Fast hätte man im Vorbeilaufen das kleine gelbe Plakat im Fenster der Galerie im Herrnhuter Weg übersehen: „Hier ist Kunst“ steht darauf. Mit Klebeband wurde es improvisatorisch befestigt, links unten in der Ecke. Auf 30 m² werkeln hier drei junge Männer. Die Stimmung ist gut, auf Spanisch, in hastigem Ton werden Anweisungen ausgetauscht.
Auf einem kleinen Holztisch sind die ersten Bilder im DIN-A5-Format ausgelegt, Porträtaufnahmen, Alltagsszenen, noch ein wenig feucht vom Druck. Überall liegt Werkzeug verteilt, Verpackungsmaterial, aufgerissene Kartons. Zu den Erklärungen werden noch ein paar Anekdoten eingestreut. „Ich bin eigentlich der Liebe wegen nach Neukölln gekommen“, sagt Galerist Ben Chislett, dann fasst er sich lachend an den Hinterkopf. Jetzt hat er die Leitung der Galerie raben.art übernommen.
Bis Freitag um 19 Uhr haben er und seine Kollegen Rafa Ragion und Alban Lavye noch Zeit, dann muss ihr Projekt stehen. Ihre Dokumentarbilder werden im Rahmen des diesjährigen Kunstfestivals „48 Stunden Neukölln“ gezeigt.
300 Projekte, 200 Orte
Unter dem Motto „Courage“ werden an diesem Wochenende rund 300 künstlerische Projekte an über 200 Orten präsentiert. „Auf 300 verschiedene Arten kann man dieses Thema dann in Neukölln erleben“, sagt der Leiter Martin Steffens. An öffentlichen Plätzen, in Ateliers, Galerien, Privatwohnungen – zum sechzehnten Mal können Besucher zwei Tage lang in die freie Kunstszene Neuköllns eintauchen. Entstanden ist Festival „aus Trotz“, wie Martin Steffens sagt.
Auslöser war 1997 ein Zeitungsartikel mit dem Titel „Endstation Neukölln“, den Einstieg kann er auswendig: „High-noon in Rixdorf: In der Neuköllnischen Allee peitschen mehrere Schüsse über die belebte Straße. Wer kann, geht in Deckung. Einer bleibt auf dem Boden liegen“, zitiert er fehlerfrei. Dann lacht er laut, überrascht über sich selbst. „Wir wollten zeigen, dass Neukölln kein Slum ist, auch mehr zu bieten hat“, fügt er hinzu.
Schnell streift er durch die 1500 m² große Hauptausstellung im ersten Stock der Neuköllner Arcaden und führt in ein Hinterzimmer, in dem die hinteren Wände spitz aufeinander zulaufen. Hier kann man Kunstsammler spielen, sich Werke aussuchen und sich mit ihnen vor einem arrangierten Hintergrund ablichten lassen. Ein roter Sessel, ein Lampenschirm, Zeichnungen in weißen Rahmen, Skulpturen und Fotografien. Perfekt für eine kurze Selbstdarstellung, ein paar Schnappschüsse mit dem Smartphone. „Viele Leute schauen sich Kunst gerne an, wären aber nie bereit etwas zu kaufen“, erklärt Steffens.
International und avantgardistisch
Das Festival zeigt nicht nur einen Querschnitt der durchwachsenen freien Szene, sondern stellt auch interessante Fragen zum Thema Kunst und Geld. In der Galerie im Herrnhuter Weg hat sich der ehemalige Leiter Alban Lavye gern von seinem Posten verabschiedet. Er ist vor einigen Jahren aus der Schweiz nach Berlin gezogen, jetzt hat er genug von dem Job bekommen. „Drei Jahre, das war eine nette Zeit, aber ich habe einfach nichts verkauft“, klagt er.
Auch sein Nachfolger Chislett blickt kaum optimistischer in die Zukunft. Jung, international, avantgardistisch – trotzdem bleibt Neukölln als Standort für den Verkauf und die Vermarktung von zeitgenössischer Kunst oft ungeeignet. Es gibt kaum professionelle Galerien im Bezirk.
Gegenbeispiel ist Anne Schwarz, die seit 2011 ihre Galerie „Schwarz Contemporary“ in der Sanderstraße betreibt. In einem anderen Viertel könnte sie sich die 160 m² großen Ausstellungsräume nicht leisten. An „48 Stunden Neukölln“ kritisiert sie, dass es keinen Austausch von Inhalten mit professionellen und kommerziell arbeitenden Galerien gibt. Der Fokus würde zu stark auf Einzelpersonen und individuellen Projekten liegen, „also auf Leuten, die nicht am großen Kunst-Rad mitdrehen“.
„Wir bedienen alle Sparten“, so Steffens. Dieses Jahr hat er das erste Mal kuratiert, sorgfältiger geschaut, wie die Kunst inhaltlich zusammenpasst. Über 400 Bewerbungen zum Thema „Courage“ gingen ein, 260 wurden ausgewählt. Trotzdem, ein wenig beliebig ist die Auswahl immer noch.
Persönlicher Spaß statt Kunst-Kauf
Am Richardplatz werden Wände aus Styropor sorgfältig mit weißer Farbe bestrichen. Zwischen zwei massiven Baumstämmen wird ein Balken befestigt, bis morgen Abend muss hier ein Baumhaus entstehen. Im temporären Hotel Rix kann man sich während des Kunstfestivals für 20 Euro pro Person die Nacht einmieten. Ein Open-Air-Hotel, das für 48 Stunden aufgebaut wird. Schlafen unter freiem Himmel, mit Wellnessbereich, Swimmingpool (ein blaues Kinderplantschbecken), Frühstücksservice. Auch ein Baustellenrohr ist, eher unfreiwillig, Teil des Hotels geworden. Wer will, kann sich auch dort übernachten. Auch Hotel Rix soll mit etwas dem Thema „Courage“ zu tun haben.
Selbst wenn mit „48 Stunden Neukölln“ als Kunstmesse geworben wird, weiß man, dass das Festival zum einem großen Teil auch eine Veranstaltung ist, bei der es mehr um den persönlichen Spaß als um die Absicht geht, Kunst zu kaufen. Oft wird das Geld vor allem für Getränke ausgegeben. In einer Glasvitrine in der Hauptausstellung gibt es massive, verbeulte Tonkrüge zu kaufen. Für den Kauf eines Krugs wird dem Besitzer Freibier ausgeschenkt.
Draußen, auf der Karl-Marx-Straße, schieben sich die Menschenmassen, dicht an dicht aneinander vorbei. „Es ist alles nicht so geil gerade. Gestern noch der verheißungsvolle Jungabsolvent und heute einer von drei Millionen Arbeitslosen“, heißt es im Trailer zum Kurzfilm „Ecke Weserstraße“, der das Lebensgefühl junger Menschen, die am Landwehrkanal leben, thematisiert. Immerhin, in Deckung braucht man in Neukölln nicht mehr zu gehen.

