Mehrfach lehnt sich Otfried Laur, 72, ruckartig zurück und schüttelt den Kopf. Das sind die Augenblicke, in denen der Konzertveranstalter damit hadert, ob er die Anekdote jetzt erzählen oder sich besser in Diskretion hüllen sollte. Verschwiegenheit gehört zum Künstlergeschäft, er kennt sich damit bestens aus. 41 Jahre lang hat Laur die Berliner Konzertszene mitgeprägt. Inzwischen aber ist seine Veranstaltungs-GmbH eliminiert, am Sonntag findet mit Katharine Mehrling im Konzerthaus am Gendarmenmarkt das letzte von ihm veranstaltete Konzert statt. Fast unbemerkt verabschiedet sich eine Berliner Institution. Laur ist in bester Plauderstimmung.

Eine West-Berliner Institution

Eigentlich war diese Institution mal ein Trio. Papagei Otto, das viel fotografierte Maskottchen, musste montags bis freitags immer mit ins Büro. Vor vier Jahren ist er im Alter von 27 Jahren verstorben, es gibt keinen Nachfolger. Laurs Ehefrau Reni hat sich vor einem Jahr aus dem aktiven Geschäft in den Ruhestand daheim nach Spandau zurückgezogen. Zum Gespräch in die Geschäftsstelle des von ihnen 1967 gemeinsam gegründeten Berliner Theaterclubs e.V. – gleich neben dem Renaissance-Theater – ist sie mitgekommen. Das Ehepaar strahlt in die Kamera. Gleich nach dem Fototermin verschwindet sie in einem Nebenbüro, zwischendurch kommt sie mit einem Zettelchen wieder, auf dem der Name einer Gruppe steht. Ihm war die genaue Schreibweise entfallen.

Bei rund 300 Veranstaltungen pro Jahr ist das kein Wunder. Das in Buchform gedruckte Lebenswerk der Laur-Familie enthüllt unendlich viele berühmte bis vergessene Namen. Showkönig Harald Juhnke gab bei ihnen sein erstes Konzert. Berliner Debütanten waren die Sänger Klaus Hoffmann, Herman van Veen, das Klavierduo Katia und Marielle Labècque, Jungpianist Pascal von Stocki. Oder auch Max Raabe, den er in einem kleinen Klub aufgestöbert hat. Laur nennt ihn einen Knaller, er mag ihn: „Ein janz großes Highlight.“ Der junge Raabe wurde gerne gebucht. Und nachdem Laur kurz den Kopf geschüttelt hat, erzählt er vom Jubiläumskonzert eines Schlittschuhklubs, wo ein Gast auf Max Raabe zugestürzt kam, ihm einen Hunni in die Hand drückte und sich einen bestimmten Titel wünschte.

Wollte nie Unterhaltungs-Onkel sein

Auf Lieblingskünstler will sich Otfried Laur nicht festlegen. Er nennt den Jazzer Chris Barber und den Pantomimen Marcel Marceau. Ada Hecht hielt er für eine begnadete Chansonsängerin. Er habe ihr in der Philharmonie ein Konzert geschenkt, sagt Laur. Es klingt schwärmerisch. Was auf den ersten Blick so gar nicht zu ihm passen will. Otfried Laur ist eine seriöse Erscheinung, trotz der bunten Krawatte erinnert er eher – wie es urige Berliner sagen würden – an ’nen feinen Pinkel. Irgendwie ärgert es Laur schon, stellt sich im Gespräch heraus, dass er über die Jahrzehnte hinweg immer in die Ecke des Unterhaltungs-Onkels gestellt wurde. Triumphierend hält er die aktuelle Broschüre des Theaterclubs hoch, auf dem für „Die Trojaner“ in der Deutschen Oper geworben wird.

Genau genommen gehört Otfried Laur zu den Seismografen im bunten Berliner Kulturallerlei. Einer, der die Stimmungen aufspürt bei seiner Kundschaft, rund 25.000 Mitglieder hat der Theaterclub derzeit. Ein Beispiel: Als die Schauspielerin Nina Hoss vom Deutschen Theater zur Schaubühne gewechselt ist, konnte er ein verstärktes Interesse für das Berliner Theaterangebot insgesamt feststellen. Die Hoss hat eine Art Aufbruchsstimmung erzeugt. Ein anderes Beispiel: Nach der Wiedervereinigung hat sich Laur massiv für den Erhalt des Metropol-Theaters an der Friedrichstraße eingesetzt. Berlin braucht die Operette, sagt er. Damals hatte der Theaterclub kurzzeitig 50.000 Mitglieder. Rund um die Demos und die Schließung des Operettenhauses wurden auch die Subventionen für die Besucherorganisationen gestrichen. Auf die Berliner Kulturpolitik ist Laur gar nicht gut zu sprechen. Aber alle privaten Veranstalter, die auf Risiko gehen müssen, stöhnen über ungerechte Kultursubventionen.

Karriere hinter einem Bankschalter

Der gelernte Bankkaufmann, der seine Karriere hinter einem Bankschalter in Schöneberg begann, hat offenbar immer gut gerechnet. „Wir sind wohlhabend geworden“, gibt Otfried Laur – nach dem typischen kurzen Kopfschütteln – zu. Das eigentliche Geschäft begann 1973 mit der Gründung von Laurs Theater- und Konzertdirektion. Es ist eine West-Berliner Geschichte. Damals wurden Spezialprogramme für westdeutsche Schülergruppen subventioniert. Die wollten alle in Berlin am liebsten zu den Musikkomödianten Insterburg & Co., die sie aus dem Fernsehen kannten.

Das erste Geschäftsjahr gehörte ausschließlich dem Quartett, nacheinander trat es in der Kongresshalle, der Philharmonie und der Urania auf. „Die waren unheimlich fleißig“, erinnert sich Laur. Das Geschäftliche hat er mit Karl Dall gemacht, der damals auch der Einpeitscher war. Das ging lange Jahre gut, dann entschied sich Peter Ehlebracht, lieber Afrikaforscher zu werden. Das übrig gebliebene Trio „hatte eigentlich keene Lust mehr“, so Laur, die Konzerte liefen nicht mehr so gut.

Die furchtbarste Erinnerung

Ausgiebig schüttelt Laur den Kopf auf die Frage, was seine furchtbarste Erinnerung wäre? Dann spricht er doch über die Showtruppe „Les Oiseaux de Paradis“, die im ersten Jahr in Berlin erfolgreich war. Also buchte er sie gleich fürs große ICC. In einem Saal die Show, gleich daneben fand der Ball des Theaterclubs statt. Als er gerade mit dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen seine Häppchen nahm, protestierten plötzlich hinter ihm Besucher aus der Show. Nebenan im Saal hatte es Tumulte gegeben, Leute forderten ihr Geld zurück. Was war passiert? Der Tourneeveranstalter hatte im zweiten Jahr eine schnelle Ersatztruppe aus Mannheim zusammengestellt. „Das war furchtbar“, sagt Laur. Heute kann er darüber lachen.

Am liebsten spricht er über Künstler, die das Publikum sofort einfangen. Die Helga Hahnemann war so eine, und auch die Katharine Mehrling kann das, sagt Laur. Er freut sich auf den Sonntag, wenn sie zu seinem Abschied als Konzertveranstalter singt. Präsident des Theaterclubs e.V. will er zunächst noch bleiben, die zwei, drei Jahre bis zum 50-jährigen Bestehen. Er sucht noch einen Nachfolger.

Termin: Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Katharine Mehrling & Band. Am 27. April um 18 Uhr Tel. 3136031