt er. „Ich finde sie sehr sympathisch und bereichernd.“

Im Hintergrund lugt die Statue der „Borussia“ aus den Bäumen hervor. Sie symbolisiert Preußen. Praunheim schlendert über die Wiese und erzählt, dass seine Mutter da vorne jahrelang auf einer Bank saß und Kreuzworträtsel gelöst hat. Er habe sie dann von dort abgeholt und nach Hause begleitet. Vor zehn Jahren ist sie gestorben. Er vermisst sie.

Kinder? Die vermisst er nicht

Ich frage ihn, ob es etwas gibt, auf das er stolz ist in seinem Leben? „Auf nichts. Ich bin froh, dass ich künstlerisch arbeiten kann. Und dass ich Spaß an anderen habe, die kreativ sind.“ Ob er es vermisst, Kinder zu haben? „Nee, nee, ich bin zu ungeduldig. Ich habe so viele Interessen, das Interesse für Kinder ist das geringste.“ Er ist seit fünf Jahren mit Oliver Sechting zusammen, einem Sozialpädagogen. Vor zwei Jahren hatte er ihn bei den Dreharbeiten für seine Dokumentation „Die Jungs vom Bahnhof Zoo“ kennen gelernt. Der Film beleuchtet das Schicksal aktiver und ehemaliger Stricher. Im vergangenen Jahr wurde Praunheim dafür mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Sechting ist halb so alt wie er. Mittlerweile hat er selbst drei kurze und gerade seinen ersten langen Film in New York gedreht, worauf Praunheim stolz ist.

Während wir den Preußenpark verlassen, muss Praunheim noch loswerden, dass er sich hier in den Büschen vor Jahren auch mit Herren vergnügt hat. Ist er denn nun treu? „Das weiß ich nicht. Zumindest habe ich nicht mehr das Bedürfnis nach anderen Vergnügungen.“ Praunheim will mit einer gespielten Lässigkeit provozieren. Er hat aber eine riesige Angst vor Aids, gibt er zu. Vor zwei Wochen ist einer seiner besten Freunde, der Dichter Mario Wirz, gestorben. Ende der Achtziger Jahre hatten sich beide kennen gelernt, als Wirz in einem von Praunheims Filmen einen Synchronpart übernahm.

Wirz hatte sich schon sehr früh angesteckt. Er sah seine Krankheit aber anfangs als etwas sehr Privates an. Praunheim wiederum konnte verstören, weil er das Thema mit missionarischem Eifer in die Öffentlichkeit trieb: Er outete Prominente als schwul. „Ich dachte, man muss einfach mal einen Stein schmeißen und die Leute zur Verantwortung ziehen. Man muss offen über Aids reden. Denn in dem Moment, in dem man das tut, lernen auch die anderen Menschen den Umgang mit HIV-Positiven“, sagt Praunheim.

Die Freundschaft zum leisen Dichter

Der leise Dichter Wirz und der laute Filmemacher näherten sich an, wurden Freunde. „Ich war immer der Politische, sagte, man muss nach außen gehen. Er dagegen war eher der Einsame, der auf das Recht auf Melancholie pochte. Dann hat er aber sein erstes Buch zum Thema Aids und HIV gemacht, und damit ist er bekannt geworden.“ Ein Briefwechsel zwischen Neukölln und Wilmersdorf begann. Er dauerte vier Jahre lang und erschien als Buch.

Praunheim dreht gerade einen Film über alternative Medizin. Zu dem Thema hat er den Freund vor einem Monat noch sprechen wollen, es war das letzte Interview, das Wirz gab. Sie redeten über Krankheit, Gesundheit und das Sterben. „Das interessante war, dass er, der immer melancholisch und wehmütig manchmal auch selbstmitleidig war, plötzlich in diesem Sterbensprozess ein positives Lebensgefühl kriegte. Er wollte das Leben wirklich bis zuletzt ausschöpfen. Das hat mich sehr bewegt.“

Besuch am Grab der Mutter

Wir nähern uns dem Wilmersdorfer Friedhof. Praunheim kauft noch eine Rose. Wir wollen zum Grab seiner Mutter. Sie liegt in einem anonymen Urnenfeld, aber Praunheim weiß wo. Der Sohn, mit dem Sinn fürs Makabere, war ihr zu Lebzeiten nicht geheuer. Er hatte angedroht, er wolle sie ausstopfen lassen und „sie in den Flur stellen mit einem Mülleimer in der Hand. Ich hätte auch gern nur ihre Hand ausgestopft und sie auf meinem Schreibtisch gestellt.“ Die Vorschläge fand sie alle nicht gut, deshalb arrangierte sie ihre Beerdigung heimlich.

Sie war nicht seine richtige Mutter, nicht die, die ihn zur Welt gebracht hatte. Ihr Mann und sie hatten ihn adoptiert, auch davon erzählt er in einem Film, „Meine Mütter“ heißt er. Die eigentliche Mutter saß bei der Geburt 1942 in einem Gefängnis in Riga. „Vermutlich wegen Schwarzmarktgeschäften.“ Drei Monate war sie inhaftiert, in denen sie ihn zur Welt brachte und zur Adoption freigab. Nach dem Krieg ging sie erst nach Pommern, später nach Berlin, 1946 starb sie in der Psychiatrie. Praunheim hat sie nie kennen gelernt, wie auch seinen Vater nicht. Sein wahres Schicksal offenbarte seine andere Mutter ihm erst kurz vor ihrem Tod.

Die ersten zehn Jahre verbrachte er vor den Toren Berlins, in Teltow. Es war eine karge Nachkriegskindheit. Brennnessel-Suppe, eine Brühe aus Kartoffelschalen. Er sammelte Pferdeäpfel von der Straße, die als Dünger gebraucht wurden. Sie hielten eine Ziege, deren Milch das Kind aufpäppelte. Und es gab zwei Freunde, Christa und Henning. Der Kontakt zu Henning ist verloren gegangen, aber der zu Christa, die später Werbegrafikerin wurde, ist geblieben. Er kann also treu sein. Irgendwie.

„Für alte Hasen nicht mehr so spannend“

Wir schlendern wieder zurück zur Konstanzer Straße. Die Autos rasen an uns vorbei, Praunheim hat keinen Führerschein, er fahre viel Taxi.

Wo wird er beim CSD zu sehen sein? „Ach, für alte Hasen wie mich, die das tausendmal gesehen haben, ist das nicht mehr so spannend. Ich gucke mir das meistens von der Seite aus an.“ Er ist jetzt 70, bekommt 1100 Euro Rente und dreht gerade an vier Filmen. „Ich spüre kein Älterwerden. In meinem Herzen bin ich sieben geblieben, naiv und ein bisschen doof.“ Früher sei er am Set nervöser gewesen. Er habe Fehler im Umgang mit Schauspielern gemacht, habe sie kritisiert, bevor eine Szene gedreht wurde. „Das tut mir heute unheimlich leid.“ Er hat dazugelernt, sagt er.

Und das Sterben, das unser Gespräch heute so oft begleitet hat, macht ihm das Angst? Er habe Angst, dass man nicht in Frieden gehen kann, dass man mit einer Krankheit kämpfen muss. „Ich glaube, wir können uns alle nicht vorstellen, dass wir sterben. Wir denken, wir sind unsterblich. Und so wie wir heute spazieren gehen, denken wir, dass es immer so sein wird.“

Beim Abschied an seiner Tür denke ich: Der soll uns ruhig noch eine Weile nerven. Denn vielleicht liegt in seiner manchmal klatschhaften Offenheit auch die Stärke, die Geschichten anderer zu entdecken und erzählen zu können.

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