Kinofilm

Tausend Mal gedreht, tausend Mal ist nichts passiert

Julie Delpy und Ethan Hawke haben ihren dritten gemeinsamen Film gedreht. Jetzt kommen sie mit „Before Midnight“in die Kinos. Privat geschnackelt hat es aber nie. Uns verraten sie ihr Erfolgsgeheimnis.

Foto: © 2013 PROKINO Filmverleih GmbH

Die Liebesgeschichte von Celine und Jesse begann 1995 auf der Berlinale. Seit ihrer ersten Begegnung in „Before Sunrise“ haben sie sich wiedergetroffen in „Before Sunset“ (2004) und kehren jetzt in „Before Midnight“, der an diesem Donnerstag in die Kinos kommt, als Ehepaar und Eltern zweier kleiner Töchter auf die Leinwand zurück. Und natürlich wird wieder ausgiebig über die Liebe und das Leben philosophiert.

Julie Delpy und Ethan Hawke sind nicht nur einfach die Gesichter von Celine und Jesse, sie haben mit ihrem Regisseur Richard Linklater auch als Ko-Autoren fungiert und sind damit so etwas wie die Seelen dieser Figuren. Wir haben die beiden zum Interview getroffen.

Berliner Morgenpost: Drei Mal in knapp 20 Jahren haben Sie dasselbe Liebespaar auf der Leinwand gespielt. Hat es in der ganzen Zeit eigentlich auch mal privat zwischen Ihnen gefunkt?

Ethan Hawke: Julie war einfach immer zu prüde.

Julie Delpy: Stimmt. Sehr. (lacht)

So prüde können Sie gar nicht sein. Eine der schönsten Szenen ist, wenn Sie im Film eine ganze Zeit lang ungeniert obenrum nackt mit Ethan streiten. Eine tolle Szene.

Delpy: Das hat Ihnen gefallen. Ich kann es mir vorstellen. Ethan hat es auch gut gefallen. Er hat am Set immer damit rumjongliert. (lacht)

In den „Before“-Filmen gibt es etliche Weisheiten über die Liebe. Haben Sie das Gefühl, Sie kennen sich dadurch selbst gut aus mit dem Liebesleben?

Hawke: Nur ein Vollidiot würde von sich behaupten, dass er das Geheimnis der Liebe kennt. Wir sind definitiv die Letzten, die ein Selbsthilfebuch in Sachen Liebe schreiben sollten. Dafür haben wir in unserem Privatleben zu viel Durcheinander angerichtet. Ich zumindest.

Delpy: Es stimmt aber, ich werde auch ständig nach Ratschlägen gefragt. Ich soll dann Beziehungstipps geben. Aber ganz ehrlich, woher sollte ich das wissen. Ich habe vier Therapeuten. Oder sind es doch nur drei? Auf jeden Fall ist man da bei mir an der völlig falschen Adresse.

Wie viel von Julie Delpy steckt eigentlich in Celine, wie viel von Ethan Hawke in Jesse?

Hawke: Eigentlich ist alles nur erfunden, auch wenn es eine noch so schöne Vorstellung sein mag, dass die beiden so etwas wie unsere persönlichen Leinwand-Versionen sind.

Delpy: Ganz ehrlich, das wurde ich bei fast allen meinen Filmen gefragt. Auch bei „2 Tage in Paris“, „Familientreffen mit Hindernissen“ und natürlich immer wieder bei den „Before“-Filmen. Aber die einzige meiner Figuren, der ich ähnlich bin, ist „Die Gräfin“....

...die im Blut von Jungfrauen badete, um jung zu bleiben.

Delpy: Ganz genau die. (lacht) Aber ich habe wirklich nichts von Celine. Natürlich beziehen wir unsere eigenen Haltungen und Gefühle mit ein. Diese Filme haben etwas Wahrhaftiges, denke ich. Das ist ein Teil ihres Reizes. Es gibt keine Lügen, aber es ist trotzdem Fiktion. Ich kann es nicht anders beschreiben. Wir schreiben und erfinden solange, bis die Gefühle echt sind. Das ist mehr Arbeit als alles andere.

