Berliner Galerien

Kunst quer durch die Stadt - Das Gallery Weekend wird zehn

Bis Sonntag trifft sich die internationale Kunstszene in Berlin, rund 400 Galerien zeigen die Werke von etwa 7000 Künstlern. Der Marathon durch die Galerien wird zehn Jahre alt.

Foto: Reto Klar

Linienstraße Nr. 119 abc, Mitte. An einigen Fenstern des Plattenbaus flattern Deutschlandfähnchen im Wind. Die Wände der Fassade sind mit Graffiti geschmückt. Ein alter Flokati hängt zum Lüften aus dem Fenster. Nichts lockt in den Hinterhof. Stattdessen steht dort ein Monster von Heizhaus, die Fenster sind vergittert. Bis letzten November kam von hier die Wärme für die Plattenwohnungen. Jetzt gibt es Fernwärme. Und nun hat die Galerie Neu ihr neues Domizil in dem Bau bezogen.

„Investiert und gemietet“, sagt Galerist Alexander Schröder. Wie das oft so ist, ging alles sehr schnell, erzählt Schröder. Die Umnutzung von ungewöhnlichen Orten ist typisch für diese Stadt. Und wie der DDR-Heizkasten zeigt, sind es nicht immer die schönsten Orte für die Kunst. Doch von dieser Reibungsfläche lebt die Kunststadt Berlin. Der Heizkasten entpuppt sich im Inneren als sechs Meter hoher White Cube.

Neu in roter Leuchtschrift

Nun feiert Alexander Schröder das zehnjährige Jubiläum des Gallery Weekends zusammen mit dem 20-jährigen Bestehen der Galerie. Könnte gar nicht besser passen. Die Künstler der Galerie treten in Mitte an: Manfred Pernice mit seinem Fahrradständer à la Marcel Duchamp, Andreas Slominski mit einem Garagentor, das an der Wand hängt wie ein monochromes Bild oder Daniel Pflumms klitzekleines rotes Leuchtschild „Neu“, angebracht in fünf Metern Höhe an der Fassade. Schröder weiß, dass sie hier im Hinterhof die Exoten sind. Die meisten Nachbarn wissen vermutlich gar nicht, was Konzeptkunst ist.

Seit Freitag und noch bis Sonntag regiert in Berlin die Kunst. 50 etablierte und einige jüngere Galerien gehören zum offiziellen Programm. Dafür zahlen sie knapp 8000 Euro. Aber irgendwie macht jede Galerie mit, die kann, ausgeschlossen ist niemand. Das funktioniert wie in einem Wettbewerb: Jede Galerie zeigt das Beste, Neueste, Schrägste an Kunst und Künstlern.

Der Sog ist also da, die Sammler sind in der Stadt, das Publikum ist unterwegs. Die VIP-Gäste bekommen zudem Einladungen zu Empfängen und zu ausgewählten Privatsammlungen wie der von Christian Boros oder Arthur de Ganays. Höhepunkt ist ein Galadinner am Sonnabend, diesmal im Flughafen Tempelhof.

Die Auswahl fällt schwer bei 400 Galerien

Das Gallery Weekend zeigt das Potenzial, das Berlin hat. Rund 400 Galerien, die etwa 7000 Künstler vertreten. Für die auswärtigen Besucher ist die Stadt selbst wie ein riesiges, verrücktes Exponat. Es gibt ein bisschen Glamour, Trash und allerlei Eitelkeiten. Das Schöne ist, dass irgendwie alle dabei sind, die schwarzen Kunstladys in High Heels ebenso wie die Biertrinker in Jeans, die vor den Galerien über Kunsttheorie quatschen. Schwarze Limousinen rollen wieder durch die Straßen und zeigen, das hier jemand wichtig ist.

Eine Auswahl ist bei diesem Marathon unvermeidlich. Vielleicht fängt man in Mitte an, schaut sich Tim Eitel bei Eigen + Art an und die fünf Maler ohne Pinsel bei CFA. In Kreuzberg kann man das Ausstellungshaus in der Lindenstraße als Anlaufstelle wählen. Oder man konzentriert sich auf das spannende Areal um die Potsdamer Straße mit der alten Druckerei und fährt weiter nach Charlottenburg, das sich zum starken Standort entwickelt. Neben seiner neuen Galerie in Nr. 119 in Mitte wird Alexander Schröder seine alten Räume am Mehringdamm behalten. „Ein guter Gegenpol“, findet er.

