Kino

„Die Erfindung der Liebe“ ringt mit sich selbst als Film

Mitten während der Dreharbeiten zu „Die Erfindung der Liebe“ geschah der Super-Gau: Die Hauptdarstellerin verstarb. Jetzt kommt der Film doch noch in die Kinos. Und ist etwas ganz anderes geworden.

Foto: © COIN FILM / Govinda Van Maele / Govinda Van Maele,Govinda Van M

Es ist eine finstere Pointe, wie man sie sich eigentlich nur in Komödien ausdenken kann. Und nur die mit dem allerschwärzesten Humor. Da wird eine Schauspielerin beerdigt. Und noch am Grab bedrängt der Produzent den Drehbuchautor: „Du musst die Geschichte umschreiben, sonst bin ich geliefert. Wir haben die Hälfte schon gedreht.“

Und doch ist dies eine Pointe, die das Leben schrieb. Vor fast drei Jahren, im Juli 2011, drehte die Regisseurin Lola Randl ihren zweiten Film, „Die Erfindung der Liebe“. Am 24. Drehtag, einem Montag, war das Licht schon eingerichtet, das Filmteam in Köln zum Dreh bereit. Nur die Hauptdarstellerin aus Berlin kam nicht aus ihrem Wochenende zurück. Man erfuhr, dass sie schon am Vorabend zu einer Aufführung in der Berliner Volksbühne nicht erschienen war. Maria Kwiatkowsky wurde tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Die Todesursache war eine Überdosis Kokain. Die Schauspielerin wurde nur 26 Jahre alt.

Der Fall ging damals durch die Presse. Nicht nur, weil Maria Kwiatkowsky eine aufstrebende Schauspielerin war, die erst ein Jahr zuvor von der Zeitschrift „Theater heute“ zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gekürt worden war. Sondern auch, weil sie sechs Jahre zuvor, im November 2005, Schlagzeilen damit gemacht hatte, dass sie im Prenzlauer Berg in die Kita „Sonnenmäuse“ eingebrochen war, Feuer gelegt hatte und dann von der Feuerwehr auf dem Dach des Hauses gerettet werden musste. Sie habe das „aus privater und beruflicher Frustration“ gemacht, hatte sie später bekannt.

Sie wurde daraufhin von der Jugendrichterin Kirsten Heisig zu einer zweijährigen Jugendstrafe verurteilt, die später auf eine dreijährige Bewährung ausgesetzt wurde. Das Bizarre daran: Bekannt geworden war die junge Frau 2004 mit dem Film „En garde“, in dem sie ein verwirrtes Mädchen spielte, das ein Kinderheim anzündete. Sie war eine sehr feinnervige, aber wohl auch labile junge Frau.

Aus einer schwarzen Komödie wird eine rabenschwarze Satire

Lola Randl, das ist auch so eine fiese Pointe, hatte die Hauptrolle für „Die Erfindung der Liebe“ bereits besetzt, als sie auf Maria Kwiatkowsky aufmerksam gemacht wurde. Sie wollte davon nichts hören, sie wollte ihre Pläne nicht mehr umwerfen. Aber im Internet hatte sie sich dann doch die junge Berlinerin angesehen. Und sofort erkannt: „Sie passte, auf fast schon unheimliche Weise“, wie sie heute sagt, in diese Rolle.

Eine schwarze Beziehungskomödie sollte es werden. Von einem Mädchen, das einen Jungen liebt. Der eine reiche Frau vor dem Selbstmord bewahrt. Die aber sterbenskrank ist. Und so keimt in dem Mädchen der finstere Plan, ihren Freund in die Arme der Reichen zu treiben. Auf dass sie das Geld ihm vererbe. Und bald sterbe.

