Kunst

Ute Mahler schätzt die Verlangsamung der analogen Fotografie

Fotografin Ute Mahler hat das Leben in der DDR dokumentiert. Gerade erschien ihr Bildband „Zusammenleben“. Im Morgenpost-Interview spricht sie über Privates, Propaganda und Schnappschüsse.

Foto: Reto Klar

Ute Mahler zählt zu den bedeutendsten Fotografen unserer Zeit. Sie studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Fotografie. Seit Mitte der 70er-Jahre ist sie als selbstständige Fotografin tätig, arbeitete in der DDR vornehmlich für die Zeitschrift „Sibylle“ und nach der Wende unter anderem auch für den „Stern“. Seit über 40 Jahren ist sie mit dem Fotografen Werner Mahler verheiratet, das Paar lebt in Lehnitz bei Berlin. Gerade erschien ihr Bildband „Zusammenleben“ (Hatje Cantz Verlag).

Berliner Morgenpost: Sind Sie ein fröhlicher Mensch, der gerne lacht?

Ute Mahler: Ich bin manchmal auch ein fröhlicher Mensch, der gerne lacht, ja. Aber ich glaube nicht, dass das ein Grundzug ist.

Ich stelle diese Frage, weil ich finde, dass Ihre Bilder etwas sehr Melancholisches haben. Die Personen darauf lachen selten, fast nie.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man das Wesen einer Person besser ahnen kann, wenn es nicht überdeckt ist durch Lachen. Selbst, wenn jemand ein sehr heiterer Mensch ist und ein sehr fröhlicher, finde ich die Andeutung von Heiterkeit besser als eine laute Heiterkeit. Es ist wirklich schwer, ein gutes Porträt eines lachenden Menschen zu machen. Da schiebt sich häufig etwas Lautes über jemanden und der Betrachter bleibt dann an diesem Vordergründigen stecken. Mich hat eigentlich immer mehr das Dahinter interessiert.

Eine ironische Frage – wurde im Osten mehr gelacht?

Da wurde ganz viel gelacht und vor allem wurde ja ganz offiziell gelacht! Ich glaube, daher kommt auch dieser Wunsch: Ich will einfach in ein echteres Gesicht sehen.

Ihre Bilder, gerade in diesem Buch, sind also auch ein politisches Statement?

Es war nicht so ganz bewusst und vordergründig. Ich habe versucht, Bilder zu machen, wie das Leben war, wie ich es empfunden habe, in diesem Land, der DDR. Und ich habe das Leben anders empfunden, als es in den Medien propagiert und gezeigt wurde. Und so war es schon ein Versuch und eine Aufgabe, genauer hinzugucken und das Echtere zu suchen.

Ihre Bilder haben eine herrliche Unaufgeregtheit. Inszenieren Sie oder sehen Sie sich eher als Beobachter?

Man muss unterscheiden, was ich fotografiere. Bei Modefotografie ist es ganz klar, da inszeniere ich natürlich. Ich brauchte aber auch das Gegenteil. Deshalb habe ich so gerne an diesem Projekt „Zusammenleben“ gearbeitet. Das ist reine beobachtete Fotografie, das ist reines Erwarten. Das ist wirklich, da ist nichts ausgedacht oder inszeniert. Es gibt Bilder, die sind ganz spontan entstanden, fast wie Schnappschüsse auf der Straße, wo ich einfach eine Situation gesehen habe, die ich passend oder auch sehr stark fand. Da habe ich erst mal fotografiert und habe dann erst erklärt, was ich mache. Um diesen besonderen Moment einmal zu haben, den man ja mit dem Ansprechen unterbricht und auch auflöst. Dann wiederum gab es Bilder, da habe ich einen ganzen Tag mit den Leuten verbracht.

Wie muss ich mir das vorstellen, wenn Sie sagen: Ich würde Sie gerne mal einen Tag begleiten – dann fühlen sich die Menschen doch immer von der Kamera beobachtet. Ob nun mehr oder weniger bewusst... Es gibt da zum Beispiel dieses eine Bild von dem Paar am Tisch... sie...

...raucht nach rechts und er trinkt nach links.

Genau. Würde man nicht eigentlich sagen: Mensch, komm, heute ist eine Fotografin da, heute müssen wir mal wirklich sehen, dass wir als Paar gut rüberkommen...

Das ist der Punkt: Als Fotograf ist man ja auch ein Fremdkörper und die Menschen versuchen erst mal ihre guten Seiten zu zeigen, gut auszusehen. Aber wenn man lange genug dort sitzt, dann vergessen sie es. Dann wird es echt. Gerade bei diesem Foto, das Sie erwähnen, das war eine Jugendweihe und man hat als Fotograf ja auch ein Gespür, wo ein guter Platz sein könnte. Und ich saß diesem Paar einfach vom Mittag bis zum Abendessen gegenüber.

