Neulich im Sinfoniekonzert. Rätsel über Rätsel mal wieder. Warum steht der erste Geiger untätig herum, während das Orchester einstimmt? Wie halten die Musiker eigentlich Mahlers Dritte (Spieldauer schlappe eineinhalb Stunden) durch, ohne zwischendrin das Örtchen aufzusuchen? Und warum lässt der Dirigent beim Schlussapplaus erst das ganze Orchester aufstehen und danach nochmal einzelne Musiker?

Es gibt Fragen, für die erntet man von eingefleischten Klassik-Konzertgängern je nach Charakter und Gemütslage mildes Erstaunen bis verächtliches Kopfschütteln. Ist doch klar! Oder etwa nicht? Wirklich klar ist eines: Es gibt einen Verhaltenscodex bei klassischen Konzerten, der sich dem Novizen nicht ohne weiteres erschließt. Und von dem er sich schon deshalb ausgeschlossen fühlen kann, weil die Herren im Dienst auch noch so altmodische Kleidungsstücke wie einen Frack tragen. Jedenfalls abends. Nichtmusiker besitzen nur selten einen Frack. Das elitäre Image des schwarzen Anzugs mit dem Schwalbenschwanz kann für einschüchternde Distanz zwischen Bühne und Auditorium sorgen. Dabei galt er ursprünglich als Zeichen der Bescheidenheit: vor der Französischen Revolution trug man ihn nämlich in bonbonbunt.

Man setzt sich geschlossen aufs Podium

Was hat es mit all den Ritualen und Regeln auf sich? Sind sie wirklich eine Art Geheimsprache der oberen Zehntausend, dazu gedacht, Eindringlinge auszuschließen? Natürlich nicht. In seinem Urgrund dient das standardisierte Bühnenverhalten einem hehren Ziel, dem einzig legitimen Grund dafür, dass sich 2000 Menschen in einem Saal versammeln und die einen hochkonzentriert eine Leistung erbringen, während die anderen still zuhören: Es soll der Musik zur bestmöglichen Wirkung verhelfen. Keine Bühnenordnung und kein Gesetzwerk regelt die Choreografie, die Abend für Abend für einen reibungslosen Konzertablauf sorgt.

Gut, der Vorstand spricht schon mal ein Krawattenverbot aus. Und dass die Damen und Herren geschlossen auftreten und sich geschlossen hinsetzen, haben manche Orchester irgendwann beschlossen, während andernorts die Musiker tröpfelnd hereinkommen und jeder sein privates Virtuosenstückchen ins allgemeine Einstimmwirrwarr zirpt, hupt oder fiedelt. Vieles gehorcht dem gesunden Menschenverstand: Der Konzertmeister als primus inter pares übernimmt nicht nur musikalisch die Führung, sondern bestimmt auch, wann und wie eingestimmt wird. Und gegen Harndrang bei Mahlers Dritter hilft maßvolle Flüssigkeitszufuhr.

Bei Wölbungen öffne man den mittleren Knopf

Ansonsten aber ist die Bühne eins der letzten Reservate der Tradition. Da spielt es eben eine Rolle, wer vorausgeht und wer wann für wen aufsteht. Das hat nicht immer so fremd gewirkt wie heute. Viele Usancen kommen dem Publikum einfach deshalb sonderbar vor, weil die Konventionen in unserem Alltag einer gewollten Formlosigkeit gewichen sind. Dass etwa der Dirigent einzelnen Musikern den Schlussapplaus gleichsam zuteilt, hat in der freien Wildbahn kaum noch Entsprechungen.

