Ein spiegelnder Riese bahnt sich den Weg in die Mitte des Stehraums. Halb Ritter, halb Mondmann, die Spiegelscheiben seines Anzugs reflektieren die Sonne, die noch über der Wulheide steht. Neben dem Ritter geht ein dünnes Mädchen, das einen engen schwarzen Anzug trägt, auf dem ein weißes Skelett leuchtet. Der Mann im Spiegelanzug beugt sich zum Mikrofon und verkündet, dass jetzt Arcade Fire spielen werden.

Im nun herrschenden Jubel erklingen die ersten Takte von „Reflektor“, und die bekanntermaßen viele Bandmitglieder erscheinen auf der Bühne. Win Butler im bereits gewohnten Bühnenoutfit, schwarz-weiß, manche der Jungs sehen aus wie die Flippers, der Keyboarder zum Beispiel steht in weißen Hosen und pinkem Jackett am silbernen Instrument.

Sängerin im Bibo-Style

Sängerin Régine Chassagne trägt Bibo-Style – ein Kleid mit gelb-fluoreszierenden Ringen und übergroße, pinkfarbene Handschuhe. Zum Geheimkonzert im Astra hatten die Kanadier einen Dresscode verlangt. Für die Besucher heute kann eine solche Vorgabe nicht gelten – das wäre: „Too much“ um mal eine andere Band, die gern durch Kostüme auffällt, zu zitieren. Dennoch, manche haben sich doch aufgebrezelt, sogar verkleidet – zwischendurch blinkt ein kunstvolles Mini-Hütchen – ein sogenannter „Fasciantor“ durch die braven Frisuren im Publikum.

Am Bierstand steht ein Mädchen mit Muppet-Kostüm. Unter dem wolligen lila Plastik-Filz-Überwurf ist ihr sicher sehr heiß, aus ihrer übergroßen Kapuze stecken lange Fühler mit großen Glubschaugen. Wenn das nicht mal Artzi-Fartzi ist. Der Rest hier sieht jung und schön aus mit dicken Brillengestellen und individuellen Tattoos. In den Rängen sitzt, wer Ü-30 ist. Der Sound ist etwas verwaschen – was soll’s, kurzum wird die Lautstärke höher gedreht. Viel hilft bekanntlich viel.

Heringsgleich in der Menge

Eine Freiluftbühne kann nicht wirklich als passender Rahmen für Arcade Fire gelten. „Reflektor“, das aktuelle Album, erzählt von durchtanzten Diskonächten, von beschlagenen Fenstern und Schweiß, der von den Wänden tropft. Zwischen den Wipfeln der Wuhlheide rauscht der Wind, es ist immer noch hell, möglicherweise zu hell, um die Veranstaltung in eine der besungenen wilden Nächte zu verwandeln? Wieviel Disko geht eigentlich in Open Air?

Sagen wir: genug. Zumindest vor der Bühne. Wer da heringsgleich in der Menge steckt, der springt und klatscht und winkt und schwitzt, mit Sicherheit sind einige der Handykameras beschlagen, glücklich ist der, dem das Smartphone hier nicht aus der Hand rutscht. Auf der Bühne spielen sie ihre Songs, die alle wie große Hymnen klingen – „Neighborhood #3“ etwa und „Rebellion (Lies)“.

Ein buntes Tuch wird entrollt, Palmen in mehrfarbigem 3-D-Druck. Vor dieser sommerlichen LSD-Kulisse erzählt Butler von seinem ersten Trip nach Europa, den er nach Berlin machte und der auch während einer Fußballweltmeisterschaft stattgefunden haben soll.

Das führt ihn von den aufkeimenden Erinnerungen zur perfekten Überleitung in den bittersüßen Song „The Suburbs“. Im Hintergrund läuft das Video von Spike Jonze, in dem Halbwüchsige durch eine amerikanische Vorstadt radeln, die in ihrer gleichgeschalteten Tristesse so unwirklich wie eine Geisterstadt wirkt.

Keine Zeit für bittersüße Gefühle

Bedrückend eigentlich, doch in der Wuhlheide siegt die Euphorie über die Nachdenklichkeit. Die Stücke der älteren Alben erkennt man vor allem daran, dass alle im Stehraum mitklatschen – keine Zeit für bittersüße Gefühle. Zu „Ready to start“ senkt sich ein Glitzervorhang zum Bühnenhintergrund, durchbrochen von Dreiecken, die oft auf als Hipsterutensilien verschrienen Jutebeuteln und T-Shirts aufgedruckt sind.

Zu Beginn von „No Cars“, einem der wohl untanzbarsten Songs der Band, erlaubt sich Butler einen Scherz: „This is a song to dance“ kündigt er an, und dort, wo zu Beginn der Spiegelmann gestanden hatte, zeigt eine Truppe dürrer Skelettanzugträger mit weiß geschminkten Gesichtern einen abgehakten Zombie-Disko-Tanz. „My Body Is In A Cage“ singt Butler, und während er darum bittet, man möge wenigstens seinen Geist befreien, markiert der jetzt nochmals auf der kleinen Bühne agierende Spiegelmann schon den Anfang vom Ende des Konzerts.

Das Finale bestreitet Régine Chassagne, die mit der Skelettformation tanzt, überdimensionierte Beatles-Köpfe, die zu „Komm gib mir deine Hand“, der deutschen Version des Songs von 1964 wackeln, Konfettiregen und die Schellenkränze, die die Kanadier ins Publikum werfen. Auf dem Rückweg nach Berlin sieht man die Sonne untergehen – die Ersten wissen schon, dass Spanien bei der WM kurz vor dem Abschied steht.