Klassik

Ein junger Dirigent stiehlt der Virtuosin Gabetta die Show

Rätselhafter Dirigent: Der junge Pole Krzysztof Urbanski, 32, ist international erfolgreich. Jetzt gab er gemeinsam mit der Cellistin Sol Gabetta sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern.

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Viele waren vor allem auf die Cellistin gespannt. Sol Gabetta gab in Berlin ihr Debüt bei den Philharmonikern. Sie wurde mit Martinus erstem Cellokonzert gefeiert und signierte anschließend im Foyer lächelnd CDs. Überraschenderweise waren aber weder ihr Spiel noch ihr rotes Kleid das favorisierte Pausenthema, sondern der junge, merkwürdige Dirigent, dessen Auftritt einige Rätsel aufgab.

Man musste sich schon fragen, ob das echte Leidenschaft oder nur Show ist? Ob der elegant tänzelnde und seine Hände verdrehende Dirigent sich gar für Johann Strauß hält? Krzysztof Urbanski, 32, debütierte ebenfalls bei den Philharmonikern. Und dass er Adrenalin-Stöße abzufangen hatte, war schon daran zu erkennen, dass er einmal fast vom Pult gestolpert wäre. Es kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser schlankwüchsige Dirigententyp ungemein viel Charme und Originalität hat.

Urbanski stammt aus der polnischen Provinz, studierte an der Chopin-Universität in Warschau. Als Endzwanziger wurde er bereits Musikchef in Trondheim und in Indianapolis. Er dirigiert sich gerade quer durch die Klassikwelt, in Berlin hat er bereits beim Deutschen Symphonie-Orchester debütiert. Als Shootingstar ist er dem gleichaltrigen Gustavo Dudamel, der inzwischen als treuer Einspringer für Simon Rattle bei den Philharmonikern fungiert, vergleichbar. Aber wo der feurige Venezolaner mit dem Kopf durch die Wand geht, dreht der Pole erst noch eine bezaubernde Pirouette. Im Gegensatz zu Dudamel hat Urbanski eine klassische Kinderstube durchlebt. Er kennt genau, was er dirigiert.

Eine gewisse Atemlosigkeit

In seiner Detailbesessenheit ist er Rattle nicht unähnlich. Selbst in diesem an sich leichten Programm mit Smetana und Dvorak will Urbanski alles kontrollieren und ausdeuten. Dabei will Smetanas „Die Moldau“ zu Beginn nur gefällig dahin fließen. Urbanski dagegen will alle Ungeheuerlichkeiten am liebsten bis nach Loch Ness aufspüren. Und auch Dvoraks siebte Symphonie gerät in eine gewisse Atemlosigkeit. Es gehört zur Berufserfahrung zu wissen, wann man seine Musiker einfach machen lässt.

Immerhin weiß Urbanski bereits, dass ein Cellokonzert keine zwei Diven verträgt. Als Sol Gabetta erscheint, wird Urbanski ruhiger. Und so kann die Virtuosin im zweiten Satz die wenigen magischen Momente des Programms herausspielen. Musikalisch gesehen bleibt Sol Gabetta der Höhepunkt des Abend.

Statistisch gesehen haben meine Pausengespräche folgendes erbracht. Die Damen finden die Manieriertheiten des jungenhaften, attraktiven Dirigenten total süß, die Männer nicken zögernd. Wir können also davon ausgehen, dass Urbanski eine große Karriere bevor steht.

Berliner Philharmoniker: Am Sonnabend und Sonntag um 20 Uhr. Das Konzert am Sonnabend wird live in der Digital Concert Hall übertragen