Ach ja, die Zeit. Wir nehmen sie ja meist als etwas Schlimmes wahr. Weil wir sie nie haben. Und sie nur im Nachhinein begreifen, als etwas Vergangenes. Wenn wir vor dem Spiegel stehen, etwa. Schon wieder ein neues Fältchen, und da, schon wieder ein graues Haar. Oder wenn wir unsere Kinder ansehen. Gerade waren sie noch so klein, und jetzt gehen sie schon aus dem Haus. Aber, wer hätte das gedacht, es geht auch anders. Man kann im Kino sitzen und die Zeit verstreichen sehen. Und das ganz großartig finden.

Richard Linklater hat das geschafft. Sein neuer Film „Boyhood“ handelt letztlich von nichts anderem als diesem: vom Verstreichen der Zeit. Und vom Älterwerden. Und er zeigt das auf eine Art, die bislang einzigartig ist in der auch schon 120 Jahre alten Kinematographie. Er erzählt letztlich ein Familiendrama wie viele andere auch, vom Auseinanderdriften der Eltern, von einer alleinerziehenden Mutter, die sich beruflich wacker schlägt, aber privat immer an die falschen Männer gerät. Aber wie er das erzählt, das ist der Clou.

Die Stars altern in Echtzeit

Linklater hat zwölf Jahre lang, von 2002 bis 2013 gedreht. Und nie mehr als drei, vier Tage pro Jahr. Nun, im fertigen Film – 164 Minuten ist er und doch keine Minute zu lang – sieht man, wie die Kinder größer werden. Wie sie Pickel kriegen und in den Stimmbruch kommen. Der Clou ist, dass die Schauspieler dabei immer auch ihre eigenen Erfahrungen mit einfließen ließen. Patricia Arquette, die die Film-Mama spielt, ist in der Zeit selbst Mutter geworden, Ethan Hawke, der Film-Vater, hat auch Kinder aus einer früheren Beziehung.

Beide altern in Würde. Bemerkenswert sind die beiden Filmkinder. Linklaters eigene Tochter Lorelei spielt die Film-Tochter. Sein Hauptdarsteller Mason, der anfangs mit sechs mit großen Augen in die Welt guckt und am Ende mit 18 Jahren auszieht, dieser Mason wird von Ellar Coltrane gespielt, einem Laien, der hier nicht nur zu einem jungen Manne reift, sondern auch, was ja nicht abzusehen war, zu einem veritablen Schauspieler.

Logistische Meisterleistung

Was hätte nicht alles schiefgehen können bei dem Konzept! Allein die Schauspieler jedes Jahr zusammenzutrommeln, ist eine logistische Meisterleistung. Und was hätte Linklater getan, wenn sein Protagonist irgendwann in der schwierigen Zeit der Pubertät einfach keine Lust mehr gehabt hätte? Kein Studio wollte zudem in einen Film investieren, den man, wenn überhaupt, erst in vielen Jahren hätte auswerten können. Er entstand daher ganz intim, was nun sein größter Vorteil ist. Weil er daherkommt wie ein familiäres Homevideo. Und den Alltag zum Spektakel macht.

Echte Langzeitstudien im Film gibt es sonst eigentlich nur im Dokumentarbereich. „Die Kinder von Golzow“ etwa, die Barbara und Winfried Junge über 40 Jahre begleitet haben. Oder Michael Apteds „Up“-TV-Reihe, die 1984 mit „28 Up“ begann und 2012 bei „56 Up“ angekommen ist. Natürlich muss man auch an François Truffaut denken und seine Antoine-Doinel-Filme, die er mit Jean-Pierre Léaud gedreht hat. Oder die „Harry Potter“-Filme, wo man Daniel Radcliffe beim Wachsen und Reifen zusehen durfte. Für all diese Beispiele aber gilt, dass sie in Serie entstanden. „Boyhood“ ist der erste Versuch, der diese Zeitreise in einem einzigen Film verdichtet.

Verliebt in seine Filmfiguren

Linklater ist auf gewisse Weise schon immer ein großer Zeitforscher im Kino gewesen. Er habe, hat er auf der Berlinale gesagt, sein halbes Leben darüber nachgedacht, wie man Geschichte auf neue Arten erzählen könne. Und er versuche, „mit meinen Filmen den Rhythmus des Lebens zu imitieren.“ In seinen frühen Werken ging er dafür noch den anderen Weg. In „Slacker“ (1991) und „Dazed and Confused“ (1993) folgte seine Kamera je einen Tag seinen jugendlichen Hauptdarstellern auf Schritt und Tritt. Die Filme waren ziemlich handlungsfrei, aber multiperspektivisch, bis zu 100 Figuren war er dort gefolgt. Linklater wurde deshalb schnell zur Stimme der Generation X hochgejazzt – obwohl er doch eher den Babyboomern angehört.

Dann aber hat er sein Prinzip 1993 in „Before Sunrise“ auf ein einziges Paar angewendet, das sich zufällig kennenlernt und einen Tag miteinander verbringt. Er hat sich dabei in die Figuren, die July Delpy und Ethan Hawke spielen, so verliebt, dass er sie in Abständen von neun Jahren immer wieder besucht hat, in „Before Sunset“ und „Before Midnight“. Die „Before“-Filme waren nie als Trilogie geplant, aber es macht jetzt natürlich einen großen Reiz aus, sie hintereinander zu schauen. Und zu sehen, wie Delpy und Hawke mit- und aneinander wachsen.

Im Kino gibt es noch Magie

„Boyhood“ ist die Quintessenz dieser Idee im Zeitlabor des Richard Linklater. Der Mann, der in Houston geboren ist und noch heute in Texas wohnt, in Austin, hat ebenda seine Familiengeschichte verortet. Und man kann natürlich trefflich spekulieren, inwiefern es nicht auch seine eigene Boyhood ist, zumal auch Ethan Hawke, sein Alter Ego, ebenfalls aus Austin stammt. Doch Persönliches hin oder Her, bei Linklater wird die Zeit zu einer, das mag paradox klingen, stetigen Aneinanderreihung von Momentaufnahmen. In denen jeder sich mal in der einen oder anderen Figur identifizieren kann.

Ob es denn keine Magie gebe, fragt der kleine Mason einmal, nach einem Harry-Potter-Film, seinen Vater. Und der schüttelt den Kopf: „Keine Elfen.“ „Boyhood“ ist der Gegenbeweis: Doch, im Kino gibt es sie, die Magie. Das Altern, Reifen der Darsteller ist nicht nur der schönste (weil ganz natürliche) Spezialeffekt des Jahres. „Boyhood“ ist auch das schönste Filmexperiment der letzten zwölf Jahre. Warum der Ausnahmefilm auf der Berlinale nur einen Regie-Preis gewann und nicht, wie von allen erwartet, erhofft, den Goldenen Bären, das muss man nicht verstehen. „Boyhood“ wird es verschmerzen. Der Film ist ein Geschenk. Die Zeit, ihn zu sehen, sollte man sich unbedingt nehmen.