Konzertkritik

Pearl Jam beweisen sich in Berlin als perfekte Live-Rocker

Der Grunge bediente sich der Rotzigkeit des Punk und der Gitarrenwucht des Hardrocks und brachte großartige Bands hervor. Nur Pearl Jam überstand die Zeit - und begeisterte in der Berliner Wuhlheide.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Man darf sich langsam fragen, was Grunge eigentlich für eine seltsame Zeiterscheinung war. War es der Sound, der so rau wie der Punk war, sich aber doch einen größeren musikalischen Abwechslungsreichtum leistete? War es eine schlaue Finte von Plattenfirmenstrategen, einer Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre verstärkt in Seattle auftauchenden Schwemme an neuen, aufregenden Bands ein Label zu verpassen? Oder war es letztlich nur der Look mit Holzfällerhemd und Doc Martens-Tretern? Nein, es war schlicht eine neue Variation des Rock ’n’ Roll, die sich der Rotzigkeit des Punk und der Gitarrenwucht des Hardrocks bediente, und die so großartige Bands wie Mudhoney, Soundgarden, Alice in Chains, Nirvana und Pearl Jam hervorbrachte.

Doch nur Pearl Jam haben es geschafft, die vergangenen zwei Dekaden mit Konsequenz und ohne größere Blessuren durchzustehen. Und sie haben über die Jahre eine ungeheuer treue Fangemeinde um sich geschart, die ihnen auf Tourneen hinterherreist, wie man es sonst nur von Grateful Dead kannte. So hört man denn auch am Donnerstagabend in der seit langem mit 17.000 Fans ausverkauften Wuhlheide-Freilichtbühne Sprachen aus aller Herren Länder im Gewühl. Englisch und Spanisch, Polnisch und Schwedisch. Jede Menge Amerikaner drängen sich ausgelassen vor der Bühne, als Pearl Jam um Punkt 20 Uhr unter frenetischem Jubel auf die relativ schmucklose Bühne steigen.

Überall Instrumente, Verstärker, Lautsprecher

Es gibt keinerlei Kulissen. Die weite Fläche ist zugestellt mit Verstärkern, Instrumenten, Lautsprechern und jeder Menge Licht. Es gibt auch keine Videowände. Einzig das überdimensionierte Cover des neuen Albums „Lightning Bolt“ prangt im Hintergrund. Kein Pearl-Jam-Konzert gleicht dem anderen. Genau das schätzen die Fans. In der Wuhlheide steht Sänger Eddie Vedder zu Beginn mit einem Lächeln im Gesicht und vor der Brust verschränkten Armen einfach da und eröffnet den Abend mit „Pendulum“, einer Ballade vom neuen Album.

Sie lassen es ruhig angehen. Sie steigern Song für Song das Tempo. Auch „Low Light“ und „Nothingman“ kommen noch eher getragen daher, bevor der Abend mit „In My Tree“ vom 96er-Album „No Code“ Tempo aufnimmt und die Gitarristen Jim McCready und Stone Gossard immer mehr die flächigen Breitseiten aus den Instrumenten schaben, mitunter unterstützt von Eddie Vedder als drittem Gitarrenmann. Das Publikum ist längst eins geworden mit der Band da oben, ist textsicher auch bei neuen Stücken wie „Mind Your Manners“ oder „Sirens“, singt Zeile für Zeile, Refrain für Refrain bis an den Rand zur Heiserkeit mit.

Ekstatisch treibende Punkrock-Brecher

„Lightning Bolt“, der Titelsong des neuen Albums und „God’s Dice“ vom 2000er-Album „Binaural“ entwickelt sich zu ekstatisch vorwärtstreibenden Punkrock-Brechern und natürlich gehören auch Klassiker wie „Corduroy“, „Jeremy“ und „Alive“ zum Repertoire in Berlin. Bassist Jeff Ament und Schlagzeuger Matt Cameron liefern das fundierte rhythmische Gerüst für die Gefühlsausbrüche der Band. Der 49-jährige Eddie Vedder in knielangen kurzen Hosen und T-Shirt tobt nicht mehr ganz so aufgedreht über die Bühne wie früher und nimmt immer wieder mal einen Schluck aus der Rotweinflasche (was immer da auch drin sein mag). „Everybody gut?“ fragt er einmal in die Menge. „If you’re good, we’re good“, setzt er noch nach, doch das geht schon fast wieder im tosenden Jubel unter.

Klar geht es dem Publikum gut. Letztlich bekommt es im Konzert mit zwei langen Zugabenblöcken 35 Songs in satten drei Stunden geboten. Wobei Eddie Vedder stets darauf achtet, dass es nicht zu eng wird vor der Bühne. Wie gewohnt fordert er die Fans auf, auf sein Kommando drei Schritte nach hinten zu machen, um das Gedränge vor der Bühne etwas zu lockern. Es funktioniert. Er schwärmt von der Wuhlheide, in der sie bereits zum siebten Mal auftreten. Und erzählt, dass er neulich im Fernsehen das Konzert von einem Geiger, der sich wie Bono benimmt, gesehen habe. Den Namen habe er vergessen, aber es sei fürchterlich schlecht gewesen. Und doch habe er sich das Konzert bis zum Ende angesehen, weil es in der Wuhlheide aufgezeichnet worden war „und ich immer wieder diese tolle Bühne sehen konnte.“

Der euphorische Schlussapplaus hallte lange nach

Die Musiker sind prächtig aufeinander eingespielt und werden live wie stets von Keyboarder Boom Gaspar verstärkt, der sich beim Victoria-Williams-Cover „Crazy Mary“ im ersten Zugabenblock ein wunderbares Duell an der Hammondorgel mit Gitarrist McCready liefert. Gegen Ende spielen sie sogar „I Believe In Miracles“ von den Ramones, Vedder widmet es dem Berliner Ramones-Museum, und eine stampfende Version von Neil Youngs „Rockin‘ In The Free World“.

Für den letzten Rausschmeißer gehen sie noch einmal weit zurück in die Vergangenheit mit der bluesigen Ballade „Yellow Leadbetter“, die es 1991 zu Unrecht nicht auf das Debüt „Ten“ geschafft hatte und ein Jahr später als B-Seite zur Single von „Jeremy“ veröffentlicht wurde. Sie haben es einmal mehr klar gemacht: Pearl Jam sind eine der besten Live-Bands, die der Rock’n’Roll heute aufzubieten hat. Der euphorisierte Schlussapplaus hallt noch lange durch die Wuhlheide.