Der Kölner Geiger und Instrumentalwissenschaftler Benjamín Ramírez hat die ungeschriebenen Regeln des Bühnenverhaltens in einem Aufsatz für die Mitgliederzeitung der European String Teachers Association zusammengetragen. Eine wahre Blütenlese ist das. Das beginnt schon bei Äußerlichkeiten: Noch bevor ein Ton erklingt, bestimmt schon die Kleidung der Musiker den ersten Eindruck. Sie soll dem festlichen Charakter eines Konzerts angemessen sein, aber nicht von der Musik ablenken. Deshalb schwarz. Und deshalb keine Ohrgehänge oder Ringe, die gegen das Instrument klackern. Ramírez weiß Rat, wenn sich ein Anzug im Brustbereich vorwölbt: Man öffne den mittleren Knopf. Männer werfen den Frackschoß nach hinten, statt sich auf sie zu setzen, und tragen bitteschön keine Ringelsocken.

Sieben Sekunden Verbeugen um 45 Grad

Und dann das Verbeugen! Wann geschieht es und wie kriegt man es synchron hin? Ramírez hat auf Videomitschnitten die Sekunden gezählt, die zwischen Schlussakkord und Verbeugen vergehen. Bei der Geigerin Anne-Sophie Mutter und dem Pianisten Lambert Orkis waren es exakt sieben. Wer solche Routinen verinnerlicht, spart sich den verlegenen Blick zu den Mitstreitern und manch optisches Durcheinander. Der Verbeugungswinkel beträgt 45 Grad nach vorn, die Füße zeigen geradeaus, der Blick geht nach unten. Vor dem Abgehen sollte man sich vergewissern, dass nicht gerade eine junge Dame vorhatte, einen Blumenstrauß zu überreichen. Riechen an den Blumen ist auf dem Podium unstatthaft! Noch Fragen?

Das alles erinnert in seiner unfreiwilligen Komik verdächtig an die Zentrale Dienstvorschrift der Bundeswehr, deren Nummer 3/11 die unsterbliche Anordnung getroffen haben soll: „Ab einer Wassertiefe von 1,20 m beginnt der Soldat selbständig mit Schwimmbewegungen.“ Aber nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten wird der Gesamteindruck des Konzerts wesentlich mehr vom Optischen beeinflusst, als den Zuhörern bewusst ist. Das Auge hört eben mit.

„Eine schauerliche Hölzernheit und etwas Närrisch Tierisches“

Welche Rolle das Bühnenverhalten spielt, zeigt sich eigentlich nur, wenn etwas schiefgeht. Wenn etwa der Dirigent zu schnell hinter der Solistin hergeht und auf den Saum ihres Kleides tritt. Oder wenn sich jemand so linkisch verbeugt wie 1830 der Geigenvirtuose Niccolò Paganini in Hamburg. Heinrich Heine war dabei und spottete: „In den eckigen Krümmungen seines Leibes lag eine schauerliche Hölzernheit und zugleich etwas närrisch Tierisches, dass uns bei diesen Verbeugungen eine sonderbare Lachlust anwandeln musste.“ Doch verging ihm der Spott mit dem erstem Ton.

Je mehr sich der Musiker der Wirkung von Bewegung und Körperhaltung bewusst ist, desto gezielter kann er sie steuern. Benjamín Ramírez geht noch weiter. Seine kühne These: Charisma kann man herstellee. Expansion nennt er das, will sagen die Eroberung des Raums durch Position und Körpersprache.

Applaus kann jeder haben, die Stille nicht

Gehen körperliche und musikalische Aussage organisch zusammen, kann das einen Teil jener Faszination ausmachen, die die Hörer oft empfinden, ohne sie begründen zu können. Mit seiner Körpersprache kann der Musiker die Spannung über das Ende eines Stücks hinaus bewahren. Welcher Hörer würde es wagen, in diesen Moment hineinzuklatschen, in dem der Geiger den Bogen oder der Dirigent den Stab noch in der Luft hält, als klänge die Musik noch weiter? Der berühmte Pianist Vladimir Horowitz hat dazu gesagt: „Es ist die Stille, die zählt, nicht der Applaus. Applaus kann jeder haben.“ Diese Stille hat mit Konventionen oder Ritualen nichts zu tun. In ihr kristallisiert eine existentielle Erfahrung, die 2000 Menschen gemeinsam durchlebt haben. Und für solche Erfahrungen gehen wir schließlich ins Konzert.