Ein kontroverser Mann

Thielemann ist eine Reizfigur, dabei will er nur dirigieren

Die Musik ist für den Berliner Dirigenten Christian Thielemann so existenziell wie seine Fahrten im Porsche. Macht ihn das sympathisch? Zumindest rast er nie, sagen Menschen, die ihn kennen.

Foto: © Matthias Creutziger / DG

Christian Thielemann fährt ziemlich oft zwischen Berlin und Dresden hin und her – natürlich in seinem Porsche. Sänger wie Klaus Florian Vogt wissen zu berichten, dass er dabei nie das Tempolimit überschreitet. Auch in diesen Tagen hat er es nicht eilig. Dabei hat die Stadt Dresden gerade den Vertrag mit dem designierten Intendanten der Semperoper, Serge Dorny, noch vor dessen offiziellem Amtsantritt fristlos gekündigt. Es herrscht Erklärungsnot. Welche Rolle spielt der Musikdirektor der Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann? Viele erwarten von ihm, ein bisschen auf die Tube zu drücken. Am Dienstag war Krisen-Pressekonferenz, unter anderem mit Thielemann und der Kunstministerin Sabine von Schorlemer.

Dieses war der vorläufige Höhepunkt einer langen Geschichte, die – wenn man sie wirklich verstehen will – auch sehr viel mit Christian Thielemann zu tun hat. Der Dirigent ist eine musikalische Reizfigur. Lange hat er es geliebt, sich mit dem Mainstream anzulegen. In Berlin gab er einst den großen Verehrer von Friedrich dem Großen und führte – aus musikalischer Überzeugung – die Opern von Hans Pfitzner auf, der dem NS-System nahe stand. Und, ja, noch heute wettert er gern gegen Alt-68er und behauptet, „Konservativ“ sei das neue „Modern“. So über-erwachsen er dirigiert, so sehr liebt er es, Sachverhalte auf griffiges Niveau herunterzubrechen. In der Musik ist diese Naivität seine Stärke, die Pfitzner-Renaissance war überfällig, und Thielemanns politischen Einlassungen haben längst nachgelassen.

Ohne Rücksicht auf Verluste

Nein, Thielemann ist kein Simon Rattle, der Musik als gigantisches Education-Programm versteht und auch kein Daniel Barenboim, der hofft, durch Beethoven Frieden in Nahost zu schaffen. Thielemann erwartet von der Musik einfach nur: den absoluten Rausch. Für ihn ist sie so existenziell wie seine Fahrten im Porsche. „Was Musik mit mir anstellt, ist so privat, so intim, so nackt, dass ich manchmal Angst habe, es zuzulassen“, sagt er. Und: „In diesen Augenblicken ist die Musik wie ein Dämon, der das Archaische in mir berührt und mich dazu zwingt, mich ihr vollkommen auszuliefern.“ Genau so dirigiert er auch: Ohne Rücksicht auf Verluste.

Seine Karriere verlief alles andere als geradlinig: Meisterkurse bei Karajan und Assistenz bei Barenboim. Dann erste Gehversuche in Nürnberg und Berlin – beide Male kündigte er. Aber es lohnt sich, die einzelnen Stationen genauer anzuschauen. Beginnen wir in Berlin. Wie glücklich war er 1997, endlich eine leitende Position in seiner Heimatstadt zu bekommen. Seine Wut auf die Hauptstadtoper begann erst sieben Jahre später.

Der Schauplatz war eine Berliner Pizzeria. Damals sollte Kirsten Harms den erfolglosen Zimmermann als Intendant der Deutschen Oper ablösen. Beim Essen trug Thielemann seine Erwartungen vor: bessere Bezahlung der Opern-Musiker, Ausbau des Orchesters, annähernde finanzielle Gleichstellung mit Rattles Philharmonikern und Barenboims Staatskapelle. Harms nickte und versprach, sich für diese Ziele einzusetzen. Schließlich verriet sie das Konzept aber in ihren eigenen Vertragsverhandlungen. An der Deutschen Oper sollte gespart werden, Harms war eine willige Vollstreckerin. Thielemann hatte das schon damals verstanden. Er hatte keine Möglichkeit, eine ernsthafte Konkurrenz zur Staatskapelle und den Philharmonikern zu etablieren. Also zog er die Konsequenz und ging.

Kommen und gehen

Ähnlich war es in München: Auch hier handelte Thielemann nicht nur einen lukrativen Vertrag für sich selber aus, sondern arbeitete die finanzielle Ausstattung des Orchesters in seinen Vertrag ein. Wieder wurde eine Stadt wortbrüchig – und er setzte sich in seinen Porsche.

Nebenbei hat Thielemann sich mit freien Dirigaten und besonders in Bayreuth etabliert. Das Wagner-Festspielhaus ist ein ähnlicher Opernkosmos wie Dresden: Beide Städte pflegen die Tradition, an beiden Orten hat Richard Wagner dirigiert, an beiden fühlt sich Christian Thielemann wohl. Er kommt gut mit dem Kapell-Intendanten Jan Nast aus, und auch Katharina Wagner weiß auf ihre fränkische Art seine Berliner Schnauze zu nehmen.

