Es riecht nach Farbe. Ralph Woesner mustert das frisch in Neonpink besprühte Fahrrad, nickt und ruft seinen Zwillingsbruder heran. Entscheidungen treffen die Geschwister immer gemeinsam. Sie nicken: Ja, mit dem Fahrrad vor dem Eingang zum Theater ist ihnen Aufmerksamkeit sicher. Und die brauchen sie. Ihre Spielstätte „Pfefferberg Theater“ ist kaum ein Jahr alt, da müssen sie noch die Werbetrommel rühren. Erst im September 2013 hat das Theater in Prenzlauer Berg eröffnet, es ist wohl Berlins jüngstes Bühnenhaus.
Ingo und Ralph Woesner sind überzeugt, eine Nische gefunden zu haben: Sie verstehen ihr Theater als Komödienhaus, ihre Stücke setzen oft an Klassikern wie Faust oder Romeo und Julia an, enden dann aber als Komödien. „Zur Hölle mit Faust“ ist wohl die bislang erfolgreichste Produktion, und die Woesner-Brüder – oder Woesner Brothers, wie sie sich nennen – sehen das Stück als ihr Flaggschiff. „Wir wollen intelligent und kurzweilig unterhalten“, erklärt Ingo Woesner. Das heißt für ihn vor allem, Geschichten so zu erzählen, dass jeder sie versteht, auch wenn er zum Beispiel vorher noch nie den „Faust“ gelesen hat.
Nicht immer dient aber ein großes Werk als Anknüpfungspunkt für ein Stück, manchmal reicht die Wirklichkeit vor der eigenen Tür. „Drei Mamas vom Kollwitzplatz“ heißt die neueste Produktion, die seit Mai auf dem Programm steht. Es ist eine Revue, die mit den Klischees rund um den berühmtesten Platz im Kiez spielt. In diesem wie auch in den meisten anderen Stücken stehen die Brüder selbst auf der Bühne. Die Stücke haben sie selbst entwickelt.
Theater ohne Kapital und ohne eigenes Haus
Gerade haben die Zwillinge ihren 50. Geburtstag gefeiert. Beide haben in Rostock, am Ableger der Ernst-Busch-Schauspielschule, studiert. Beide hatten nach der Ausbildung Engagements in Senftenberg (Ingo) und Schleswig (Ralph). Irgendwann kam der Wunsch auf, ein eigenes Theater zu gründen. Aber wie und wo und mit welchem Geld?
Was nun passierte, bezeichnen die beiden als ihre „Fieberkurve“: „Man muss auch mal in eine Sackgasse gehen, wenn man etwas unternimmt.“ Es wurden viele Sackgassen: Sie starteten einen Bierimport, versuchten sich an Immobilien, betrieben einen Fensterhandel und ein Geschäft mit einer Raumfähre aus Russland, die auf Wanderausstellungen in Deutschland gezeigt werden sollte. Geklappt hat von diesen Unternehmungen nicht viel, und statt des erhofften Startkapitals für das eigene Theater hatten sie am Ende der Fieberkurve 60.000 Euro Schulden.
Dann müsse man Theater eben ohne Kapital und ohne eigenes Haus machen, beschlossen sie. Sie machten ein Karl-Valentin-Programm und fuhren als Duo durchs Land. In jeder Kleinstadt mit mehr als 15.000 Einwohnern fragten sie, ob sie auftreten können. Schon nach kurzer Zeit konnten sie von der Wanderbühne gut leben und die Schulden zurückzahlen. Parallel riefen sie in Berlin 2005 den Kollwitzer Theatersommer ins Leben. In den kommenden Jahren bespielten sie die Kollwitzstraße neben dem Abenteuerspielplatz „Kolle 37“.
Alles was man braucht: 254 rote Samtsitze und eine Drehbühne
Irgendwann hatten sie genug von der Fahrerei, Ralph Woesner ist 2007 Vater geworden. Also doch ein eigenes festes Haus? Einen Ort, wo sie sich ihr Theater erträumten, hatten sie schon: den Pfefferberg. Aber die meisten Objekte dort waren vergeben. Nur noch die ehemalige Schankhalle war übrig. Aber die war heruntergekommen. Ein toller Platz, befanden die Brüder, aber ein zu großes Projekt. Da gab es noch die alte Feuerwehrgarage. Aber die hatte weder Wasser noch Strom und sollte abgerissen werden. „Wir haben das als eine Art Testlauf gesehen. Entweder läuft das hier oder nicht“, erklärt Ingo Woesner. Es lief. Und nach zwei Jahren, als die Abrissbirne über der Garage kreiste, waren sie reif für die Schankhalle.
Mit dem VIA-Unternehmensverband, der auf die Integration von Menschen mit Behinderungen ausgerichtet ist, haben die Woesners eine Trägerschaft gebildet und das Projekt in Angriff genommen. In nur fünf Monaten ist aus einer Ruine ein Theater und ein Restaurant mit eigener Brauerei geworden. Ingo Woesner ist in der Zeit zum Architekten, Bauingenieur, Installateur und Elektriker geworden, während sich Ralph mehr um den Theaterbetrieb kümmerte.
Das Theater bekommt keine Förderung. Den Umbau haben die Woesners mit 80.000 Euro Eigenkapital gestemmt. Und doch hat es alles, was ein Theater braucht: 254 rote Samtsitze und sogar eine Drehbühne. Und wie läuft es, wenn Zwillinge ein Theater führen? Klar gebe es schon mal Konflikte, aber ein Beispiel will ihnen nicht einfallen. Sie können sich heute ein Leben und schon gar kein Theaterleben ohne den anderen vorstellen. Dabei war ursprünglich nur einer von ihnen geplant. Erst bei der Geburt, als die Hebamme sagte: „Frau Woesner, bleiben Sie noch liegen, da kommt noch einer“, erfuhren die Eltern vom Doppelpack. Die Woesner Brothers haben offenbar schon immer gern für Überraschungen gesorgt.



