Als Mojca Erdmann in Jerusalem ankommt, gibt es erst einmal eine Überraschung. Sie trifft auf ihre frühere Geigenlehrerin Mihaela Martin, die ebenfalls am Jerusalem International Chamber Music Festival teilnimmt. Es ist eine fröhliche Begegnung gewesen, sagt sie. „Man trifft sich, probt in unterschiedlichen Gruppierungen. Viele Musiker kennen sich untereinander.“ Das Man-trifft-sich soll typisch sein für das von der Berliner Pianistin Elena Bashkirova, der Ehefrau von Stardirigent Daniel Barenboim, gegründete Kammermusikfestival. Das hat seit einigen Jahren auch einen Ableger in Berlin. Am Mittwoch beginnt das dritte „Intonations“-Festival im Jüdischen Museum. Mojca Erdmann ist mit von der Partie, natürlich als Sopranistin.

Im Klassikbetrieb aufgewachsen

Mojca Erdmann, 1975 in Hamburg geboren, ist als Musikerkind im Klassikbetrieb aufgewachsen. Ihre Mutter hatte Klavier studiert, Vater Helmut Erdmann ist Komponist. Sie hat Geigenunterricht ab sechs, dann im Kinderchor der Staatsoper, mit 14 Gesangsunterricht. In Köln studiert sie Geige und Gesang parallel. Dann fällt die Entscheidung. Noch während des Studiums, sie ist gerade 20, wird sie an die Komische Oper nach Berlin verpflichtet. Harry Kupfer, mit dem sie (als Sophie) jetzt im Sommer in Salzburg den „Rosenkavalier“ von Richard Strauss machen wird, war damals ihr erster Regisseur. Seit sie die Komische Oper verlassen hat, wird sie als Sängerin weltweit gefeiert. In dieser Saison hat sie knapp 60 Konzerte, gerade ist sie aus Japan zurück. „Ich reise viel herum und genieße das auch.“

Mit der Geige wieder aufgehört

Mit der Geige hat sie schnell wieder aufgehört. Ihre fehlte die Zeit zum Üben. „Bei einem Festival in Norwegen habe ich einmal mitgespielt, weil am Ende alle Streicher etwas gemeinsam gemacht habe. Da bekam ich eine Geige in die Hand gedrückt und es funktionierte noch.“ Sagt sie, und lacht, wie nur Sopranistinnen lachen können. In Jerusalem fühlte sie sich plötzlich an alte Zeiten erinnert. „Man hört sich gegenseitig bei den Konzerten zu. Irgendwie hat es mich auch an meine Studienzeit als Geigerin erinnert, wo ich auch viel Kammermusik gemacht habe. Das Ganze findet jetzt natürlich auf einem viel höheren Niveau statt.“

In diesem Jahr hat Elena Bashkirova ihr Festival auf zwei wichtige Daten, Jubiläen eingeschworen. Zum einen wurde vor 150 Jahren der Komponist und Dirigent Richard Strauss, ein Amtsvorgänger Daniel Barenboims an der Staatsoper, geboren. Zum anderen geht es um die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren begann. „Wo alles explodiert, auch musikalisch“, wie es die Festivalchefin ausdrückt. Mojca Erdmann wird genau diesen Bruch zwischen Tradition und Moderne vorführen. In der Sonntagsmatinee stellt sie, von Elena Bashkirova am Klavier begleitet, Schumanns Sechs Gedichte und Requiem op. 90 vor.

Lehrer und Schüler von Arnold Schönberg

Am Tag zuvor präsentiert sie den Lehrer und einen Schüler des Zwölftontechnikers Arnold Schönberg: Sie singt Alexander Zemlinsky Sechs Gesänge op. 13 sowie von Anton Webern die Lieder op. 12 und op. 14. Ein bisschen aufgeregt wirkt sie schon im Gespräch. Die Probenzeit sei doch knapp, sagt sie. Und gerade die Webern-Lieder hätten es mit ihren hohen Tonsprüngen und rhythmischen Vertracktheiten in sich. Dabei hat sie als Komponistentochter keinerlei Berührungsängste mit Neuer Musik. Möglicherweise sogar eher mit der Operntradition. „Mich interessiert neues Repertoire“, sagt sie: „Und Kammermusik macht mir viel Spaß. Ich will doch nicht nur jahrein, jahrein Opernpartien singen, die ich schon kann.“

Fast familiäres Miteinander

Sie komme gerne nach Berlin, sagt die in Zürich lebende Künstlerin. Das Festival verspricht „ein freundschaftliches, ja fast familiäres Miteinander“. Und bei der Gelegenheit wird sie auch ihrer Lehrerin Mihaela Martin wieder begegnen. Eine Woche später ist Mojca Erdmann bereits wieder zu Proben in Berlin, dann mit dem Scharoun-Ensemble, einer Vorzeige-Formation der Berliner Philharmoniker. Das gemeinsame Konzert folgt kurz darauf.