Philharmonie

Warmes Frösteln bei Bachs Passion unter Simon Rattle

Peter Sellars inszeniert die „Johannes-Passion“ von Bach in der Philharmonie als spirituelle Erfahrung. Der Evangelist wird zum Seelentröster, Simon Rattle setzt rundum auf Klangschönheit.

Foto: Monika Rittershaus

Die Bühne in der Philharmonie ist mal ganz anders verteilt: Linker Hand steht oder wälzt sich singend der Rundfunkchor, rechts sitzen um Sir Simon Rattle herum ausgewählte Philharmoniker, die ihr Instrumentarium um Viola d’amore, Viola da gamba oder Laute erweitert haben. Und in der Mitte gestaltet der Evangelist eine Art Kammerspiel.

Johann Sebastian Bachs „Johannes-Passion“ hat sich der amerikanische Regisseur Peter Sellars dieses Mal vorgenommen. Er macht aus Bachs berühmter Passion das, was die Leipziger Ratsherren ihrem neuen Thomaskantor einst untersagten: Musik im „Theater-Styl“. Denn eigentlich stand die Passion, die am Karfreitag 1724 in der Leipziger Nikolaikirche unter Leitung Bachs aufgeführt worden war, im strengen Dienst am protestantischen Glauben. Längst ist sie auch in Konzert- und Opernhäusern beheimatet, was zuerst Bachs großer Musik zu verdanken ist. Die Philharmoniker haben die Passion bereits 1883 aufgeführt, ein Jahr nach ihrer Gründung. Sir Simon hat sie schon 2006 bei den Philharmonikern dirigiert.

Der Evangelist als Seelentröster

Eine halbszenische Aufführung hat aber ein ganz anderes Gewicht. Am Ende dieser „Johannes-Passion“ kommt es auch zu Irritationen im Publikum. Einige applaudieren ins Halbdunkel hinein, die Mehrheit schweigt andächtig. Fast verschämt verebbt der Applaus wieder. In der Kirche wird schließlich nach einem Gottesdienst auch nicht gejubelt, Bravo oder Buh gerufen.

Dann gibt Rattle das Zeichen und der Applaus brandet durch die Philharmonie. Nach den zweieinhalb Stunden fragt man sich schon, worin das Spirituelle dieser Aufführung eigentlich besteht. Rattle selbst faltet nach der Sopran-Arie, die mit „Dein Jesus ist tot!“ endet, am Pult die Hände zusammen. Wohl eine unbewusste Bewegung. Es geht also an diesem Abend um mehr als nur um Musik.

Gemeinheit und Frömmigkeit

Peter Sellars ist – nach Bachs „Matthäus-Passion“ an gleicher Stelle – eine ebenso bemerkenswerte wie merkwürdige Inszenierung über die letzten Tage von Jesus Christus gelungen. Es gehört schon einige Chuzpe dazu, den leidenden Jesus einer Art Gruppentherapie zu übergeben. Alle männlichen Darsteller treten in schwarzer Kleidung auf, was eher elegant modern denn archaisch bunt wirkt. Alle Bewegungen und Gesten sind kontrolliert.

Mark Padmore ist ein charismatischer Evangelist, der weit mehr als ein Propagandist ist. Mit seinem schlank geführten Tenor, der auch mal die Kopfstimme nicht scheut, gestaltet er die Rezitative gewichtiger aus als üblich. Sellars macht aus ihm den Seelentröster, der im Laufe des Abends irgendwie alle sanft berührt oder über die Bühne führt. Ihm zur Seite steht der Rundfunkchor Berlin, der alle Gemeinheit und Frömmigkeit, Hass und Liebe so wohlgeformt aussingt, dass es ein Abend des warmen Fröstelns wird.

Klangschönheit wird zelebriert

Alle Bibelfesten haben es sicherlich leichter, Sellars Sichtweise zu verstehen, aber genau genommen geht es in dieser Inszenierung mehr um Stimmung und Gefühl – vor allem Mitgefühl. Sir Simon lässt rundum Klangschönheit zelebrieren und hat dafür gute Sänger zur Verfügung. Bariton Christian Gerhaher ist entspannt als Pilatus und Petrus. Magdalena Kozena lässt vor allem in den höheren Lagen aufhorchen, wohingegen Tenor Topi Lehtipuu insgesamt etwas unausgewogen wirkt.

Camilla Tilling weiß zu strahlen. Gemeinsam lassen Chor, Solisten und Orchester Bachs Musik fließen, ja fast zerfließen. Die strenge Struktur, die Bachs Glaubensmusik auszeichnet, wird zugunsten einer Ausdrucksästhetik weit aufgelockert. Rattle will unbedingt das Innerste nach außen kehren. Das bringt Verhauchungen, Verzögerungen mit sich, dass Bach-Puristen manchmal Angst und Bange werden müsste. Es betrifft die Sänger wie die Instrumentalisten.

Eigentlich hat in der „Johannes-Passion“ der Chor einen Spagat zu vollziehen: Als Judenchor muss er den Tod des Leidenden fordern, sich gleich darauf voller Reue im Glauben wiederfinden. Gerade wegen der gehässigen Chöre steht Bachs Passion unter Generalverdacht, antisemitisch zu sein. Im Berliner Dom wird seit Jahren um protestantische Deutungshoheiten gerungen. Für eine Aufführung der Domkantorei wurde etwa jüdischen Künstlern ermöglicht, verletzende, ausgrenzende Texte auszutauschen. Vor Ostern ist wieder die szenische „Johannes-Passion“ des Berliner Eventdirigenten Christoph Hagel zu sehen, der seine Deutung in Sand, Blut und Gewalt auf Golgatha verortete.

Sparsame Gebärden

Mit ihrer weltfrömmelnden Ausdeutung sind Sellars und Rattle von solcherlei Zweifeln und Rauheiten meilenweit entfernt. Bei ihrer hochartifiziellen „Johannes-Passion“ durchzieht ein anthroposophischer Hauch die Philharmonie. Deren Erbauer Hans Scharoun gehörte übrigens mit seiner „organischen Architektur“ selbst dieser Denkrichtung an. Sellars spielt jetzt gekonnt mit den philharmonischen Weingärten. Seine Ritualisierung, die vorn auf der Bühne auf intimes Miteinander, etwas Eurythmie und sparsame Gebärden setzt, bezieht zugleich die große Runde der Zuhörer mit ein.

Und einmal flüchtet der große Chor („Eilt, ihr angefocht’nen Seelen“) in kleinen Gruppen die Gänge hinauf. Ihr schneidendes „Wohin?“ erzeugt einen atemberaubenden Rundhalleffekt im Saal. Das gibt es so in keiner Kirche. Die Perfektion und Präzision des Rundfunkchors ist wieder einmal ein Pfund, mit dem diese Aufführung wuchern kann.

Philharmonie: Noch einmal am Sonnabend um 20 Uhr