Im Kellergeschoss findet die Pressekonferenz statt. Es ist kühl, muffig, darüber ragt die offene Ruine auf. Es ist der Tag des Baubeginns, es herrscht Gründerstimmung.
Im früheren Kulissendepot der Berliner Staatsoper Hinter der katholischen Kirche 2 in Mitte soll die Barenboim-Said Akademie entstehen, eine Musikhochschule, die vorrangig junge Musiker aus dem Nahen Osten ausbilden soll.
Um das ungewöhnliche Projekt zu erklären, haben sich Stardirigent Daniel Barenboim, Gründungsdirektor Michael Naumann und sogar Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) eingefunden. Sie vertritt den Bund, der dem Bauprojekt 20 Millionen Euro beisteuert. Insgesamt sind knapp 34 Millionen veranschlagt.
Eine Orchesterakademie
Die Idee der Nahost-Akademie begründet sich im West-Eastern Divan Orchestra (Wedo), das Daniel Barenboim gemeinsam mit dem amerikanisch-palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said 1999 in Weimar gegründet hat. Im Orchester sitzen junge Musiker aus Israel und arabischen Ländern friedlich vereint.
Am Anfang, erinnert sich Barenboim, haben 60 Prozent erstmals in einem Orchester gespielt, einige hatten zuvor noch nie ein Ensemble live spielen gehört. Inzwischen ist das Jugendorchester eine feste Marke im internationalen Klassikbetrieb. Barenboim ist stolz auf die musikalische Güte.
Lange hat er damit geliebäugelt, aus dem zeitlich begrenzten Projektorchester einen festen Klangkörper zu machen. Möglicherweise ist die Akademie ein Zwischenschritt. Mit deutlichen Worten erklärt der argentinisch-israelische Dirigent, dass das Wedo und die Akademie zusammen gehören werden. „Es wird eine Symbiose sein, eine Art Orchesterakademie.“ Das Modell sei in Berlin gut verortet. „Wir sind hier alle im Exil“, so Barenboim.
Absolventen sind „Friedensstifter“
Es wird in Berlin neben der Hanns-Eisler-Hochschule und der Universität der Künste die dritte Musikakademie sein. Was genau derjenige ist, der die Barenboim-Said Akademie absolviert hat, möchte jemand wissen. Monika Grütters gibt eine schnelle Antwort: „ein Friedensstifter“. Barenboim nennt sie zuerst Musiker. Aber es sollen schon besonders ausgebildete Musiker sein. Er plädiert für „das Denken mit den Ohren“. Das erfordere ein anderes Hochschulprogramm.
Im Herbst 2016 sollen die ersten Studenten einziehen. Neben dem musikalischen Unterricht, wie man sich bei Barenboim vorstellen muss nur bei den besten Lehrern, gibt es ein Studium Generale in Musik und Geistesgeschichte. Der Dirigent will die künstlerisch-pädagogische Leitung der Akademie selbst ausüben. Möglichst regelmäßig wolle er dabei sein, sagt er.
Er hat sich das schon ausgerechnet. Bislang ist er rund fünf Monate pro Jahr in Berlin. Und die Zeit, die er bislang als Musikchef an der Mailänder Scala verbracht hat, will er künftig in seine Akademie investieren. Die Wege sind für ihn dann auch kürzer, die Akademie grenzt direkt an das Intendanzgebäude der Staatsoper Unter den Linden an.
Monika Grütters hält die Akademie für eine „enorme Ergänzung zu dem, was es schon gibt“. In diesem Fall sei es ein großartiges Versöhnungsprojekt. Und da es schon ein Tag der großen Worte ist, erklärt sie, dass sie stolz darauf ist, dass „dieses Signal von Berlin“ ausgesendet wird. Kurz zuvor hat sie noch ausgeführt, dass es die kulturelle Vielfalt nicht nur in Berlin gibt. In Deutschland gäbe es die größte Dichte an Opernhäusern weltweit.
Solche Argumente sind typisch für die föderale Vorwärtsverteidigung von Bundespolitikern, die zusätzliche Kulturausgaben für die Hauptstadt entschuldigen müssen. Dabei ist eine Nahost-Musikakademie in Gera, Nürnberg oder Hanau kaum vorstellbar, sie lebt eben auch von der Nähe zur großen Politik, zu Botschaften, zu Sponsoren. Das Auswärtige Amt liegt schräg gegenüber.
Eine neue Adresse
Die Barenboim-Said Akademie wird ihren Haupteingang repräsentativ an die Französische Straße verlegen. Die gegenwärtige Adresse „Hinter der katholischen Kirche 2“ würde sicherlich auch einige im Nahen Osten verwirren.
Das neue Foyer mitsamt Café soll öffentlich sein. Es wird Büros, 21 Probenräume und ein Auditorium mit 100 Plätzen geben. Ein Highlight in Berlin wird sicherlich der angekündigte Pierre-Boulez-Konzertsaal mit 622 Plätzen sein. Der kanadisch-amerikanische Stararchitekt Frank Gehry hat ihn für seinen Freund Barenboim entworfen, kostenlos.
Es ist ein bautechnisch gewagter, überaus fantasievoller Entwurf, der Publikum im Rang sitzt fast wie auf einer Wolke. Der weltweit führende Akustiker Yasuhisa Toyota ist für das Projekt angekündigt. Barenboim hat schon ziemlich detaillierte Vorstellungen für die Konzertprogramme. In der Akademie soll es eine „Atmosphäre der Neugier“ geben, sagt der 71-Jährige. So wurde schließlich auch er von seinem Vater erzogen.





