Kino

Heiner Lauterbach spielt jetzt Rüpel und zahlt auch noch dafür

Der „Männer“-Star hat mit „Harms“ einen schmutzigen Gangsterfilm gedreht. Dafür ist er selbst unter die Produzenten gegangen, weil niemand sonst den Film finanziert hätte.

Foto: Rainer Jensen / dpa

So hat man ihn noch nie gesehen: Heiner Lauterbach mit Glatze, fiesem Schnauzbart und Tattoos auf dem Körper. In „Harms“ spielt er einen abgerissenen Gangster, der das ganz große Ding plant. Für den Film hat Lauterbach aber erstmals noch eine ganz andere Rolle angenommen: Er ist zum Produzenten geworden. Weil es Gernefilme im deutschen Kino bekanntlich schwer haben. Und weil Lauterbach ein wenig genervt ist von der Mutlosigkeit des deutschen Films.

Wir sprachen mit dem 61-Jährigen im Restaurant „Borchardt“.

Berliner Morgenpost: Heiner Lauterbach sprengt die Bundesbank: Wie kommt man auf die Idee?

Heiner Lauterbach: Niki Müllerschön, den Regisseur und Autor dieses Films, kannte ich flüchtig, seit 30 Jahren. Dann haben wir vor zwei Jahren erstmals zusammen gearbeitet. Und während der Dreharbeiten festgestellt, dass wir beide große Fans von Gangsterfilmen sind. So im Stil von Melville oder Scorsese. Wir haben aber auch festgestellt, dass es das in Deutschland gar nicht gibt.

Und Sie sagten sich, dann müssen wir das halt ändern?

Ja, genau. Und wollten Nägel mit Köpfen machen. Wenn schon, haben wir uns gesagt, dann gleich. Dann nicht erst warten. Nicht erst Fördermittel beantragen. Wir hocken uns sofort hin und schreiben das, die Mittel und Wege werden sich schon finden.

Beinahe wäre das Projekt aber geplatzt. Weil eine Firma, die Sie unterstützt hat, zwölf Tage vor Drehbeginn noch abgesprungen ist.

Wir wollten das ohne Kompromisse drehen. Aber die kamen dann plötzlich und meinten, dass es für Sie ein No-Go wäre, wenn eine Figur des Films so negativ bleiben würde. Die wollten uns quasi erpressen. Entweder wir schreiben das um, oder es gibt kein Geld. Da haben wir uns angeguckt und gesagt, so darf es nicht laufen. Also haben wir uns verabschiedet. Und es trotzdem gestemmt.

Ihre Produktionsfirma heißt Handschlag Film. Ist der Name auch Programm? Ein Mann, ein Wort. Und Hand drauf?

Ja, ganz genau. Wissen Sie, es wird so viel Blödsinn geredet. Banker, Politiker, was lügen die uns alle an. Was versprechen die nicht alles, was sie nicht halten. Ich will zu meinem Wort stehen. Ich wollte das schon im Namen haben. Auch wenn das schwierig wird mit Partnern. Weil man nach Handschlagprinzip ja kaum Verträge macht.

„Harms“ handelt von einem ziemlich fiesen Gangster, der aus dem Knast kommt und mit ziemlich fiesen Typen ein krummes Ding plant. So schlimm wie als Harms haben Sie noch nie ausgesehen. Und Sie reden kaum, Sie gucken nur. All das kennt man gar nicht im deutschen Kino. Ist das befreiend, einmal so zu spielen?

Na klar. Genau deshalb haben wir das ja alles gemacht. Nicht weil wir unbedingt produzieren wollten. Wir wollten mal so einen Film in Deutschland sehen. Und ich wollte mal so eine Rolle spielen. So egoistisch war das im Grunde. So etwas ist mir noch nie angeboten worden. Da musste ich das Heft halt selbst in die Hand nehmen. Wir wollten einfach mal was anderes.

