Waldbühne

„Lange Haare, schlampige Kleidung“ - Die Stones ´65 in Berlin

1965 spielten die Rolling Stones erstmals in der Waldbühne. Danach war die Freiluftbühne lange nicht bespielbar. Musikjournalist Olaf Leitner erinnert an das Konzert, das in einem Exzess endete.

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Die Katastrophe hatte ein Vorspiel und hätte alle warnen müssen: Der Hauptdarsteller hieß Bill Haley. Seine Show am 25. Oktober 1958 im Sportpalast erfolgte unter tätiger Mithilfe des Publikums. Freudig erregt legte es den Konzertflügel aufs Kreuz, zerhackte Stühle und verprügelte das Schlagzeug der Haley-Band. Diese und ihr rundlicher Star gerieten in verständliche Panik und verdufteten Richtung Backstage.

Die Presse war begeistert, denn von nun an wusste man, dass Popkonzerte einen hohen Unterhaltungswert garantierten, zumal sich sieben Jahre später „die härteste Band der Welt“ ankündigte – die Rolling Stones. Sie waren vom Management auf „Bad Guys“ gestylt worden, um den Krawatten-Beatles das Konzept zu verderben.

Wir hatten damals ein Centerfold in der „Bravo“ bestaunt, das die Stones im Horror-Look präsentierte und uns anzog und gleichermaßen abschreckte. Wir, das waren die Team Beats Berlin, eine mäßig bekannte Amateurband, die fast jedes Wochenende in den Klubs der Teilstadt zum Tanz aufspielte. Wir hatten es zu einigen Singles gebracht und durften sogar im Star-Club Hamburg auftreten, dem Musentempel der Popkultur.

Wir wurden auch vom ZDF abgefilmt und in der „Drehscheibe“ untergebracht. Deren Moderator kündigte uns als „Deutschland angeblich populärste Beatband“ an und ergänzte: „Da fällt mir plötzlich dieser alte Affenwitz ein – was diese Affen gesagt hätten, wenn die Team Beats, die Sie gleich hören und sehen werden, hinter Gittern im Käfig gespielt hätten …“ Nein, die Foxtrott- und Marschmusik-Fraktion seinerzeit mochte die Musik der Kids nicht.

Selbst die liberale Hamburger „Zeit“ juxte anno 1966: „Wir haben lange überlegt: wen bitten wir, über die Blitz-Tournee der Beatles zu berichten? Bis wir dann auf den – zugegeben: etwas ausgefallenen – Gedanken kamen, dem Musikkritiker das Wort zu geben.“ Ulkig, nicht? Üblich war es ja, den Polizeireporter loszuschicken. Wir hatten bereits einen Manager. Der kam 1965 hoch erregt in den Proberaum, in dem wir gerade einen aktuellen Beat-Hit coverten: „Jungs – ihr spielt im Vorprogramm der Rolling Stones! 15. September – Waldbühne!“

Keine Gage, keine Verpflegung

Was dann kam, wird heute mit Praktikanten zelebriert: Gage? No, Sir. – Fahrgeld? No, Sir!! – Transportkostenübernahme? Nix da. – Verpflegung? Bringt doch ’n paar Schrippen mit. Vor den Stones und 22.000 Leuten spielen zu dürfen – das war Lohn und Brot genug.

Waldbühne. Mikrofonprobe im noch leeren Rund. Einmarsch der Polizei, assistiert von mordlüsternen Hunden. Das Areal füllt sich und wird zum tosenden Kessel mit Freudenfeuern, Knallfröschen, Gaspistolen, Raketen. Dem Nebenmann wird liebevoll eine qualmende Ladung Goldregen ins Gesicht gedrückt.

Der Manager der Tournee: „Ich bin mit den Nerven fertig und könnte heulen!“ Zwei Hüter der schon stark ramponierten Ordnung verdrücken sich: „Komm, Karl, hinten isset ruhjer!“ Ein Rias-Reporter beschreibt das Publikum so: „Lange Haare, schlampige Kleidung und dicke verschmutzte Pullover“.