Haben Sie immer eine Kamera dabei?

Nee. Für mich ist fotografieren wirklich Arbeit. Ich habe großen Respekt vor der Fotografie und wenn ich fotografiere, dann kann ich nur das. Also entweder ich gehe spazieren oder ich gehe fotografieren. Ich kann nicht beides. Aber man muss ja auch mal den Kopf von den Bildern frei kriegen.

Digitale Fotografie ist...

...ein sehr demokratisches Medium. Und da ist ja schon alles drin. Heute kann jeder fotografieren, aber man sollte nicht verwechseln, dass dieses technische Werkzeug zu beherrschen nicht gleich bedeutet, dass man ein gutes Bild macht. Wenn ich jemanden als Fotografen ernst nehme, dann geht es auch darum, was er mir wie zu erzählen hat. Und da ist es egal, ob man eine analoge Kamera benutzt oder eine digitale. Aber die Gefahr bei dem Digitalen ist oft, dass man allein durch Technik ein interessantes Bild machen kann. Man sieht auch zu schnell das Ergebnis, man vertraut gar nicht mehr dem Gefühl: Hab ich jetzt das Bild?

Analoge Fotografie ist...

...Verlangsamung. Und ich finde dieses Verlangsamen hat im Moment für mich wirklich eine ganz große Qualität. Weil es auch etwas Genaues beinhaltet.

Das heißt, wenn Sie heute fotografieren, dann analog?

Im Moment fotografiere ich analog, ich arbeite mit einer Großformat-Kamera. Die Entscheidung, welche Technik ich verwende, ist immer auch inhaltlich begründet. Ich fotografiere natürlich auch digital, aber das sind Entscheidungen, die mit dem Thema zu tun haben. Bei der fotografischen Arbeit für die Medien stellt sich diese Frage heute nicht mehr, man muss schnell sein, kann sich gar nicht mehr leisten, auf den Labortermin zu warten, es bezahlt einem ja auch niemand mehr den analogen Prozess.

Alle Bilder in dem Buch sind schwarz-weiß.

Das hatte einen einfachen Grund. Die Qualität der ORWO-Farbfilme war indiskutabel. Das Schwarz-weiß-Material war gut. Und ich konnte die Negative selber entwickeln, sofort die Bilder vergrößern. Fotografieren ist ja nicht nur das Draufdrücken, das ist ja auch diese Spannung. Was ist drauf? Die Negative sofort ansehen, wenn sie fixiert sind, und dann einen Print machen. Und sehen können, ob man das Bild wirklich hat.

Sehen Sie im Osten noch Motive, wie Sie sie gemacht haben – oder sehen Sie diese auch im Westen? Hat sich die Gesellschaft angeglichen?

Mit den Bildern aus „Zusammenleben“ beschreibe ich nicht die DDR. Mir ging es um das Miteinander. Ich glaube, diese Bilder hätte ich auch in der Bundesrepublik machen können. Ich habe 1990 einen Auftrag gehabt mit der DDR-Journalistin Holde-Barbara Ulrich für die Modezeitschrift „Marie Claire“ drei Wochen durch die Bundesrepublik zu fahren, sozusagen zwei Ost-Journalistinnen sehen den Westen. Das war spannend. Und dann habe ich drei oder vier Jahre später noch einmal so eine Tour durch den Osten mit der Stern-Autorin Birgit Lahann gemacht. Diese Bilder habe ich jetzt in Vorbereitung unserer großen Ausstellung in den Deichtorhallen in Hamburg das erste Mal wieder vorgeholt und habe eine unglaubliche Ähnlichkeit gefunden. Und habe mich dann entschieden, 16 davon in Hamburg in der Ausstellung zu hängen. Als Tableau – und nicht dazu zu schreiben, was wo ist. Und das find’ ich interessant, weil es eben zeigt, wie ähnlich wir uns waren und sind.

Zwei Bilder und Ihre Geschichten dazu, wenn es geht. Gleich das Bild am Anfang: Der Vater mit dem Kind...

Das ist ein Bild von meinem Mann und meinem Sohn. Ich selbst bin da unten rechts mit meinem Fuß auch noch drin. Ich hab das Foto, das ursprünglich nicht in der Serie war, mit hinein genommen, weil ich das Gefühl hatte, ich muss auch etwas von mir zeigen. Ich habe die beiden damals zweieinhalb Jahre lang immer fotografiert und so ist das Bild entstanden.

Und dann dieses wunderschöne Hochzeitsfoto...

Die beiden gehören zur Familie, ein etwas entfernterer Zweig. Wir waren zum Fest eingeladen – die Braut war schwanger, beide waren gerade 18 und ich hoffte, das könnte ein gutes Bild werden. Das ist auch eines der frühen Fotos.

Haben Sie Lieblingsbilder in dem Buch?

Ja. Alle!