Unregelmäßigkeit ist schön. Sie schützt vor Verkrustungen.“ Horst-H. Filohn leitet seit 30 Jahren das Renaissance-Theater, erst als Stellvertreter, seit 1995 als Intendant. Das könnte behäbig machen. Doch er lernt privat Spanisch, macht den Motorradführerschein und musste das Haus schon zwei Mal vor der Schließung retten. Außerdem hat er mit Schauspielern zu tun. Die sind mitunter kapriziös. Er muss mal um sieben Uhr anfangen zu arbeiten, mal erst um elf Uhr, er hat Wochenenddienste und kommt auch mit 62 Jahren oft erst spätnachts nach Hause. Das erfordert sein Beruf. Er liebt ihn. Gerade erst hat er seinen Arbeitsvertrag um fünf Jahre verlängert.

Das Renaissance-Theater ist eines der letzten großen Privattheater in Berlin. Es hat seine Wurzeln in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Das sieht man ihm an. Zum Glück: Auch wegen der Glasleuchter, der rundbogigen Fenster und der goldgelben Wandbespannung ist das Haus das einzige vollständig erhaltene Art-déco-Theater in Europa. Es steht unter Denkmalschutz.

Auf eine persönliche Art gilt das für viele der 25 festen und rund 50 freien Mitarbeiter, die Mehrheit ist weiblich. Filohn ist keiner, der sein Personal oft wechselt. Er selbst ist fast Dienstältester, nur die Vorderhausinspektorin arbeitet schon länger an der Knesebeckstraße als er. Dabei war zwei Jahre lang nicht sicher, ob Filohn bleibt. 1979 hatte er beschlossen, Architektur zu studieren.

Horst-H.: „Mein Herz hängt am Theater“

Am Renaissance-Theater jobbte er nebenbei weiter. Dort hatte er 1977 als Technischer Leiter angefangen. Filohn, dessen Vornamen stets „Horst-H.“ geschrieben werden, ist Berliner, geboren in Prenzlauer Berg. Nach dem Abitur durfte er nicht studieren, „weil ich nicht angepasst war“, sagt er. Er kümmerte sich erst am Deutschen Theater um Technik und Requisite, floh schließlich 1975 im Kofferraum eines Autos professioneller Fluchthelfer in den Westteil der Stadt.

Der Preis war hoch: Seine Familie sah er bis zum Mauerfall nicht wieder. „Aber die Flucht war überfällig. Meine Perspektive in der DDR war keine bessere als die des Landes selbst.“ Kurt Hübner gab ihm an der Freien Volksbühne sofort Arbeit als Chef der Requisite. Filohn schloss eine einjährige Ausbildung zum Theatermeister an und ging dann zum Renaissance-Theater. Schließlich versuchte er sich an der Technischen Universität in Architektur, dem Beruf seines Vaters.

1981 aber kam vom Renaissance Theater das Angebot, Technischer Direktor und Mitglied der Geschäftsführung zu werden. „Ich schlug ein. Mein Herz hängt am Theater.“ 1984 wurde er zum stellvertretenden Intendanten befördert. Bis auf den Spielplan sei er bereits für alles zuständig gewesen, und das Künstlerische konnte er an einer Probebühne gegenüber dem Stammhaus verwirklichen, deren Programm er bestimmte. „Am Haupthaus zeigten wir Dürrenmatt und Molière, etablierte Autoren und Stücke, auf der kleinen Bühne probierten wir Ur- und Erstaufführungen lebender Autoren aus. Spannende Texte.“ 1992 wurde die Probebühne wegen der neuen Sparsamkeit nach dem Mauerfall geschlossen.

Schwere Zeiten kamen: Die Freie Volksbühne musste schließen, im Schiller Theater gingen die Lichter aus. „Auch wir waren finanziell ernsthaft bedroht.“ 1995 zum Intendanten berufen, konnte Filohn 1997, als sein Haus auf Empfehlung einer Expertenkommission geschlossen werden sollte, mit Unterstützung des damaligen SPD-Abgeordneten Klaus Wowereit das Aus verhindern und Kürzungen der öffentlichen Zuschüsse abfangen. Vor allem wegen Judy Winter als „Marlene“. Jenes Stück von Pam Gems und Volker Kühn wurde 552-mal gespielt. „Es hat uns herausgerissen“, sagt Filohn. Der Satz klingt noch heute wie ein Stoßseufzer.

Renaissance-Theater: 82.000 Besucher im vergangenen Jahr

„Vier Jahre später ging es uns wieder dreckig“, das Kürzungspotenzial im Haus sei ausgeschöpft gewesen. „Wir haben im Spielplan darauf reagiert.“ Hatte sein Vorgänger noch fixe Strukturen – fünf Premieren im Jahr, ein Stück lief acht Wochen, zwei Monate blieb das Haus geschlossen –, baute Filohn um. Heute würden Stücke nach der Premiere zwei bis drei Wochen gespielt und nur, wenn sie erfolgreich seien, wieder gezeigt.

Das Songdrama „Ewig jung“ von Erik Gedeon sei so ein Dauerbrenner. Allein im Mai 2014 stehen vier Produktionen auf dem Programm. Sein Haus biete deutsche und internationale Gegenwartsdramatik, darunter erfolgreiche Stücke der großen Theatermetropolen, oft in Erst- und Uraufführungen, sagt Filohn.

Rund zwei Millionen Euro erhält das Haus vom Land Berlin. Zum Geldverdienen tourt man oder inszeniert Gunter Gabriel. Er sang und spielte Johnny Cash. „Das war ein riesiger Kassenerfolg“, sagt Filohn. Doch bleibt sein Traum vom eigenen Ensemble aus finanziellen Gründen unerfüllt. „Aber wir arbeiten kontinuierlich mit brillanten Bühnenschauspielern.“ Dazu gehören Anika Mauer und Boris Aljinovic, Suzanne von Borsody, Corinna Kirchhoff, Robert Gallinowski und Guntbert Warns, der inzwischen Regie führt und soeben hochgelobt „Der nackte Wahnsinn“ mit Katharina Thalbach zur Aufführung brachte.

Sie kommen gern ans Haus, Aljinovic bezeichnet das Renaissance als sein Zuhause, und es befällt machen Besucher eine Vertrautheit wie im heimischen Wohnzimmer, wenn er ins dämmerige Innere tritt. Der Saal ist rundum vertäfelt. Die Intarsien zeigen Szenen aus der Commedia dell’arte. Selbst wenn die Auslastung bei 74 Prozent liegt und im vergangenen Jahr 82.000 Besucher kamen, selbst wenn niemand im Publikum sitzt und der Vorhang geschlossen ist, bleibt dieser Raum hohe Kunst.