Auf dem Computerbildschirm in dem kleinen Raum, der ehemals ein Kühlhaus war, läuft ein Ausschnitt aus „Inglourious Basterds“, dem großen Kinoerfolg von Quentin Tarantino aus dem Jahr 2009. Zu sehen ist das Filmset, Drehort: ein Kino. „Le Gamaar“ steht dort in großen Leuchtlettern. Plötzlich eine gewaltige Explosion – es knallt und brennt und qualmt. Und mitten aus dieser riesigen Schuttwolke sieht man das „E“ des Kinonamens herausfliegen. Es ist der einzige Buchstabe, der die Filmexplosion überstanden hat. Und nun hängt er im Buchstabenmuseum von Anja Schulze und Barbara Dechant. Das ist eine ziemlich gute Geschichte für einen einzigen Buchstaben. An der Holzmarktstraße gibt es viele solcher guten Geschichten.
Die beiden Frauen zeigen in ihrem Buchstabenmuseum inzwischen etwa 900 Objekte. Das können, wie im Fall des „E“s, einzelne Buchstaben, aber auch Wortstücke oder ganze Worte sein. Oder anders: Zeichen aus dem öffentlichen Raum. Leuchtreklamen großer Warenhäuser, riesige Lettern ehemaliger Hotels oder andere Typografien, an denen man täglich vorbeigeht. Und die man vielleicht gar nicht wahrnimmt.
Genau darum geht es in diesem Museum: „Wir bewahren und dokumentieren Buchstaben“, sagt Barbara Dechant. Das klingt einfach und genial zugleich. Gleiches gilt für die Wirkung der Buchstaben: „Wenn man diese Schriften aus dem Gebrauchszusammenhang reißt und sie hier in voller Größe aus der Nähe sieht, bekommen sie eine andere Bedeutung“, sagt Anja Schulze. 900 Objekte haben Grafikdesignerin Barbara Dechant und Anja Schulze vom Berliner Stadtmuseum inzwischen auf den 350 Quadratmetern der ehemaligen DDR-Kaufhalle an der Holzmarktstraße zusammengetragen. Es ist ihr ganz eigenes Museum, eine „geniale Idee“, die aus einer „guten Stimmung heraus“ entstanden sei.
2005 wurde der Verein Buchstabenmuseum gegründet
Die beiden Frauen kennen sich schon länger, haben früher in einer Werbeagentur zusammengearbeitet. Barbara Dechant hatte schon immer ein Faible für Buchstaben, Anja Schulze hat schon lange den Wunsch nach einem „Mini-Kultur-Betrieb“. „Wir sagen immer: Sie ist der Buchstabe, ich bin das Museum“, sagt Anja Schulze, und beide lachen. Nun haben sie gemeinsam diesen „Mini-Kultur-Betrieb“ und überall Buchstaben um sich. Das ist schön – und ganz schön viel Arbeit. Das Museum ist eine private Initiative der Frauen und bezieht keine öffentlichen Gelder, es finanziert sich durch die Eintrittsgelder, Spenden und Mitgliedsbeiträge. Wer mag, kann die Patenschaft für eines der Objekte im Museum übernehmen oder Vereinsmitglied werden – mehr als 100 „Buchstaben-Freunde“ machen bereits mit.
2005 gründeten Schulze/Dechant den gemeinnützigen Verein Buchstabenmuseum e. V. mit dem Ziel, Buchstaben aus Berlin und aller Welt zu bewahren, zu restaurieren und auszustellen. „Jeder Buchstabe, jeder Schriftzug hat eine ganz eigene typografische, stadthistorische oder emotionale Geschichte“, sagt Barbara Dechant. Sie erzählen von ehemaligen „Hertie“-Mitarbeitern, die eine Art Betriebsausflug zu „ihrem“ roten Schriftzug machen. Oder von dem total verwitterten Schriftzug eines früheren Grand Hotels. Der Schriftzug „Hotel“ ist zugewuchert, voller Spinnweben, alles andere als nobel. Und die Buchstaben „Grand“ wurden ihnen einst bei einer Internetversteigerung vor der Nase weggeschnappt. „Wir hoffen natürlich, dass wir hier bei uns irgendwann Zusammenführung feiern können“, sagt Anja Schulze.
Das Internet ist eine Möglichkeit, an neue Objekte zu gelangen. Zudem erhalten die Frauen wöchentlich Tipps, wo alte Geschäfte schließen oder noch Schriftzüge aus einer vergangenen Zeit zu bekommen sind, Worte, die etwas anpreisen, was es dort gar nicht mehr gibt.
Zwei Drittel der Objekte kommen aus Berlin
Ganz am Anfang haben die beiden die Schriftzüge oder Buchstaben noch allein abmontiert. „Oft in unserem Arbeitsdress, manchmal gar nicht sicher, ob in den Leuchtbuchstaben noch Strom fließt“, sagt Barbara Dechant. Diese Zeiten aber sind vorbei. Entweder helfen ihnen Handwerker oder die Objekte werden ihnen zugeschickt. Die weiteste Reise hatte ein Geschenk aus Sofia, das älteste Objekt der Sammlung ist ein einsames „R“ von 1935 aus Wien.
Zwei Drittel der Objekte, die an der Holzmarktstraße zu sehen sind, stammen aus Berlin. Der jetzige Standort des Museums ist bereits der dritte. „Ganz am Anfang standen die ersten Buchstaben und Schriften bei uns zu Hause. Die ersten Räume hatten wir 2008 auf 100 Quadratmetern an der Leipziger Straße. Später waren wir in einer Markthalle an der Karl-Liebknecht-Straße.
Seit letztem Sommer sind wir nun hier“, sagt Anja Schulze. Beide Frauen mögen sich gar nicht vorstellen, dass ihnen noch mehr Umzüge bevorstehen könnten, um weiterhin die Geschichte und Entstehung von Buchstaben erzählen und ausstellen zu können. Ihr Museum soll zudem und vor allem ein Ort zum Experimentieren sein. Neben der permanenten Ausstellung sind unkonventionelle Themenausstellungen und begleitende Sonderprogramme in Kooperation mit Künstlern, Hochschulen und Sponsoren Teil der Museumsarbeit.
Dechant und Schulze freuen sich übrigens immer über Zuwachs in ihrem eigentlich ja schon ziemlich großen „Mini-Kultur-Betrieb“. Jede Schrift und jeder Buchstabe hat die Chance auf ein zweites Leben an der Holzmarktstraße: „Unser Anspruch bezieht sich hauptsächlich auf die Korrektheit der Schriften“, sagt Barbara Dechant. „Wir haben festgestellt, dass die eigentlich alle durchweg sehr gut gemacht sind, handwerklich wirklich meist gut ausgeführt.“ Und wenn das Zeichen dann auch noch eine Geschichte zu erzählen hat: umso besser. Es muss ja nicht gleich eine wichtige Rolle in einem Quentin-Tarantino-Film gehabt haben.
HO Berlin, Holzmarktstraße 66, Mitte. Do.–So. 13–17 Uhr, 6,50, erm. 3,50 Euro, www.buchstabenmuseum.de





