June Newton könnte man jetzt und hier auf eine Bühne stellen, sie würde mühelos ein Publikum für mindestens anderthalb Stunde unterhalten. Sie gibt die Mondäne, mit weißem, großen Tuch locker um den Hals geworfen, dickem Ring am Finger und der frechen Kugelbrille im Gesicht, die eher Studenten tragen. In ihrem ersten Leben, also vor der Heirat mit Helmut Newton, war sie Schauspielerin. Und das ist sie heute noch – mit 91 Jahren gelingt es ihr, wirklich alle mit ihrer Charmeoffensive einzuwickeln.
„Helmut“, erzählt sie, „wollte in Berlin immer gleich um die Ecke gehen.“ Das hieß: in die Kneipe. „Sausage“ war sein zweites Berliner Lieblingswort. Das hieß: Currywurst. Tatsächlich fiel das Wort von der Currywurst bei ihm häufiger, auf seine immer leicht schnoddrige Art bezeichnete es wohl sein Verhältnis zu seiner Heimatstadt Berlin, mit 18 Jahren verließ der Sohn jüdischer Eltern die Stadt. Sentimentalitäten leistete er sich nie in Bezug auf diese Stadt, nur eben in dieser Verbundenheit mit diesem Fleischding. Und dem ehemaligen Offiziers-Kasino, dem Sitz seiner Foundation.
Damals war es eines der letzten Gebäude, das er sehen konnte, als er den Bahnhof Zoo verließ. Dieses Haus blieb ihm als symbolträchtige Adresse im Kopf. Als Newton Teile seine Sammlung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz überschrieb, war das zugleich seine Art der Versöhnung mit dieser Stadt.
Jetzt sitzt June Newton also vor dem Mikrofon im Museum für Fotografie und zelebriert die Pressekonferenz mal wieder mit etlichen Lachern. Sie signiert Kataloge, als wäre sie der Star. Ist sie irgendwie auch, aus Monaco ist sie angereist, denn die Helmut Newton Stiftung wird zehn Jahre. 2004 wurde die Foundation unter dem Dach des Museum für Fotografie eröffnet.
Der Grundstock bestand aus einem Fundus von 1000 Bildern, Newton hatte sich zudem entschlossen, die Kosten für einen Kurator und die Renovierung der Räumlichkeiten zu übernehmen. Einige Monate vor der Eröffnung starb er, vieles war nicht geregelt. June Newton übernahm. 15 Ausstellungen wurden seither gezeigt, 1,1 Millionen Besucher strömten ins Museum.
Sie weiß, es ist nun Zeit, die Foundation in andere Hände zu geben. Manfred Heiting hat sie als Direktor auserkoren. Der Wahl-Kalifornier kennt Newtons Werk seit 40 Jahren, besaß mal selbst eine beeindruckende Kollektion zur Geschichte der Fotografie, stieg dann auf Fotobücher um, arbeitet an einer Datenbank. Er ist bestens vernetzt und kennt die halbe Welt, wenn es um das Medium geht. Wenn es nach ihm geht, dann soll das Newtonsche Werk in verschiedenen Ausstellungen nach China, Indien und Australien „exportiert“ werden.
Die Fotos scheinen zeitlos
Weiterhin will er in den Berliner Räumen die Newtonschen Fotos mit dessen Zeitgenossen und jungen Fotografen in Beziehung setzen. Vor seinem Tod hatte Helmut Newton sich noch für die Doppelschau „Us and Them“ und „Sex and Landscapes“ als Ausstellungseröffnung entschieden. Nun, zum Jubiläum, wählt June Newton die gleiche Kombination. „Um Kontinuität zu zeigen“, sagt sie. Man kann diese Idee nicht sonderlich originell finden, der Vorbehalt löst sich allerdings auf, sobald man inmitten der Schwarzweiß-Serie „Us and Them“ steht.
Die Motive kennt man, ja, aber auch noch Jahre später scheinen diese Fotos, teilweise aus den 70er-Jahren, zeitlos und erstaunlich modern. Zumal sich der eigene Blick auch ständig ändert. Ein recht intimes Fototagebuch des Ehepaars, das sich gegenseitig fotografierte. Die Kamera war wie der Joker in dieser wohl symbiotischen Ehe. June arbeitete unter dem Pseudonym Alice Springs. „Es gibt keine anderen Götter neben mir“, drohte ihr Mann.
Die beiden müssen jede Menge Spaß gehabt haben, auf jeden Fall den gleichen Humor und eine unbändige Lust an der (erotischen) Inszenierung. Helmut als Loverboy mit Goldkettchen, June, nackt, auf dem Zebrafell, mit Schlafmaske mitten im Hotelzimmer auf dem Boden liegend. Helmut in Hotpants und schwarzen High Heels als Sonnen-Lady. Der Mann hat verdammt tolle Beine!
Die Serie endet mit Newton auf dem Totenbett nach seinem Autounfall in L.A. Man sieht alles schonungslos, die hilflose June an seinem Kopfende. Sie weiß, was kommt und will es festhalten. Da hat sie bereits den Selbstauslöser gedrückt. Sie weicht dem Ende nicht aus, visualisiert es, um es zu veröffentlichen.
Blick in den Giftschrank
Parallel zu dieser losen Serie entstanden Fotografien aus der Welt des internationalen Jetsets und aus dem exzentrischen Künstler- und Freundeskreis, in dem die Newtons verkehrten: Charlotte Rampling, Jane Birkin, Brigitte Nielson mit Baby, Catherine Deneuve, Anjelica Huston.
Die Handschrift ist unterschiedlich: Während Helmut Newton auf Inszenierung setzt, bleibt seine Frau dichter dran an der Person. Newtons Honorare lagen teilweise bei 50.000 Dollar. Selbst hat er sich nie als Fotokünstler stilisiert, er sah die Auftragslage wie sie war: „Ich bin eine sehr teure Nutte“.
„Sex and Landscapes“ zeigt noch einmal, dass der gebürtige Berliner ein perfekter Flaneur der reinen Oberfläche war. Doch wer stößt sich heute noch an all den erotischen Ludern mit Peitsche, Lack und Leder? Niemand. Selbst Alice Schwarzer würde heute wohl abwinken.
So etwas wie einen kleinen Giftschrank gibt es dann doch im Separee „June’s Room“. Collagen des Gatten, der manchmal Horrorträume gehabt haben muss. Raketen, der Reichstag, lüsterne Männer und kleine Mädchen. Sehr roh und dennoch flüchtig scheint diese fast zeichnerische Apokalypse.
Doch da ruft schon June Newton: „Gibt es irgendwo Kaffee?“ Alles ist gesagt, findet sie.
Helmut Newton Stiftung, Museum für Fotografie, Jebensstr. 2. Di-Fr 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Sa/So 11-18 Uhr. Bis 16. November 2014.