Die Lage an der Bergmannstraße ist top und gut angebunden. In der großzügigen Altbauwohnung mit dem Fischgrätenparkett zeigt er den amerikanischen Künstler Alex Hubbard. Mit zwei Standorten ist er gut aufgestellt. Auch Isabella Bortolozzi bespielt zusätzlich zu den Galerieräumen am Schöneberger Ufer „Eden Eden“, eine ausgediente Apotheke, dort zeigt sie Arbeiten von Seth Price. Die Galerie Kamm nutzt temporär eine Brache für eine Installation an der Kurfürstenstraße 142.

London, Paris und Madrid wollten Gallery Weekend kopieren

Auch Johann König betreibt neben seiner Galerie die Düttmann-Kirche nahe der Berlinischen Galerie. Die hat er für einen einzigen Film von Michael Sailsdorfer reserviert: „Anti-Herbst“ wurde im „Pott“ gedreht und zeigt, wie abgefallene Blätter wieder grün lackiert und erneut an einem Baum befestigt werden.

Glaubt man den Galeristen, so ist das Gallery Weekend seit dem Aus der Kunstmesse Art Forum der wichtigste Termin im Berliner Kalender. 190 Millionen Euro setzen die 400 Galerien im Jahr um, hat Ingrid Walther vom Wirtschaftssenat errechnet. Doch was nach viel klingt, ist relativ. Denn so viel verdient allein eine Topgalerie in New York. Zum Start 2005 waren 20 Galerien dabei. 300 Kunstfreunde besuchten das Galadinner.

Heute sind es 1300 Gäste, und Organisator Michael Neff ist nervös, weil er einigen absagen muss. In Metropolen wie London, Paris, Madrid, hat man versucht, das Gallery Weekend zu kopieren. Mit wenig Erfolg. „Es fehlt einfach der Kick“, glaubt Mehdi Chouakri. „Hier gehört die Stadt einfach zum Event dazu.“ Er weiß, hier gehen die Sammler gerne direkt in die Ateliers.

Das große Geld wird in Berlin nicht gemacht

Vor zehn Jahren war man messemüde und suchte nach einem neuen Format. „Wenn man mit Kollegen sprach, war man sich einig, dass eigentlich kaum mehr Leute in die Galerien kamen. Und so war unsere Idee, Leute dorthin zu holen, wo Kunst hergestellt wird und erstmals gezeigt wird“, erinnert sich Schröder.

Gibt es keine Ermüdungserscheinungen nach all den Jahren? „Berlin hat verschiedene Hypes hinter sich. Jetzt hat sich das angenehm normalisiert. Es gab Schübe, wo viele Sammler aus Amerika kamen. Nun hat sich eine sehr gute Balance zwischen internationaler und lokaler Besucherschaft entwickelt“, sagt Schröder. „Mein Lieblingsverkaufsevent“, so nennt es Galerist Burkhard Riemenschneider. „Es ist angemessen gewachsen. Ein Event mit Eigendynamik.“ Alle profitieren von dem Berliner Termin. „Kleinere und jüngere Galerien könnten nicht überleben, gäbe es das Gallery Weekend nicht“, glaubt Mehdi Chouakri.

Auch wenn Berlin nicht der Ort ist, wo das große Geld gemacht wird, die Stadt ist eine wichtige Schaltstelle auf dem internationalen Markt. In New York ist das anders. Da kommen die Sammler in die Galerie und kaufen gleich. Berlin ist eher die Stadt, wo man sich kennenlernt, Kontakte macht, miteinander spricht. Und vielleicht auf der nächsten Messe, in Basel oder in London, da kommt dann der Sammler auf den Berliner Galeristen zu und macht den Kauf klar. Thomas Olbricht hat für seinen „me Collectors Room“ an der Auguststraße einen tollen Coup gelandet. Er hat die Sammlerin Patricia Sandretto Re Rebaudengo aus Turin eingeladen, um bei ihm auszustellen.

„So viel Energie in der Stadt“

Die Signora gehört zu den wichtigsten Sammlerinnen zeitgenössischer Kunst in Europa. Sie ist extra angereist zur Eröffnung der Schau „Stanze/Rooms“, ausgewählte Werke ihrer Kollektion. Thomas Demand, Gregor Schneider, Rachel Whiteread – von diesen Künstlern träumt mancher Museumschef. Im oberen Stock zeigt sie ein kleines glitzerndes Imperium historischen Modeschmucks. „Das ist“, erzählt sie, „meine paradoxe Leidenschaft des Sammelns“. Die Schmuckstücke verkörpern die leichte Seite der italienischen Bellezza genauso wie ihr smartes Designerkleid in Pink.

So funktionieren in Berlin die Dinge. Bis Sonntag wird die Italienerin noch in der Stadt sein. Ihre Galerieliste hat sie im Kopf: Esther Schipper, Neugerriemschneider, und klar, Isabella Bortolozzi, schließlich ist das eine Landsmännin. „So viel Energie in der Stadt“, ruft sie. Und weg ist sie.