70. Geburtstag

Helmut Dietl, einer der ganz wenigen ganz Großen

Keiner hat Deutschland so den Spiegel vorgehalten wie Helmut Dietl. Für „Schtonk!“ gab es sogar eine Oscar-Nominierung. Nun ist der Kultregisseur schwer krank. Heute wird er 70.

Als Helmut Dietl vor sechs Wochen bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises im Berliner Tempodrom die Ehren-Lola für sein Lebenswerk entgegennahm, war die Filmbranche geschockt: So dünn, so schwach, so ausgezehrt kam er auf die Bühne kam. Dass er schwer an Lungenkrebs erkrankt ist, das hatte er selbst im November zuvor bekannt gegeben. Aber in der Öffentlichkeit war er seither nicht in Erscheinung getreten. Und er sagte auch, weshalb: „Die Tatsache, dass ich heute hier stehe“, sagte er in seiner Dankesrede (obwohl seine Frau Tamara es ihm dezidiert verboten hatte, sie zu erwähnen), „habe ich der Pflege meiner Frau zu verdanken.“

Es war ein sehr aufwühlender, auch beklemmender Moment. Bei Preisen fürs Lebenswerk steht immer das ganze Auditorium auf wie eine Eins. Hier aber tat man es wohl noch gerührter als gewöhnlich. Und das wirkte auch auf den Ausgezeichneten zurück. „Bitte setzen Sie sich, sonst muss ich weinen.“

War das der Dietl, der umjubelte, erfolgsverwöhnte Regisseur? Der nicht nur in seinen Werken, sondern auch in der Öffentlichkeit gern aneckte und polterte? Der, obschon alle sich die Finger leckten, in seinen Filmen mitzuwirken, doch auch immer ob seines unerbittlichen Perfektionismus gefürchtet war?

Attacken auf die Bussi-Gesellschaft

Dietl hat nichts weniger als das deutsche Fernsehen revolutioniert. Als man in den Dritten Programmen Vorabendserien letztlich nur abkurbelte, um dazwischen Werbung zu zeigen, hat er Mitte der 70er-Jahre mit seinen „Münchner Geschichten“ das Format auf ein ganz anderes Niveau gehievt und diese Erfolgsgeschichte mit „Der ganz normale Wahnsinn“ und „Monaco Franze – Der ewige Stenz“ so weiterentwickelt, dass er schon bald vom Dritten ins Hauptprogramm wechselte.

Mit seinen Helden, Günther Maria Halmer als Tscharlie oder Helmut Fischer als Franz, Hallodris, die sich durchs Leben wurschteln, war Dietl immer nah dran am kleinen Mann und dem Lebensgefühl in der heimlichen Hauptstadt. Und doch hat er der Münchner Schickeria immer einen Spiegel vorgehalten. Die Promis, die Medien, die Bussi-Gesellschaft, das war sein Lebensthema. In Patrick Süskind fand er Anfang der 80er-Jahre einen Bruder im Geiste, mit dem er das im Sechsteiler „Kir Royal“ krönend auf die Spitze trieb.

Dietl, vom Kabelträger zum Kultregisseur aufgestiegen, war der Meister der Gesellschaftssatire. Keiner konnte so wie er menschliche Schwächen aufdecken, Lachen hat bei ihm immer auch weh getan. Das Fernsehen wurde ihm dann bald zu klein. Es drängte ihn auf die große Leinwand. Und mit „Schtonk!“ (1992) gelang ihm gleich das Kunststück, dass erstmals auch in einem deutschen Film über Hitler und die Ewiggestrigen gelacht wurde. Dafür gab es sogar eine Oscar-Nominierung. Dietl war nun ganz oben, gehörte längst selbst zur Schickeria. Und so war es nur konsequent, dass er mit „Rossini oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ (1997) ein galliges Who is Who dieser Schwabinger Filmblase drehte – und sich von Heiner Lauterbach aasig-kongenial verkörpern ließ. Ein krönendes Meisterwerk.

An der neuen Hauptstadt gescheitert

Dann aber begann die Tragik des Helmut Dietl, der im neuen Jahrtausend nicht mehr an die alten Erfolge anknüpfen konnte. Schon „Late Show“ (1999) mit Harald Schmidt war nicht mehr die bissige Parodie aufs Privatfernsehen, die alle erwartet hatten. Auch sein moderner Orpheus-und-Eurydike-Stoff, „Vom Suchen und Finden der Liebe“ (2005) floppte nicht nur an den Kassen, sondern auch bei der Kritik. Das hat Dietl, der stets von allen Gefeierte, bitter getroffen.

Erst recht aber, als er vor zwei Jahren mit „Zettl“ noch einmal an alte „Kir Royal“-Zeiten anknüpfen und eine bitterböse Gesellschaftsfarce auf die Berliner Republik meißeln wollte. An der neuen Hauptstadt ist Dietl gescheitert. So genau er das Lebensgefühl in München zu treffen wusste, so fremd blieb ihm die preußische Metropole. Und so fremd blieb er ihr. Zur Tragik großer Männer gehört oft auch, dass sie ihr eigenes Scheitern, ihr Nicht-mehr-zeitgemäß-Sein nicht wahrhaben möchten.

„Zettl“ wird nun sein Vermächtnis bleiben. Dietl wird keinen Film mehr drehen. Aber trotz der harschen Kritik der letzten Jahre – „Helmut Dietl“, das betonte bei der Lola sein Laudator und „Zettl“-Hauptdarsteller Bully Herbig, „hat Meisterwerke geschaffen. Das sollte man nie vergessen.“ Dietl ist einer der wenigen ganz Großen dieses Landes. Vor ihm verneigte sich an diesem Abend die ganze Branche. Dann verabschiedete sich der Regisseur ganz bescheiden: „Wenn es Ihnen recht ist, geh’ ich jetzt.“ Am 22. Juni wird er 70 Jahre alt.

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