Hawke: Etwa die erste Szene des Films. Rick (Richard Linklater, der Regisseur) wollte den Film mit der Autofahrt der beiden beginnen. Celine und Jesse kommen in Griechenland an und unterhalten sich. Ich weiß nicht, so um die 10 Minuten lang. Und das soll einen zurückholen in die Realität der beiden. Mit einem Gespräch, das im Grunde komplett banal ist. Eigentlich ist es nur eine Unterhaltung. Aber so locker und normal sich das anhört, so wenig improvisiert ist es. Jede Pointe, jede Wendung, jeder Satz hat einen Sinn und macht einerseits klar, wo die beiden im Leben stehen, und andererseits wird der Grundstein gelegt für das, worum es im Film geht. Jedenfalls haben wir Tage und Wochen für dieses lockere Im-Auto-Sitzen gebraucht, ständig alles umgestellt und immer weiter gefeilt, bis es sich echt anfühlte.

Wie muss man sich das vorstellen, wenn Sie gemeinsam mit Richard Linklater am Drehbuch arbeiten?

Hawke: Wir haben eine Menge Spaß. Wir spielen die ganze Zeit mit Gedanken und Ideen herum und versuchen dann später, sie in eine klare Form zu bringen.

Gibt denn Linklater den großen Bogen vor und Ethan Hawke schreibt über Jesse und Julie Delpy über Celine?

Hawke: Nein überhaupt nicht. Da gibt es eigentlich keine Trennung. Jeder von uns schreibt auch die Sätze für den anderen.

Delpy: Es ist tatsächlich eine echte Zusammenarbeit. Die Geschichten, die Szenen, fast jeder Satz entsteht im Gespräch mit den anderen. Es ist wirklich ein einzigartiger Prozess, den ich sonst mit anderen noch nie erlebt habe.

Hawke: Und dann schreiben wir eine Zeit lang und sind echte Filmemacher, bis wir als Autoren gefeuert werden, damit wir uns aufs Textelernen konzentrieren und Richard nicht mehr die ganze Zeit reinreden.

Können Sie sich erklären, warum Sie mit Richard Linklater als Trio so gut funktionieren?

Hawke: Ich weiß es nicht. Wir verstehen uns einfach. Die „Before“-Filme gehören für mich zu den besten kreativen Erlebnissen meines Lebens und dass Rick uns ermutigt hat mitzuschreiben, hat mein Leben verändert. Nach „Before Sunrise“ habe ich ein Buch geschrieben...

Delpy: .. und ich habe danach Regie geführt und einen Film geschrieben. Ich habe schon davor geschrieben, mich aber dafür geschämt.

Hawke: Ich auch.

Delpy: Und dann bekamen wir so viel positives Feedback, dass mir klar, wurde: „Oh, ich kann ja wirklich schreiben.“

Hawke: Es gab eine Kritik im „New Yorker“, darin stand, dass Linklater mit diesem oder jenem Dialog sein Genie beweisen würde. Das hatte aber ich geschrieben. Ich habe mich gefreut wie ein Schneekönig.

Drei Teile heißt nicht unbedingt, dass die Reihe zu Ende sein muss. Wird es noch weitergehen mit Celine und Jesse?

Hawke: Lassen Sie uns erst mal ein bisschen Luft holen. Wir haben diesen Film in nur fast sechs Monaten gestemmt. Da wollen wir noch nicht über den nächsten nachdenken.

Delpy: Es kann schon sein, dass wir noch einen machen, aber nur dann, wenn wir wirklich etwas zu sagen haben, wenn wir wirklich etwas erzählen wollen.

Hawke: Wir wollen auf keinen Fall, dass irgendjemand danach sagt: „Oh, die hatten bestimmt Spaß, als sie den Film gemacht haben.“ So wie bei „Die Hard 5“. Ich wette, die hatten eine Menge Spaß. Aber wir wollen mehr. Wir wollen gemeinsam ein relevantes Kunstwerk erschaffen...

Delpy: Das klingt so prätentiös, Süßer.

Hawke: Ja, ich weiß.

Also keine Nostalgie?

Delpy: Nein. Wir haben jeden Film für sich und in seiner Gegenwart gemacht. Die nostalgischen Gefühle sind wahrscheinlich eher bei den Zuschauern zu finden. Ich glaube, wenn wir nostalgisch wären, dann würde es nicht funktionieren. Dann würde es schwülstig und sentimental werden.

Und wie würde der nächste Film dann heißen?

Hawke: Auf der Hand läge „Before Noon“. Einen guten Titel hätten wir also noch.

Delpy: Und im Scherz hatten wir auch schon: „Before we go crazy“. Oder „Before we die“.