20 Uhr, die Vorgruppen als Kanonenfutter. Wir mit Bammel durch den Tunnel zur Bühne. Im Vorraum wimmelt es von Polizisten. Noch haben sie gute Laune: „Na, Jungs, spielt mal ’n Walzer!“ Grinsen. „Was ist für Sie der Mythos der Stones?“ Ich habe ein Mikrofon vor der Nase. „Die verkörperte Rebellion gegen die Welt der Erwachsenen“, erkläre ich wichtig.

Der Reporter strahlt. Dann hinein in die Vorhölle: Eine riesige brodelnde schwarze Wand, darin das Publikum, das vereinzelt unsere Vornamen ruft. So was macht Mut. Ein gut gemeintes Setzei landet auf meiner Farfisa-Orgel. Zwanzig Minuten Vollgas. Erleichtert verlassen wir die Bühne. Wir waren herrlich naiv, stellten uns in den Katakomben auf, um die Stones zu einem Bierchen einzuladen. Als die dann in Richtung Bühne an uns vorbeipreschten, bekam ich einen kräftigen Schubs von – ich glaube, es war Mick Jagger. Oder Brian Jones? Immerhin!

Als endlich die Zauberformel „Die Rolling Stones!“ aus den Lautsprechern lärmt, bricht der Urschrei los. Mick Jagger lässt die Kippe im Mund baumeln, macht mit seinen Leuten Mätzchen. Das Publikum will mitmischen und auf die Bühne! Attacke! Die Steine rollen erschreckt zurück hinter die Bühne. Dann ein zweiter Versuch.

Vom Tourneestress offensichtlich ermüdet, spielen sie nun ihre Songs ziemlich lustlos herunter, bevor sie in Richtung Schlosshotel Gerhus verschwinden. Das Publikum begreift – die Show ist vorbei. Keine Zugabe? Jetzt explodiert der Kessel. Der örtliche Veranstalter knipst in Panik das Licht aus: „Bitte räumen Sie die Waldbühne, die Veranstaltung ist zu Ende!“

Alles wurde zertrümmert

Das Areal liegt nun im tiefsten Dunkel. Die meisten Jugendlichen streben den Ausgängen zu, sofern sie welche finden. Eine kleine verschworene Gemeinschaft entdeckt, wie verwundbar Sitzbretter sind, und beginnt, diese mit Lust zu zerknacken.

Es klingt, als ob ein Wald in Flammen stünde und sich das Feuer knisternd vorwärts schiebt. Flaschen schwirren durch die Nacht, Laternen werden verbogen. Die Polizei wird mit Absperrgittern beworfen. Verwundete werden vom DRK gestapelt.

„Beatmusik“ galt damals in Ost wie West als Höhepunkt dekadenten Künstlertums. Und so stieg für die West-Berliner „Abendschau“ Alexander von Bentheim in die Bütt: „20.000 Menschen in der Waldbühne, die wie ein Pulverfass explodierte als Tausende von jugendlichen Beatfans der Massenpsychose verfielen und aufgepeitscht durch die hämmernden Rhythmen nicht mehr wussten, was sie taten. Halbwüchsige hatten systematisch und mit geradezu krankhafter Genugtuung Bänke zertrümmert, Zäune umgerissen.“

Das Verhalten der Jugendlichen indes stieg zum Thema auf: „Ist das die Repression des Alltags innerhalb der Konsumgesellschaft, die Monotonie und Einförmigkeit, auch mangelhafte Bewegungsfreiheit in einer Arbeitswelt, die dem Einzelnen noch wenig Möglichkeiten zu seiner Entfaltung lässt?“, fragte Klaus Mollenhauer, Professor an der Pädagogischen Hochschule.

Sein Kollege Wilfried Gottschalch wies auf den „Funktionsverlust, den die Familien unserer Gesellschaft erlitten haben“ hin. Lange Zeit unbespielbar war die Waldbühne erst Jahre später wieder einsatzfähig. Die Stones kamen und kommen gelegentlich vorbei, Dienstag beispielsweise. Randale war gestern.

Der Autor, der spätere Musikjournalist und Moderator beim Rias, spielte damals bei der Band Team Beats Berlin die Orgel.