Sommerparty

Nena singt in der Wuhlheide von Drogen und Kriegsministern

Am Sonnabend feierte der „Berliner Rundfunk“ sein alljährliches Sommer Open Air in der Wuhlheide. Headliner waren Kim Wilde und Nena – die gemeinsam mit ihren Kindern auf die Bühne ging.

Foto: Erwin Scheriau / dpa

Wie eine schwarze Dampflok fährt sie in die bunte Sommerfeststimmung ein. Rußschwarz gekleidet, ihre Haare so bauschig und so weiß wie Wasserdampf. Zwei Lieder lang ächzt Kim Wilde über Schienen, versucht in Fahrt zu kommen, aber ihr Gesang wird vom Tosen der Musik übertönt. Und das Publikum, das wollte etwas anderes hören, nichts Neues jedenfalls. Nichts unbekanntes. Kim Wilde, die Frau deren größten Hits von ihrem Vater und ihrem Bruder komponiert wurden, setzt ihre dunkle Sonnenbrille ab.

Vor liegt ihr die Wuhlheide, die Sommerparty des „Berliner Rundfunks“, mehr Siebziger, mehr Achtziger. Sie greift sich in die Haare, wuschelt da so ein bisschen rum, bis sie nichts mehr sieht, dann stimmt sie „Cambodia“ an und das Publikum, das steigt endlich auf ihren Zug auf. Das hat es gebraucht. Einen Hit. Einen Wiedererkennungswert. Und dann noch einen, einen doppelten: „You Keep Me Hanging On“. Das Supremes-Cover.

Strohhüte drehen sich auf Zeigefingern, wie Jonglierteller auf Jonglierstäben. Paare spritzen sich gegenseitig Thermalwasser ins Gesicht, weil es immer noch so warm ist, und dann kichern sie gemeinsam, denn sie sind nass und von der ganzen Sonne so ein bisschen albern. Kim auf der Bühne sagt, dass sie letztens mit Alice Cooper getourt ist, und dass sie ihn gefragt habe, ob sie einen Song von ihm covern dürfte und Kim sagt, der Alice habe gesagt: „Sure Kim, and give it pop.“

Und dann gibt Kim dem Alice seinem „Poison“ Pop. Ein süßer Synthesizer-Spaß, der nur noch übertroffen werden kann von Kim Wildes erster Single „We're the Kids in America“, damals als sie noch aussah wie eine singende Kim Basinger. Über den Köpfen in der Wuhlheide schwingen derweil die Nachwehen der Fußball-WM, schwarz-rot-goldene Flaggen. Das ist neu, das ist neu, hurra, hurra, der deutsche Patriotismus lebt.

Harald Schmidt nannte Nena die „akustische Hera Lind“

Eine halbe Stunde Pause. Thermalwasser-Spray weicht überdimensionalen Knicklichtern. Man leuchtet sich in Stimmung, denn jetzt kommt sie, die von Peta gewählte heißeste Vegetarierin 2010, die einzige Überlebende der Neuen Deutschen Welle. Harald Schmidt nannte sie mal die „akustische Hera Lind“, eigentlich aber ist sie die deutsche Madonna.

Im roten Shownebel materialisiert sich Gabi Kerner aus Hagen, Westfalen. Nena. Wie Kim Wilde, ist auch sie 1960 geboren, aber ihr Auftritt quietscht nicht auf Schienen, ihre Stimme ist laut, klar, und klingt noch immer so wie in den Achtzigern, wie in „Gib Gas - Ich will Spaß“, dem Film mit Markus und Nena als Robby und Tina, die mit der Vespa durch die Gegend knattern, und auf dem Rummel knutschen und „stark“ sagen die ganze Zeit. Alles ist stark. Nena ist stark.

Alles dreht sich schnell

Sie hüpft über die Bühne, vorwärts, rückwärts und rudert mit den Armen. Keine Achselhaare, keine Schweißbänder, aber genauso zappelig. Der letzte Ton von „Nur geträumt“ ist gerade verklungen - keine Pause, kein Wort ans Publikum - da nimmt sie die Gitarre, spielt „Fragezeichen“ als Ballade, sitzend auf dem Hocker, aber ein Fuß pocht auf den Bühnenboden. Kaum ist ihr letzter Saitenzupf verklungen, sagt sie:„Das ist schön, dass ihr da seid, ey“, auf diese schnodderige, schnell gesprochene Nena-Art. Speed-Gabi gönnt sich keine Ruhe. War Kims Konzert so angedickt wie Milch, die zu lange stand, ist Nenas Konzert ein probiotischer Joghurt mit sich schnell drehenden Kulturen, und irgendwie so etwas, das singt sie dann auch:

„Kein Stillstand, alles dreht sich so schnell, wie ein Riesenkarussel“.

Nenas Kinder, die Zwillinge Larissa - wilde blonde Locken, vollmundig - und Sakias, - groß gewachsen, lange blonde Haare - beide 24, beide sind selber Eltern, sie tanzen und singen mit der Mama auf der Bühne. Ihr Lebensgefährte sitzt am Schlagzeug. The Kerner Family.

Trennkost und indische Sekten-Gurus

Nena zieht ihre Bluse aus, in Spaghetti-Top und Lederhose gibt es neue Songs. Tagebuch-Lyrik. Frau Kerner, die immer so ein bisschen verspult wirkt, und laut lacht und von Trennkost und indischen Sekten-Gurus erzählt, singt, dass sie sich gesund ernährt, aber trotzdem Drogen nimmt, dass die Angst hat vorm Sterben und dass alles noch nicht vorbei sein soll, dass da noch mehr kommen muss im Leben, und dass es sie nervt, dass alle sagen, sie sei berufsjugendlich. Weil, wer legt das denn fest, dass man als Großmutter nicht mehr in die Großraumdisco darf?

Das klingt alles so ein bisschen wie Sportfreunde Stiller, Nena die Sportsfreundin Lauter. Das Sommerfest geht mit, aber deswegen ist es nicht hier. Es wartet auf Kriegsminister und Luftballons. Und weil Nena das weiß, wirft sie passend zum Hit, zum Megahit, noch ein paar megagroße Luftballons in die Menge. Liebe, steht da drauf, und die fliegt dann über alle so weg, bis das Feuerwerk kommt und man sich singend auf dem Heimweg macht. Irgendwie, irgendwo, irgendwann, wird man Nena oder ihre Kinder wiedersehen. Und Kim? Die war auch da.