Eigentlich wollte er bereits am 6. März das Rundfunk-Sinfonieorchester (RSB) dirigieren. Doch Kurt Masur musste das Konzert aus gesundheitlichen Gründen absagen. Und auf den 17. Juni verschieben. Ein denkwürdiges deutsches Datum, genauso denkwürdig wie Masurs Auftritt. Im Rollstuhl wird er am Dienstagabend von Helfern aufs Podium der Philharmonie gefahren, um mit dem RSB Felix Mendelssohn Bartholdys „Schottische“ und „Italienische“ Sinfonie zu geben.
Masur, der als ehemaliger Chef des Leipziger Gewandhauses das Musikleben der sächsischen Stadt fast 30 Jahre lang prägte, erweist dem ersten Kapellmeister des Orchesters seine Referenz. Masur und Mendelssohn – eine Begegnung der besonderen Art. Nicht nur deswegen ist das Publikum in der fast ausverkauften Philharmonie von der ersten Sekunde an ergriffen. Masur, der am 18. Juli 87 Jahre alt wird, scheint das Orchester mit den Augen zu führen.
Er, der für seine energische Zeichengebung bekannt war. Sparsam, aber auf den Punkt sind die Bewegungen der Hände, die keinen Taktstock mehr halten. Ungebrochen die Strahlkraft des Mannes, der Chefdirigent der Dresdner Philharmonie und der Komischen Oper Berlin war, mit den meisten der großen amerikanischen Orchester zusammen arbeitete, Erfolge mit den Berliner Philharmonikern, dem Amsterdamer Concertgebouw-Orchester und dem Orchester der Mailänder Scala feierte.
Von Parkinson gezeichnet
Das alles schwingt mit an diesem Abend, an dem der Kosmopolit Masur Mendelssohns „Italienische“ als europäische Sinfonie wie eine Sommersonne aufgehen lässt. „Er wird unterschätzt. Das ist außer Frage“, hat Masur einmal über Mendelssohn gesagt. Und das ist an diesem Abend zu erleben: Die Kraft, die von Mendelssohns Musik ausgeht, lässt auch Masurs von der Parkinson-Krankheit gezeichneten Körper zeitweise erbeben. Bewundernswert das Orchester, das höchst konzentriert dem Maestro folgt, immer und immer wieder suchen die Musiker den Blickkontakt – selten so gesehen.
Jeder Einzelne scheint nur für Masur zu spielen. Eine Verneigung vor dem Mann, der nicht nur Musikgeschichte schrieb, sondern vor 25 Jahren während der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 den Aufruf der „Leipziger Sechs“ zu einem friedlichen Dialog über den Stadtfunk verlas. Dafür bekam er im März den Sächsischen Verdienstorden. „Als international hoch anerkannter Kapellmeister und Dirigent und als großer Demokrat in der Zeit der Friedlichen Revolution ist Kurt Masur ein herausragender Botschafter des Kulturlandes Sachsen“, hieß es in der Begründung.
Nach der „Italienischen“ bedankt sich Masur bei Orchester und Publikum gelöst und fast humorvoll mit den Worten „Wir machen jetzt mal eine Pause“. Die „Schottische“ kommt dann als Magische, mit unerhörter Tiefe. Masur schafft es mit den Musikern in Mendelssohns Sinfonie Nr. 3, Wagners „Holländer“ voraus klingen zu lassen. Nein, Masur lässt es nicht zu, dass Mendelssohn unterschätzt wird. Und das Publikum versteht. Es versteht aber auch, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, den legendären Dirigenten an diesem 17. Juni erleben zu dürfen.
So erheben sich, kaum dass die letzten Töne der „Schottischen“ verklingen, alle Zuhörer wie auf ein geheimes Kommando gemeinsam von ihren Plätzen. Minutenlange stehende Ovationen. Tief empfundener Dank des Berliner Publikums für die Lebensleistung – nicht nur die musikalische – eines ganz Großen, einer lebenden Legende.