Warum, was meinen Sie, gibt es so wenige Genrefilme im deutschen Kino?

Keine Ahnung. Und die wenigen, die es gibt, finde ich zum Teil auch echt langweilig. Man hört ja hin und wieder den Begriff neue Berliner Schule: Wenn ich solche Filme sehe, denke ich oft, soll das ein Stilmittel sein, eine Einstellung über vier Minuten zu halten, in der nichts passiert und keine Musik läuft. Für mich ist das erste Gebot im Kino: Du sollst nicht langweilen. Es hat natürlich auch mit der Förderung zu tun. Genrekino hat es schwer in Deutschland. Und wird auch nicht gefördert. Wir haben hier diese Hochkultur der Feel-Good-Komödie. Was sonst gefördert wird, muss einen extrem hohen Kunstanspruch haben. Wir gehören in keine dieser Ecken.

Hören wir da eine gewisse Frustration gegenüber Filmfördergremien heraus?

Von all den Filmen, die ich gedreht habe, wurden 98 Prozent gefördert. Insofern möchte ich jetzt nicht über das Fördersystem herziehen. Nicht aus Angst, dass ich sonst keine Filmangebote mehr bekommen würde. Oder zumindest nicht nur. Aber das macht man einfach nicht. Die Hand, die einen füttert, beißt man nicht. Aber ich sehe da durchaus einige Verbesserungsmöglichkeiten. Ich drehe gerade einen historischen Dreiteiler fürs ZDF. Wir drehen den in Prag, müssen aber danach auch in Thüringen und Bayern Szenen drehen, nur weil auch von dort Fördergelder drinstecken. Das ist natürlich idiotisch. Weil ja auch diese ganzen Umzüge des Teams wieder Kosten verursachen.

Sie haben den Film stattdessen selber finanziert. Müssen Sie jetzt Angst haben, ob der Film sein Geld auch einspielt? Weil Sie sonst persönlich in der Kreide stehen?

Nee nee. Der Film hat jetzt schon unsere Erwartungen übertroffen. Nachdem wir ihn gedreht haben, und zwar genau so, wie wir ihn haben wollten, sind wir ziemlich schnell bei RTL gelandet. Die wissen da auch nicht, ob er ankommen wird, aber sie wollen ihn sich leisten. Ich glaube ja, Geschmack ist etwas Dynamisches. Wenn man den Zuschauern immer nur regenwurmfressende Leute im Urwald zeigt, dann mögen die das irgendwann auch.

Sie weichen aus. Hätten Sie bei einem möglichen Verlust auch persönlich in der Kreide gestanden?

So schlimm wäre es nicht gekommen. Aber darüber müssen wir auch nicht mehr spekulieren. Wir haben den Sender. Wir haben auch einen kleinen Verleih gefunden. Ich habe sogar schon einen Preis für meine Rolle bekommen. Der Film hat schon sehr viel mehr erfüllt, als wir zu träumen wagten.

Sie haben schon einen zweiten Film produziert, eine Komödie. Sind Sie jetzt auf den Geschmack gekommen, werden Sie Produzent werden?

Wenn, dann nicht aus Überzeugung. Ich mache eher aus der Not eine Tugend

In „Harms“ spielen auch Menschen wie Axel Prahl und Friedrich von Thun in Rollen, wie man sie noch nie gesehen hat. Man sieht richtig, mit welcher Lust die spielen. War das auch eine große Befreiung?

Ich habe allen gleich gesagt: Schlimmstenfalls gibt’s gar kein Geld. Da waren alle erst mal zögerlich. Haben aber gesagt: Schick uns mal das Drehbuch. Aber als sie das gelesen hatten, waren alle dabei. Sofort. Endlich mal“, haben alle gesagt. Der Friedrich meinte: Wie lange habe ich darauf warten müssen, mal so eine fiese Michel-Piccoli-Rolle zu spielen? Klar gibt’s bei uns Schubladendenken. Da kannst du dich gut einrichten, aber raus kommst du nicht so schnell.