Nun also Dresden. Die Staatskapelle, das Orchester, das Richard Wagner seine „Wunderharfe“ nannte, schien perfekt zum Wagner-Dirigenten zu passen. Endlich konnte er ein eigenes Orchester entwickeln. Und so wie Daniel Barenboim einst die Staatskapelle Berlin zunächst als Konzert-Orchester autonom machte, um dann von ihren Qualitäten in der Oper zu profitieren, hält Thielemann es nun auch in Dresden. Er ließ sich nicht als Generalmusikdirektor der Oper (mit allen alltäglichen Pflichten und eventuellem Kompetenzgerangel) bestellen, sondern lediglich als künstlerischer Leiter der Kapelle. Er sicherte vertraglich einige Pflicht-Auftritte in der Oper zu, erbat aber neben Orchesterleiter Nast weitreichende Mitbestimmung.

Warum es in Dresden gekracht hat

Dresden wusste, wen es sich mit Thielemann holt: einen Dirigenten alter Schule, der alles der Qualität unterordnet und am liebsten selber entscheidet. Entweder man lässt sich auf einen wie ihn ein – oder nicht. Und Dresden vertraut Thielemann.

Was also ist genau passiert, dass es in Dresden krachte? Auf der Pressekonferenz steht der Schuldige fest: Serge Dorny habe sich nicht an die vertraglichen Absprachen gehalten, sei unflätig aufgetreten und zu Vermittlungen nicht bereit. Die Stadt zog die Notbremse. Während die Kunstministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) all das erklärte, saß Thielemann ruhig daneben: Er versteht die Aufregung noch immer nicht.

Zugegeben, es war mutig, als Dresden Dorny, der in Lyon ebenfalls als dickschädliger und egomaner Chef in Erscheinung getreten war, bestellte. Er teilte in einer Pressemeldung mit, dass er über Thielemanns Kompetenzen nicht aufgeklärt wurde, dass die Staatskapelle sich seinen Plänen für die Oper verweigert hätte und dass die Politik nicht hinter im stand. Schwer vorzustellen, dass er nichts über Thielemanns Rolle gewusst haben will. Zumal die Kunstministerin auf ihrer Pressekonferenz sagte: „Herr Dorny wusste aus den Verhandlungen detailliert von den maßgeblichen Inhalten des Vertrages mit Herrn Thielemann. Auf die eigene Lektüre des Vertrages, die ihm offeriert wurde, hat Herr Dorny verzichtet.“

Es steht also Aussage gegen Aussage. Im Vorfeld hat Thielemann sich öfters mit Dorny etroffen. „Es war eine anregende Beziehung“, sagt der Dirigent. Anders als in seinen Unterredungen mit Kirsten Harms fühlte Thielemann sich verstanden und schwärmte bei der Kapelle vom Aufbruch der Semperoper. Doch dann erfuhr er von Ungereimtheiten.

„Irgendwann“, sagt ein Mitarbeiter, „hat Herr Dorny begonnen, Mails nach jedem Gespräch zu verschicken.“ Und in denen stand offensichtlich nicht, was besprochen wurde, sondern, was der designierte Chef selber wollte. Das führte zu Irritationen. Thielemann selbst soll Dorny immer wieder um persönliche Gespräche gebeten haben, um Unstimmigkeiten aus dem Weg zu räumen. Manchmal bekam er eine Antwort, manchmal nicht.

Der Glaube an die Qualität

Dorny wollte das neue Logo der Kapelle ändern. Und er wollte Thielemanns Opern-Planung über den Haufen werfen. Unter anderem ist ein Dresdener „Ring“ in Planung. In einem der „Morgenpost“ bekannten Briefwechsel schrieb Dorny Thielemann eine längere Mail. Zunächst ging es wieder um das Logo, dann – eher en passant – darum, dass Dorny Thielemanns „Ring“ auf eine etwaige zweite Amtszeit verschieben wollte. Trotzdem hat Thielemann nach eigenem Bekunden keinen Grund gehabt, Dorny zu bekämpfen. „Ich weiß gar nicht, woher der Streit gekommen sein soll“, sagt der Dirigent, „ich habe sehr intensiv und gern mit ihm zusammengearbeitet.“

Letztlich geht es im Dresdener Krach um eine grundsätzliche Frage: Wodurch schaffen Opernhäuser heute noch ein Profil? Es gibt durchaus Beispiele für Intendanten-Opern, die mit schrillen Regisseuren das Feuilleton verzücken. Aber es gibt ebenso Beispiele für Häuser, an denen der bedingungslose Glaube an die musikalische Qualität in den Vordergrund steht. Thielemann hat viele Regisseure dirigiert, die seiner persönlichen Ästhetik sicher nicht entsprachen. Ignoranz kann man ihm nicht vorwerfen. Aber er glaubt in Fragen der Qualität eben immer auch an das Primat der Musik.

Für einige Beobachter sind die Stationen von Thielemann seit er Berlin verlassen hat nur ein Umweg, um zurück in die Hauptstadt zu kehren – als Nachfolger von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern. Manche glauben, dass Thielemanns Personal-Querelen in Berlin, München und Dresden ihn für dieses Amt disqualifizieren. Auf der anderen Seite aber wird immer klarer, wofür dieser Dirigent steht: Während überall das angeblich „Demokratische“ in die Klassik eingezogen ist, versteht Thielemann die Freiheit des Einzelnen ein wenig anders – er setzt sich für die Ausstattung seiner Orchester ein, will gemeinsam mit ihnen einen langen Weg gehen, am Klang tüfteln und nichts anderes tun, als perfekte Musik zu machen. Diese Qualität ist selten geworden. Die Kapelle hat sich bedingungslos für diesen Weg entschieden – und ist damit erfolgreich. Ob die Berliner Thielemann die nötige Freiheit geben wollen, ist offen. Sicher ist, dass sein Porsche den Weg von der Elbe an die Spree kennt.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.