Film: Zettl

Verzettelt. Leider

Vielleicht sollte man sich den Film nur anschauen ohne Rücksicht darauf, wer ihn gedreht hat. Aber wer kann das noch, wo schon so viel über "Zettl" geredet und geschrieben wurde? Der Film hat schon so manche Wandlung durchgemacht, ein Hauptdarsteller wurde geschasst, der ursprüngliche Titel "Berlin Mitte" geändert, ja die ganze Entstehung scheint am Ende fast der spannendere Plot zu sein.

Würde man ohne jede Erwartungshaltung in diesen Film gehen, wäre man ihm gegenüber wohl ehrlicher. Dann fiele es leichter, ihn nicht gut zu finden (denn das kann man nicht).

Aber der Regisseur ist nun mal nicht irgendwer. Helmut Dietl hat in den 70-ern, als das Fernsehen noch nicht vom Flachsinn der Privaten bestimmt wurde, einige der besten Serien gedreht, "Münchner Geschichten", "Monaco Franze" und vor allem "Kir Royal", die böseste, treffsicherste, satirischste Serie, die sich das Öffentlich-Rechtliche je getraut hat (und längst nicht mehr trauen würde). "Kir Royal" war das Sprungbrett ins große Kino, hier hat Dietl mit "Schtonk!" gleich eine der besten Kinosatiren nachgelegt.

Und der Höhepunkt seines Schaffens war dann "Rossini", eine ätzend-schöne Analyse der Schwabinger Bussi-Bussi-Gesellschaft, in der man auch die Person Dietl unschwer identifizieren konnte. Aber dann! Schon "Late Night" war nicht die große Satire auf die Medienlandschaft, die es hatte werden wollen. Und "Vom Suchen und Finden der Liebe" mochte noch nachträglich die Beziehung Dietl-Ferres verarbeiten, als Film überzeugte die Liebesschmonzette nicht.

Das Problem der dritten Zähne: Ausgerechnet Dietl, der wie kein zweiter der Bundesrepublik stets einen satirischen Spiegel vorgehalten hat, hat keinen Biss mehr. "Zettl" sollte so viel sein, eine Satire auf die Berliner Republik, auf die Politik-, die Medienkaste, keine Fortsetzung, aber ein Weiterspinnen von "Kir Royal". Doch wie so oft, wenn man zu viel will, geht der Plan nicht auf. Und dann hat sich Dietl ausgerechnet mit seinem "Kir Royal"-Helden Franz Xaver Kroetz überworfen. Der kann am Ende froh sein, dass er rausgeworfen wurde.

Denn Dietl hat sich schlicht verzettelt. Und Benjamin Stuckrad-Barre ist einfach kein Patrick Süskind, kein kongenialer Koautor mit demselben bösen Witz. "Zettl" ist eine Art moderner "Bel Ami": Ein einfacher Taxifahrer (Michael Bully Herbig) will hier ganz nach oben in die Medienlandschaft, und dazu dienen ihm lauter Politiker, die auch in ihrer Kaste ganz nach oben wollen, ohne Rücksicht auf Verluste oder Schamgrenzen.

Dietl & Stuckrad-Barre haben sich dafür geniale Figuren ausgedacht, die von unseren Stars grandios verkörpert werden: Götz George als depressiver Kanzler, Dagmar Manzel als kerliger Berliner Bürgermeister, Sunnyi Melles als überschickerte Talkshow-Päpstin. Nur Bully Herbig als Zentrum und Titelheld funktioniert gar nicht: Etwas Böses-Abgründiges, wie es Kroetz in "Kir Royal" beherrschte, geht ihm gänzlich ab, dafür ist sein Humor viel zu brav und lieb.

Und ach, all die anderen wunderbaren Performances werden von keinem roten Faden zusammengehalten, zerfasern in lauter kleine Vignetten. Darüber hat Dietl das große Ganze aus den Augen verloren. Wie absurd die Berliner Republik tatsächlich anmutet, das lernt man nicht bei ihm im Kino, das wird gerade von der Realsatire vom Schloss Bellevue bei weitem übertroffen.

Ganz am Ende von "Rossini" lästert Veronica Ferres über den Regisseur, hinter dem sich klar Dietl selbst verbirgt: "Der Mann ist müde und ausgebrannt. Der kann keine Filme mehr machen." Nach nunmehr drei Flops in Folge hat man fast das Gefühl, der große Dietl hat sich da seinen späteren Karriereknick schon vorweg diagnostiziert.

Satire: D 2012, 105 min., von Helmut Dietl, mit Michael Herbig, Dagmar Manzel, Götz George, Harald Schmidt

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