Wenn alle „Endlich mal“ sagen, warum ändert sich dann nicht endlich mal was?

Keine Ahnung. Ich weiß auch nicht, warum bei uns immer nur Polizeifilme laufen müssen. Tatort hoch und runter, auf allen Dritten Kanälen, und dann noch all die Sokos und Rosenheim-Cops undsoweiter. Nur Polizisten.

Vielleicht lösen Sie ja einen Trend aus?

Sagen wir so: Wenn das mehr Mut zur Folge hätte, mal was Anderes zu machen als nur diese Feelgood-Komödien mit all den androgynen Schauspielern, dann wäre das wünschenswert.

Sie haben diesen Januar überdies das Snowdance Festival mit aus der Taufe gehoben, eine Plattform für den Independent Film. Machen Sie damit so etwas wie Entwicklungshilfe? Damit bei uns auch mal was Anderes ins Kino kommt?

Als Schauspieler wirst du ja sehr oft von Filmstudenten angerufen: Wollen Sie nicht acht Wochen für mich umsonst arbeiten? Das gibt es sonst ja in keinem anderen Beruf. Aber die tun das mit einer großen Selbstverständlichkeit, und die sind beleidigt, wenn du absagst. Ich finde, ich habe das oft genug gemacht. Ich habe mein Soll erfüllt. Aber das Festival ist eine andere Möglichkeit, das zu unterstützen.

Bei Snowdance muss man ja sofort an Robert Redford und sein Sundance-Festival denken. Sind Sie jetzt der deutsche Robert Redford?

(lacht) So gut müsste man aussehen. Ich will mich da nicht in den Vordergrund spielen. Das ist vor allem das Festival von Tom Bohn. Aber der hat mich gefragt, ob ich nicht als Schirmherr dabei sein will. Und da bin ich gerne dabei.Klar, bei dem Namen haben wir schon ein bisschen gespielt. Es gibt ja auch ein Raindance Festival. Und da unser Festival in Landsberg am Lech läuft, im Januar, wenn’s kalt ist, bot sich das an. Da gibt es halt Schnee. Aber ja, das hab ich vielleicht mit dem Mann aus Sundance gemein, dass man im Alter ein bisschen gelassener wird. Und Erfahrungen weitergeben will. Und es macht mir wirklich großen Spaß, diese leidenschaftlichen jungen Leute hie und da ein bisschen zu unterstützen.

Sieht man sich da auch noch mal, wie man früher selber war, als Junger?

Nein. Ich war ja früher kein Filmemacher. Ich war Schauspieler. Da habe ich allerdings auch meine Erfahrungen gemacht. Ich habe unlängst ein Theaterstück geschrieben, dafür haben wir ein Casting gemacht. Da kamen so 15 Leute. Davon waren schon mal zehn zu spät. Und keiner von den 15 konnte den Text richtig. Die konnten den vielleicht hinstottern, aber mehr war’s nicht. Ich sagte denen: „Ich geb euch einen Ratschlag, wenn ihr den denn hören wollt, nach 40 Jahren Berufserfahrung. Auf den ich auch erst kommen musste, obwohl er ziemlich naheliegend ist: Lern deinen Text.“ So einfach ist das. Ich muss Sie nachts um drei Uhr wecken können und Sie müssen den rückwärts aufsagen können, dann können Sie es. Ich lerne meinen Text, wenn er denn anspruchsvoll und schwer zubehalten ist immer dann, wenn die Kinder um mich rum in der Küche toben.

Und das klappt?

Nur so. Wenn ich ihn in dieser Situation schnell aufsagen kann, dann erst habe ich den wirklich verinnerlicht. Dann bist du souverän. Und kriegst keine Schnappatmung mehr.

Nächstes Jahr ist es 30 Jahre her, dass „Männer“ ins Kino kam. Das war damals Ihr Durchbruch. Zelebrieren Sie das irgendwie mit Doris Dörrie und Uwe Ochsenknecht?

