Ballett

Vladimir Malakhov isst Schokolade zum Abschied

Mit zwei Vorstellungen wird der Intendant des Staatsballetts, der russische Startänzer Vladimir Malakhov, verabschiedet. Er wäre gern in Berlin geblieben, sagt er beim letzten Treffen in seinem Büro.

Foto: Amin Akhtar

Dafür, dass er am Freitag und Sonnabend in zwei Vorstellungen als Intendant verabschiedet wird, schlurft Vladimir Malakhov ziemlich gelassen den langen Gang im Staatsballett herunter. Irgendwann biegt er ab ins Produktionsbüro. Dort und nicht im Intendantenbüro lagern seine Keks- und Schokoladenbestände. Tänzer und Essen ist ein Thema für sich. Malakhov wühlt ziemlich lange auf dem Schreibtisch herum, nimmt sich dann zwei schmale unscheinbare Kekse.

Zurück auf dem Flur entdeckt er Beatrice Knop. Die Primaballerina steht lesend vor dem Aushangkasten, sie steht dabei auf Spitze. Schokolade will sie keine. Rechterhand im Probenraum wartet Nadja Saidakova, ein anderes Aushängeschild der Compagnie, auf die nächste Probe zum Stück „Tschaikowsky“, das am zweiten, dem letzten Abend im Schiller-Theater gezeigt wird.

Als seine Familie bezeichnet Malakhov die Tänzer. Jetzt ist die Zeit für den Abschied, sein Vertrag endet. „Sie können mich jederzeit anrufen“, sagt der 46-Jährige, es klingt ein wenig ratlos. Bekanntlich wechselt er zum Tokio Ballet, was ziemlich weit weg ist. Malakhov, der zwölf Jahre lang in Berlin Ballettchef war und seit zehn Jahren das neu gegründete Staatsballett leitet, sieht sich selbst als eine Art Vaterfigur. Viele Tänzer habe er bereits als Küken kennen gelernt, sagt der Scheidende, inzwischen seien sie strahlende Schwäne. Solche blumigen Ausbrüche voller Wehmut gönnt sich Malakhov im Gespräch nur wenige.

Shoko Nakamura ist eigens angereist

Das Abschiedsritual hat er sich bewusst an zwei Abenden gewünscht. Weniger des Publikums wegen. Er wollte mit möglichst vielen seiner Leute das Finale gestalten. Extra zu „Caravaggio“ am ersten Abend ist Shoko Nakamura angereist. Seine frühere Erste Solotänzerin, die zur Premierenbesetzung gehörte, hat sich inzwischen nach Budapest abwerben lassen.

Bereits in den vergangenen Repertoire-Vorstellungen mit Malakhov wollte das Publikum nicht aufhören zu applaudieren, wenn er am Ende vor den Vorhang trat. Jetzt, wo sein Weggang naht, merken viele, wie sehr der einstige russische Startänzer ihnen ans Herz gewachsen ist. Das mit dem Schlussjubel wird am Freitag nicht anders sein. Die „Caravaggio“-Choreografie hat Mario Bigonzetti ihm auf den Leib geschneidert.

Malakhov humpelt ein bisschen

Malakhov fühlt sich wohl in seiner Rolle. Die Moskauer Glanzzeiten des „fliegenden Vladimir“ mit den atemberaubenden Luftsprüngen sind schon lange vorbei. Jetzt, nach der ersten Probe, humpelt Malakhov ein bisschen. In der Ballettwelt war er der erste Spitzenstar, der öffentlich auf die Nähe von Schönheit und Schmerz aufmerksam gemacht hat. Der freimütig über seine Knieoperationen gesprochen hat, über Schmerzmittel, über das Älterwerden.

Heute wissen wir, dass er das besser hätte nicht tun sollen. Es war der Anfang vom Ende. Von dem Zeitpunkt an wurde er öffentlich gedrängt, als Tänzer seinen Bühnenabschied zu nehmen und sich dafür mehr auf das Amt des Intendanten einzulassen. Er zeigte sich geradezu bockig. Er habe sich über die Forderung geärgert, sagt er. Er wollte selber entscheiden, wann er mit dem Tanzen aufhört. Auch diese beiden Vorstellungen will er nur als Abschied vom Staatsballett verstanden wissen. Vielleicht tanzt er künftig noch irgendwo bei einer Gala mit, sagt er, oder vielleicht macht ihm ein Choreograf ein passendes Stück. Große Handlungsballette werde er allerdings nie wieder tanzen.

Große Party für die Compagnie

Malakhov wäre gerne Chef in Berlin geblieben. Das gibt er ehrlich zu. Er weiß auch, welche Fehler er gemacht hat. Darüber will er jetzt nicht mehr reden. Aber er habe gelernt, was echte und falsche Freunde seien. Mit seinem Nachfolger Nacho Duato war er früher befreundet. Nur ist die Ablösung denkbar ungünstig gelaufen. Malakhov wusste nicht, dass die Berliner Kulturpolitik mit Duato verhandelte. Plötzlich stand er im Staatsballett seinem Nachfolger gegenüber. Danach herrschte langes Schweigen zwischen den beiden. Kürzlich sind sich Malakhov und Duato begegnet, gewissermaßen ungeplant auf dem Flur im Staatsballett. Duato hat ihn gefragt, ob er die Wiederaufnahme der „Bajadere“ im nächsten Juni vorbereiten möchte. Es sei ein kurzes, freundliches Gespräch gewesen, sagt Malakhov. Dabei verdreht er leicht die Augen.

Tschaikowsky braucht langes Haar

Während wir das Foyer de la danse durchqueren, schüttelt Malakhov plötzlich den Kopf, er trägt jetzt sein Haar länger. Passend zur letzte Rolle in Berlin, sagt er kokett. Am Sonnabend steht „Tschaikowsky“ auf dem Programm. Ein Stück, in dem sich „drei russische Seelen vereinen“, wie er sagt. Es geht um den großen Komponisten, Choreograf Boris Eifman hat den Tänzer Malakhov dafür in Szene gesetzt. Anschließend werden Jubelstürme losbrechen, seine Tänzer haben etwas vorbereitet, worüber vorher keiner reden darf. Es gibt Reden, und Malakhov lädt im Anschluss seine Compagnie, Freunde (seine Mutter ist bereits angereist) und Prominenz zu einer großen Privatparty ins Hotel Intercontinental.

Sein Leben danach beginnt als Jurymitglied in St. Petersburg und Istanbul. Ende Juni kommt er noch einmal für einige Tage zurück, um sein Büro aufzuräumen. Das sieht chaotisch aus. Zwei Türen weiter liegt das Büro seiner Stellvertreterin Christiane Theobald. Die beiden haben vor einem Jahrzehnt gemeinsam das Staatsballett gegründet und viele Schlachten gemeinsam geschlagen. Das ist vorbei. Sie wird, weiß Malakhov, am Sonnabend bei seiner Verabschiedung nicht dabei sein.

Schiller-Theater: „Caravaggio“ am 13.6. und „Tschaikowsky“ am 14.6.