Natürlich wäre dann alles ganz anders gekommen in diesem Film. Aber dazu kam es nicht. Weil plötzlich das Mädchen selbst gestorben war. Und der Film mit ihr. Es sollte in der Folge zu einem hässlichen Rechtsstreit kommen. Weil die Filmversicherung sich weigerte, für die Schadenssumme aufzukommen. Der Fall ging bis vor den Bundesgerichtshof. Lola Randl hatte inzwischen einen anderen Film gedreht, „Die Libelle und das Nashorn“, mit Fritzi Haberlandt und Mario Adorf. Aber das alte Projekt blieb unvergessen. „Es war“, sagt sie heute, „immer klar, dass dieser Film gemacht werde musste, dass er zu Ende gebracht werden musste.“ Der Produzent Herbert Schwering dachte ähnlich. Auch aus wirtschaftlichen Gründen: „Hätten wir den Film nicht zu Ende geführt, hätte ich meine Produktionsfirma auch gleich schließen können.“ Und da sind wir dann wieder bei der Szene auf dem Friedhof.

Alle erklärten sich bereit, weiter mitzumachen

Die Regisseurin, der Produzent und der Autor Philipp Pfeiffer überlegten, wie sie „Die Erfindung“ neu erfinden können. Und das gesamte Team unterstützte sie dabei, was durchaus nicht selbstverständlich ist, befanden sich darunter doch Namen wie Mario Adorf, Sunniy Melles und Samuel Finzi. Begehrte Stars mit vollen Kalendern. Aber sie erklärten sich allesamt bereit, den Film zu vollenden.

Dass ein Film, der noch im Entstehen ist, nicht zwingend mit seinem Hauptdarsteller stirbt, das haben wir schon im vergangenen Jahr auf der Berlinale erleben dürfen. Dort wurde, 20 Jahre nach seinem Drogentod, der letzte Film mit River Phoenix, „Dark Blood“, uraufgeführt. Die letzten fehlenden Szenen erzählte der Regisseur aus dem Off. Das wäre bei der „Erfindung“ nicht möglich gewesen. Dazu hätte noch zu viel Material gefehlt.

Stattdessen wurde ein ganz anderer Film daraus, ein Film übers Filmemachen. In dem die Hauptdarstellerin stirbt und das Team ins Chaos stürzt. Da ringt ein Film mit sich selbst – und dieses Ringen wird zu seinem eigentlichen, neuen Thema. Da steht Sunniy Melles am Grab, die doch nicht die echte Sunniy Melles ist, und unter Tränen schluchzt: „Eine Schauspielerin kann man nicht ersetzen.“ Genau das aber wird getan. Die Regieassistentin soll ran. Die hat zwar noch nie gespielt, aber sie hat doch immerhin mal einen Workshop für Pantomime besucht. Der Rest wird dann sowieso digital bearbeitet. Und „schauspielern“, blafft Sunniy Melles, nicht die echte, aber die des Films, in die Kamera, „schauspielern kann doch jeder.“

Eine sehr schräge, sehr rührende Hommage

Teilweise ist das wie eine Mockumentary gedreht, wenn die (vermeintlich echten) Beteiligten direkt in die Kamera sprechen. Dann wieder wie ein nervöses Karussell überreizter Egoisten inszeniert. So wird eine bitterböse, durchgehend morbide, aber doch sehr erhellende - und, kaum traut man sich, das zu sagen - auch erheiternde Satire übers Filmemachen daraus. Da hat die Regisseurin im Film (Mira Partecke) was mit dem Hauptdarsteller, der sich aber in die Praktikantin verliebt. Da leidet der Autor unter einer Schreibblockade und wird vom Produzenten unter Druck gesetzt. Und Mario Adorf bekommt als Star einen vermeintlich typisch divösen Anfall. Lauter Klischees, die man von Dreharbeiten hat und die hier genüsslich durch den Kakao gezogen werden. Wobei die Regisseurin und der Produzent, so viel Selbstironie muss schon sein, dabei das meiste Fett abbekommen.

„Die Erfindung der Liebe“ wird so, auch wenn das jetzt zynisch klingen wird, zu einem ganz neuen, viel tieferen, wilderen, besseren Film. Ein Glanzstück des Genres Film-im-Film, in bester Tradition von Francois Truffauts „Amerikanische Nacht“ oder Blake Edwards’ „S.O.B. – Hollywoods letzter Heuler“. Und auch das: eine letzte, sehr schräge, aber auch sehr rührende Hommage der Branche auf eine allzu früh verstorbene Schauspielerin.

Foto: © COIN FILM / Heike Fischer

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