Mit Uwe telefoniere ich hin und wieder, weil wir demnächst etwas gemeinsam machen sollen. Und Doris habe ich zuletzt auf dem Filmball gesehen. Aber nein, ich glaube nicht.

Sie könnten auch 40 Jahre „Schulmädchenreport 9“ feiern. Ihr erster Filmauftritt.

(lacht) Das schon eher. Mit den Mädels von damals!

Scherz beiseite: Wie schafft man das, sich 40 Jahre in diesem Beruf zu halten?

Das ist schon ein ziemliches Haifischgewässer. Und es hat auch lange gedauert, bis ich meine erste Hauptrolle gespielt habe. Die ersten zehn Jahre habe ich mich nur mühsam über Wasser gehalten. Aber da lernst du viel fürs Leben. Man könnte meinen, dass könnte einem irgendwann auf die Nerven gehen. Aber am Ende des Tages ist es immer eine schöne Arbeit.

Seit „Männer“ sind Sie ja auch irgendwie der Experte für Männerfrage. Hannelore Elsner wird immer gefragt, wie es ist , als Frau zu altern. Sie werden in Interviews immer wieder gefragt, wer bei Ihnen zuhause die Hosen anhat, warum Männer keine Gefühle zeigen können. Nervt Sie das manchmal.

Erst heute kam sie wieder, die Macho-Frage. In einem Radio-Interview: Sind Sie ein Macho? Das hat sich irgendwann ausgelutscht. Das hat vielleicht mit dem Filmtitel zu tun. „Männer“. Selber schuld. Nomen est Omen. Wenn ich nett gefragt werde, ist es ein Leichtes, darauf auch nett zu antworten. Aber es ist ein bisschen wie chinesische Folter. Wenn der Tropfen immer an derselben Stelle tropft, wenn immer wieder dieselbe Frage kommt, dann macht dich das irgendwann rasend.

Sie halten das aber tapfer durch.

Der eine oder andere Produzent bedankt sich, dass ich auch noch mit der „Bild“-Zeitung spreche. Tun ja nicht mehr alle. Aber bei mir ist der Zug in dieser Hinsicht sowieso abgefahren. Wenn ich noch mal neu anfangen müsste, würde ich es mir vielleicht auch überlegen. Aber ich bin ja quasi ein Kind des Boulevards. Ich kann jetzt nicht anfangen, zickig zu werden. Ich habe ja mal Installateur gelernt und beim Bau gearbeitet. Ich kenne keine Standesdünkel, das ist mir total fremd. Ich überlege mir auch immer, ob man seinen Fans das nicht schuldig ist. Im Radio wurde ich auch gefragt, ob ich jetzt, nachmeinen wilden Jahren, zum Spießer geworden sei. Für mich war Spießer noch nie, selbst in meinen wildesten Zeiten, ein Schimpfwort. Für mich zählt nur, wie ein Mensch im Herzen ist. Ob der einen Gartenzwerg im Beet stehen hat, interessiert mich nicht.

Ihr Lieblingssport ist Fußball. Wie werden Sie die WM begehen?

Hochkonzentriert. Ich habe schon meinen ganzen Drehplan danach ausstecken lassen. Ein paar Fremdspiele werde ich wohl verpassen, aber alle deutschlandspiele sind Sperrtermine. Und ich gucke mir auch die Elfenbeinküste gegen Kasachstan an. Ich gucke die alle. Zuhause. Allein. Kein Public-Viewing.

Nicht mal die Familie?

Bloß nicht. Strengstes Verbot. Ich werde, was Fußball betrifft, einfach immer kauziger. Ich kann diese Kommentare nicht ertragen. Ich ertrag schon den Kommentator im Fernsehen kaum. Nein, das kann ich nicht verknusen. Ich muss das ganz in Ruhe gucken. Das wissen meine Lieben aber auch alle. Die lassen mich freiwillig allein.

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