Gewehrläufe, Schützengräben und Gasmasken, all das haben wir gesehen, in der Weltkriegsschau des Deutschen Historischen Museums, ja im Fernsehen und in anderen großen und kleineren Berliner Museen.

Und das darf auch nicht fehlen, zum hundertsten Jahrestag des Kriegsausbruchs. Die Ausstellungsmacher haben es nicht leicht, sie müssen sehen, wo die Ideen in diesem Themenjahr noch funkeln, wo der Besucher noch zu packen ist, bei soviel geballtem Rückblick auf das Schicksalsjahr 1914.

In den Sonderausstellungshallen am Kulturforum fädelt man die Sache nun von weiter hinten auf, konzentriert sich auf die Jahre der Moderne. Also auf den Vorabend des Weltkrieges, um zu zeigen, dass es vor der Katastrophe schon heftig bebte und brodelte in Gesellschaft und Kunst, die häufig ein Seismograph ist für Veränderungen.

So heißt es im Logo der „Avantgarde“ „1914 Aufbruch / Weltbruch“. 1890 bis 1914 sprengte die Avantgarde, vom Jugendstil, Futurismus bis zum Dadaismus das traditionelle Form-Korsett der Kunst – mit dem Ziel, die Gesellschaft verändern zu wollen.

Plakate als „Kunst der Straße“

So weit, so gut, dachten sich die Kuratoren. Doch wie holt man jüngere Leute ins Museum, die sich vor allem und leidenschaftlich mit den neuen Medien beschäftigen? So kam wohl die Idee auf zur etwas steilen These, sich einmal auf den mediengeschichtlichen Umbruch der Kunst um 1900 zu beziehen. Was heute also Twitter, Facebook und die sozialen Medien sind, waren damals Plakate als „Kunst der Straße“, Buchkunst und Manifeste.

Denn freilich pflegten die Künstler in ihren Vereinigungen wie „Die Brücke“ oder „Der Sturm“ ihre Netzwerke und Kommunikationsformen, nicht digital, sondern auf jeder Menge von Papier: gedruckt, gezeichnet – und geschrieben. Soviel Papier war nie! 700 Exponate werden hier auf zwei Stockwerken versammelt.

Die neue Geschwindigkeit, die Mobilität – mit diesen Themen beschäftigten sich die Künstler schon damals. Marinetti, der Vorzeige-Futurist, singt in seinem „Manifest“ das Hohelied auf die Schnelligkeit, der Rennwagen wird für ihn zum Symbol des Umschwungs. Fast wie eine Ikone wird die gerahmte Titelseite der Pariser Tageszeitung „Le Figaro“ vom 20. Februar 1909 im Kunstforum präsentiert.

Und weil man in Berlin die besten Sammlungen zur Moderne besitzt, greifen die Ausstellungsmacher auf die eigenen Bestände zurück. Sie können sich wirklich sehen lassen. Mit dabei ist diesmal die Staatsbibliothek, dort ist man froh, einmal wieder im Museum „unterkommen“ zu können.

Heute ist dieser Retro-Stil wieder schick

Gewöhnlich liegen die historischen Bücher und Handschriften eher auf dem Studiertisch, als vor den Augen eines jüngeren Publikum. Was aber hat ein Plakat mit frisch gerösteten Kaffeebohnen von Hag – koffeeinfrei – mit 1914 zu tun? Es geht dabei um damals innovative Formen der Vervielfältigung, um moderne Werbegrafik, die zur neuen Kunstform erhoben wird. AEG preist seine „Metallfaden-Lampe“. Der Berliner LokalAnzeiger wirbt für Flugversuche mit der „Voisin’schen Flugmaschine“. Ja, wo wohl? Auf dem Tempelhofer Felde. Typografie und Motive sind stark reduziert, heute ist dieser Retro-Stil schon wieder schick.

Diese „Die Welt von gestern“ ist hier am Kulturforum erfrischend modern. An den Wänden hängen flächendeckend farblodernde Plakate von Toulouse-Lautrec, Jules Chéret, Alfons Mucha. In dieser Zusammenstellung wirken sie wenig museal, sondern wie scharf gegeneinander geschnittene Fotos in Facebook, Instagram oder Flickr. Oh, du schöne, bunte Bilder-Welt.

Schon um 1900 waren mediale Grenzüberschreitungen Programm, der Kubismus etwa kombinierte Bild- mit Textfragmenten und versuchte sich an einer Universalgrammatik. Übrigens: Die ersten Plakatzeichner waren Maler, die in dem neuen Medium eine dem Gemälde adäquate, weil öffentlichkeitswirksame Kunstform sahen. Deshalb wurden viele Plakate auch signiert und in internationalen Zeitschriften besprochen.

Waldens Korrespondenz

Geradezu entschleunigt geht es zu im Untergeschoss. In einem weißen Raum dreht sich alles um die „Worte der Freiheit“, um Ideen, Visionen und Schriften. Das Herzstück der Ausstellung ist die tolle Auswahl von Künstler-Briefen an den „Sturm“-Herausgeber Herwarth Walden.

Eine Lupe braucht man nicht, aber etwas Zeit zum Lesen sollte man schon mitbringen. Walden selbst verkaufte die reichlich heißblütige Korrespondenz an die Staatsbibliothek. Einiges rückt er nicht raus, es waren ja Persönlichkeitsrechte zu schützen.

Zwischen den Künstlern gibt es Häme, Konkurrenz, Eitelkeiten, Missgunst. Keiner kann wohl so schön lästern wie August Macke gegen all die anderen Künstler-„Idioten“. Es sei „schandbar, dass die Berliner nicht mittun“.

Wer die handschriftlichen Blätter von Karl Kraus, Gottfried Benn, Max Pechstein, Boccioni, Marinetti, Franz Marc nicht entziffern kann, bekommt Hilfe in Form eines kostenlosen Heftchens, wo die einzelnen Texte nachzulesen sind. Unter der Marke „Der Sturm“ gab Walden ab 1910 eine Zeitschrift in Berlin heraus, sozusagen das flotte Berliner Netzwerk der Avantgarde. Im Verlag erschienen Kunstmappen- und drucke, expressionistische Dramen, Werbeprospekte und -postkarten. Schon der Name signalisierte Rebellion.

Das Spielbein bildete ab 1912 die gleichnamige Galerie in der Tiergartenstraße, 300 Ausstellungen stellte er dort auf die Beine. Die Briefe zeigen, dass Walden als mobiler Projektmacher gefragt war. Heute hätte er vielleicht ein Start-up-Unternehmen.

Kulturforum: Sonderausstellungshallen, Matthäikirchplatz. Di-Fr 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Sa/So 11-18 Uhr.

Bis 12. Oktober. Katalog: 39 Euro.