Matthias Arndt

„Berlin ist für internationale Künstler hoch attraktiv“

Matthias Arndt war 20 Jahre Galerist in Tiergarten, dann zog es ihn nach Australien, gerade bricht er nach Singapur auf. Mittlerweile nennt er sich „Kunstdealer“, sagt er im Morgenpost-Interview.

Foto: Bernd Borchardt

Wenn man Matthias Arndt erreichen will, braucht man eine Weltzeituhr, um zu wissen, wie spät es dort ist, wo er sich gerade aufhält. Seine E-Mails kommen aus der ganzen Welt, Hongkong, Singapur, auch Berlin. Das ist seine Stadt, hier feiert er heuer sein 20. Jubiläum. 1994 gründete er hier seine erste Galerie, gehörte bald in die erste Liga. Mit der Galerie zog er später in die Potsdamer Straße, gleich am Wintergarten. Mittlerweile hat Arndt aber seine Strategie geändert, nennt sich nicht mehr Galerist, sondern Kunstdealer, weil der Kunstmarkt global geworden ist. Das fordert neue Konzepte – und seinen internationalen Einsatz. Am Montag erreicht uns eine Mail. Arndt, Jahrgang 1968, schreibt, dass er gerade dabei ist, nach Singapur umzuziehen.

Berliner Morgenpost: Wenn man Ihren Flugplan so sieht, voll mit Messeterminen und Beratungsgesprächen, meint man, die gute alte Galeriearbeit hat ausgedient.

Matthias Arndt: Das Galeriemodell, wie wir es aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kennen, funktioniert so nur noch in Teilbereichen und Nischenmärkten. Der Kunstmarkt hat sich in den letzten 20 Jahren fundamental geändert. Zwar war vor allem die zeitgenössische Kunst nie populärer als heute – dafür ist das Geschehen auf dem heutigen globalen Markt extrem schnell und komplex geworden. So agiere ich weltweit, in verschiedenen Funktionen und Mandaten für Kunden und Künstler, auch als Kunsthändler, Künstleragent, Berater und Experte für die neuen Märkte in Asien.

Wie sehen Sie Berlin heute?

Berlin stand ja immer im Zentrum meines Denkens und bleibt meine emotionale und professionelle Heimat. Das eigentliche Kapital der Berliner Kunstszene sind neben den Orten und der Lebensgestaltungsfreiheit, die hier herrscht, klar die Künstler. Viele internationale Künstler, auch aus Asien, ziehen nach Berlin. Gerade haben wir einem sehr erfolgreichen philippinischen Künstler eine Bleibe hier gesucht. Wo es geht, arbeite ich weiter mit unseren Berliner Künstlern, am 15. Juli eröffnen wir Julian Rosefeldts Ausstellung „Meine Heimat ist ein dunkles, wolkenverhangenes Land“. Dann haben wir im letzten Jahr „Berlin Masters“ ins Leben gerufen und zeigen ausgewählte Absolventen der Meisterklassen der Kunsthochschulen.

Wie steht die Stadt heute im internationalen Vergleich da?

Berlin ist nach wie vor für Künstler und einen großen Teil der internationalen Kunstwelt, vor allem Asien und den Pazifik, hoch attraktiv. Entsprechend kann ich meine Mission, das Berliner Angebot durch Ausstellungen der wichtigsten asiatischen Künstler zu ergänzen, weiterführen, während ich das internationale Programm in Singapur zeige, um gleichzeitig unser Asienprogramm auszubauen. Im Schlepptau der Künstler bringen wir auch die Sammler und Kuratoren aus Indonesien, den Philippinen und Australien nach Berlin. Dennoch steht auch Berlin in Konkurrenz zu den Metropolen des Finanz- und Kunstmarktes, da sind vor allem New York und London, neuerdings auch Paris und dann der Mittlere Osten, Hongkong und Singapur. Keine Entwicklung ist mehr statisch.

Deshalb ziehen Sie also nach Singapur?

Zwar haben wir in den letzten fünf Jahren auch im Westen erfolgreich mit unserem Asienprogramm gearbeitet, aber die größten Märkte befinden sich in der Tat in Asien, genauer gesagt in Indonesien, den Philippinen, Singapur, auch Vietnam und Thailand und natürlich in China und Hongkong, der zentralen Drehscheibe des internationalen Kunstmarktes. Wir machen aktuell etwa 70 Prozent unserer Geschäfte mit Künstlern und Kunden aus Asien und dem pazifischen Raum. Der Markt im Westen aber bleibt stark: Dort dominieren vor allem die USA.

War es klug, das Art Forum abzuschaffen?

Eine Kunstmesse traditionellen Formates konnte sich in Berlin schlichtweg nicht etablieren. In Berlin braucht es für alles ein eigenes, ja unkonventionelles Format. Ich hätte mir schon damals alternative Konzepte, die aus dem frühen „Berliner Geist“ der Improvisation heraus geboren wurden, gewünscht. Und mit dem Gallery Weekend und neuerdings der Berlin Art Week hat Berlin sich dieses inzwischen weltweit kopierte Format erschaffen. Insofern war es sehr klug, die Kunstmesse in Berlin zu beenden und mit weniger öffentlichen Mitteln in die Rahmenveranstaltung Berlin Art Week zu investieren. Der Markt kommt dann von allein, wenn das Programm und das Angebot so reichhaltig ist wie in Berlin.

Ist Berlin mit dem Gallery Weekend auch für die Zukunft gerüstet?

Absolut, das Gallery Weekend war von Anfang an das ideale Format, den Reichtum an Kunst, die Vielfalt und Qualität im Galeriebetrieb zu vermitteln. Denn in den Galerien und Ateliers findet doch die Kunst statt, ist ihre tolle Energie am Besten zu spüren. Von Anbeginn an haben die Berliner Galerien auch institutionelle Ausstellungs- und Vermittlungsarbeit geleistet. Darum den Rahmen des Gallery Weekends und der Berlin Art Week zu legen, das Forum mit der kuratierten Verkaufsausstellung „abc“ zu ergänzen, und den aus Berlin, Deutschland und der ganzen Welt herbei strömenden Besuchern Gastfreundschaft zu bieten, das ist für mich ein Erfolgsrezept. Weltweit, das weiß ich, wird Berlin darum wirklich beneidet.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.