Premiere

Staatsoper zeigt Oper "Lulu" als Horror-Szenario

Die Staatsoper zeigt Alban Bergs Oper "Lulu" als Schreckensvision – mit Autowracks und Leichen. Wirklich überzeugend ist aber nur die Musik.

Foto: (c) Bernd Uhlig

Eine glückliche Festspiel-Eröffnung war das gerade nicht. Die Staatsoper führte im Schiller-Theater eine weitere Rekonstruktion von Alban Bergs „Lulu“ auf, die Berg traurigerweise als Fragment hinterlassen hat. Man nennt sie mit einigem Stolz vorab schon „Berliner Fassung“, dabei war gerade erst 2010 eine Rekonstruktion in Stockholm uraufgeführt worden, die Eberhard Kloke zu danken war. Von Friedrich Cerhas vielgefeierter und hochgelobter, 1979 von der Pariser Opéra uraufgeführter Version, ist inzwischen beinahe schon keine Rede mehr.

Man möchte wetten, der „Berliner Fassung“ von David Robert Coleman werden bald weitere folgen. Das Beste an Colemanns Version ist es, dass sie den müden, uninspirierten Abstecher Lulus nach Paris einfach aushebelt und ungesehen verschwinden lässt. Seine Version springt gleich nach London über und damit in den Tod. Lulu fällt dort Jack dem Bauch-Aufschlitzer zum Opfer. Dabei mangelt es „Lulu“ schon bis dahin an Leichen nicht. Die Staatsoper zeigt eine Schreckensversion der Oper. Regisseurin Andrea Breth hat sich mit ihrem Bühnenbildner Erich Wonder verschworen, aus der Inszenierung ein wahres Gräuel zu machen: Abbild sozusagen einer Massenkarambolage der Menschheit, ihrer Unfähigkeit zur Liebe, zu Verständnis, Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit.

Die Aufführung tritt auf der Stelle

Am Rande der Bühne ist ein riesiger Haufen aus Autowracks aufgeschichtet. Er gestattet gelegentlich kleinere Kletterpartien. Schon dafür ist der Zuschauer dankbar, denn es geschieht fast nichts auf der meist statisch behandelten Szene, wenn man von den meist rätselhaften Erscheinungen im Hintergrund absieht, die Jonglagen mit Boxhieben mischen, ohne dass man erfährt, um was es sich dabei handeln könnte. Der einzige Trost in dieser Inszenierungswüste ist der Quell der Musik Alban Bergs, die Daniel Barenboim aus dem hervorragend disponierten Orchester aufklingen lässt.

Er fasst sie mit außerordentlicher Delikatesse an. Er beschwört ihre Feingliedrigkeit, ihr Wiener Parfüm, ihre Seelenlandschaft und feiert sie nachdrücklich und voller Geduld. Die allerdings verzögert den dramatischen Ablauf deutlich. Die Aufführung kommt nicht lebhaft in Gang. Sie tritt auf der Stelle.

Das aber erweist sich mit der Zeit als nachteilig für die Sänger. Sie gehen mit ihrer Singkunst gewissermaßen wie mit vollem Mund auf der nackten Szene spazieren. Richtig aussingen können sie sich erst im Schlussakt, wenn urplötzlich ganz unerwartet die Bühne in Flammen steht.

Eine Qual für die Sänger

Colemans Eingriffe in das mehr oder minder vorhandene Original versuchen den Szenen musikalisch neue Kronen aufzusetzen. Sie machen ein wenig frischen Wind, verstehen sich darauf, Staunen zu erregen, lassen aber jene inzwischen sakrosankt gewordene Klassizität vermissen, auf die Alban Berg seit langem schon Anspruch hat. Sie lärmen am Ohr vorüber.

Das Schlimmste: die Aufführung scheint eine Qual für die Sänger. Sie stehen in Gruppen einander gegenüber, singen sich einander betatschend an. Die entzückende Mojca Erdmann in der Titelpartie hat darunter am meisten zu leiden. Jeder Mann rundum will ihr an die Haut, wenn auch nicht gleich direkt an die durchaus singbefähigte Kehle. Doch die leidet offenkundig darunter. Die vielen Sexualattacken, die sie über sich ergehen lassen muss, kommen der Reinheit ihrer Intonation auf die Dauer alles andere als zugute. Man ist von Herzen bereit, sie zu bewundern und für ihre hingebungsvolle Darstellung zu bedanken.

Stimmliche Überraschung

Es ist natürlich eine Freude, der großen Deborah Polaski auf der Staatsopernbühne wieder zu begegnen. Sie ist die Gräfin Geschwitz, auch sie Lulu verfallen, ohne indessen darüber an Würde oder, schwerer noch, an Treue zu verlieren. Sie segnet mit ihrer noch immer majestätischen Stimme und Haltung die sexuellen Schrecknisse des Geschehens ab. Die größte stimmliche Überraschung klingt aber aus dem weiblichen Jugendlager über die Opernrampe. Anna Lapkovskaja singt mit aller Frische und feinem vokalem Nachdruck den Gymnasiasten. Sie erweist sich in ihrer Nebenrolle als fähig, sie zu einer vokalen Hauptrolle aufzuwerten.

Den Männern fallen, bei dieser Inszenierung kein Wunder, die schwierigeren und undankbareren Aufgaben zu. Stephan Rügamer singt den zum Liebestod verurteilte Maler. Michael Volle beherrscht als Dr. Schön mit imponierender Statur und Stimme bei jedem Auftritt die Szene. Thomas Piffka ist Alwa, der hoffnungslos verliebte Sohn des Alten. Jürgen Linn singt den geheimnisvollen Schigolch, der möglicherweise Lulus Vater ist.

Ganz zum Schluss scheint die Bühne in Brand zu geraten. Jack the Ripper hat die arme Lulu mit Benzin übergossen und ihr ein brennendes Feuerzeug in die zierliche Hand gedrückt. Außerdem steht der Bühnenaufbau hoch droben über den Sängerköpfen urplötzlich in säuberlich flackernden Flammen: ein toller Effekt. Aber der spärlichen Inszenierung springt er nun auch nicht mehr zu Hilfe. Der Beifall flüstert anfangs prompt nur vor sich hin.

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstraße 110, Charlottenburg. G20354555. Termine: 4., 9., 11. & 14.4.