Philharmonie

Vittorio Grigolo kommt gegen die Frauen nicht an

Die Deutsche Oper gastiert in der Philharmonie mit einer konzertanten Aufführung von Massenets „Werther“. Vittorio Grigolo in der Titelrolle verblasst dabei gegen Siobhan Stagg und Ekaterina Gubanova.

Foto: POP-EYE/Scherf / picture alliance

Dieser Mann ist wahrlich nicht zu beneiden: Vittorio Grigolo, der Startenor, der gegen sein atemraubendes Aussehen ansingt. Mit schlanker, schöner Stimme. Mit hoher Leidenschaft. Doch ohne restlos überzeugende Technik. Sein sonnengebräunter Werther hat zwar ein paar berückende Pianissimo-Momente und durchaus feurige Höhen. Zu schaffen machen dem Italiener allerdings die weiten lyrischen Bögen und vor allem – die Intonation. Vittorio Grigolo schwächelt an diesem Abend.

Der immer weiter steigende Erfolgsdruck scheint auf der Stimme des 37-Jährigen zu lasten. Für die Deutsche Oper mag das recht bedauerlich sein. Denn sie präsentiert diesen konzertanten Werther von Jules Massenet als luxuriöses Prestige-Projekt. Sie möchte nach ihrer überragenden „Maria Stuarda“ vor einigen Tagen nun auch auswärts in der Philharmonie glänzen. Und sie tut es schließlich: mit Ekaterina Gubanova als Charlotte, die ab dem dritten Akt mächtig aufblüht.

Der Abend gehört den Frauen

Vittorio Grigolo, ihr verzweifelter Liebhaber, überragt sie zwar noch immer durch seine makellose physische Ausstrahlung. Musikalisch dagegen reißt Gubanova das Ruder an sich, schleudert ihren Partner mitunter an den Rand der Verlegenheit. Und auch die junge Australierin Siobhan Stagg als Sophie beeindruckt nachhaltig. Ihr eleganter, hellfarbener Sopran bringt lyrische Leichtigkeit in die Musik.

Siobhan Stagg ist die einzige im Ensemble, die Massenets Oper wirkliche französische Färbung verleiht. Kein Zweifel: Dieser Abend gehört den beiden Sängerinnen. Die Männer, darunter auch der anfangs gut aufgelegte John Chest als Charlottes Ehemann und Konkurrent Werthers – sie alle haben das Nachsehen.

Danke für diesen Geniestreich

Derweil stemmt sich Generalmusikdirektor Donald Runnicles höchstpersönlich in die französische Partitur. Er raut das Orchester der Deutschen Oper auf, verleiht der Musik drohendes Gewicht. Zarteste Streicherseide spinnt er nur im Vorspiel, danach zwingt er seine Musiker zu wuchtiger Gründlichkeit. Liegt es vielleicht an der ungewohnten Akustik der Philharmonie, dass das Orchester den Sängern viel muskulöser als sonst entgegentritt? Erstaunlich jedenfalls, wie wenig dieser Massenet nach lyrischem Drama klingt.

Man braucht eine Zeit lang, um sich an den erdigen Tonfall zu gewöhnen. Doch dann überwiegt die Dankbarkeit: Dankbarkeit über diese konzertante Wiedergeburt. Dankbarkeit über die instrumentatorischen Geniestreiche Massenets, die auch unter Donald Runnicles schicksalsrauem Zugriff durchaus Wirkung entfalten. Diese spätromantische Oper scheint bis zum heutigen Tage unterschätzt worden zu sein. Viel zu selten trifft man Massenets Werther auf Bühnen und Tonträgern an.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.